idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo
Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
28.06.2019 09:10

Der technologische Wandel spaltet den Arbeitsmarkt in Deutschland

Gunter Grittmann Information und Kommunikation
Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW)

    Digitalisierung und Automatisierung bringen bis zum Jahr 2021 zwar ein moderates Beschäftigungswachstum in Deutschland mit sich, verursachen voraussichtlich aber auch eine steigende Einkommensungleichheit unter Arbeitnehmern/-innen. Entgegen der verbreiteten öffentlichen Wahrnehmung schafft der technologische Wandel perspektivisch mehr Arbeitsplätze, als er zerstört. Von zentraler Bedeutung ist allerdings weniger die Anzahl der betroffenen Jobs, sondern der Strukturwandel am Arbeitsmarkt, der sich mit voranschreitender Digitalisierung und Automatisierung vollzieht.

    Die Politik kann dem begegnen, indem sie den Unternehmen entsprechende Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen für die Beschäftigten erleichtert. Zu diesen Ergebnissen kommt ein Forschungspapier, das Wissenschaftler/innen am ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim und am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn erstellt haben. In ihrem Papier haben die Autoren/-innen verschiedene Szenarien zu den Folgen der Digitalisierung für den deutschen Arbeitsmarkt simuliert. Datengrundlage ist die repräsentative IAB-ZEW-Arbeitswelt 4.0-Befragung, die das ZEW in Kooperation mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) unter rund 2.000 Produktions- und Dienstleistungsbetrieben durchgeführt hat. Die Befragung umfasst Unternehmen, die im Zeitraum der Jahre 2011 bis 2016 bereits in Spitzentechnologien investiert haben. Das ZEW-Papier untersucht nun, wie Volkswirtschaft und Arbeitsmarkt in Deutschland künftig auf die Einführung dieser neuen Technologien reagieren.

    Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Pläne der Unternehmen, auch in Zukunft weiter in digitale und automatisierte Arbeitsprozesse zu investieren, leicht positiv auf die Beschäftigung in Deutschland auswirken. Besagte Investitionen führen demnach im Zeitraum von 2016 bis 2021 zu einem Jobwachstum von insgesamt 1,8 Prozent. Dieses Plus speist sich allerdings nicht aus einer steigenden Nachfrage nach den Produkten der Unternehmen. Vielmehr wirken neue Technologien in den Betrieben auf Arbeitskräfte eher komplementär als substituierend, das heißt: „Die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung sorgt dafür, dass Unternehmen zunächst eher zusätzliche Beschäftigte brauchen und einstellen werden, um die neuen Technologien einzuführen, als Personal abzubauen“, erklärt Dr. Ulrich Zierahn, Wissenschaftler im ZEW-Forschungsbereich „Arbeitsmärkte und Personalmanagement“ sowie Mitautor des Papiers.

    „Die vielfach prognostizierte Massenarbeitslosigkeit aufgrund des technologischen Wandels ist also unwahrscheinlich“, so Zierahn. Die strukturelle Veränderung auf dem Arbeitsmarkt wird daher nicht so sehr in der reinen Anzahl der neu entstehenden oder wegfallenden Arbeitsplätze sichtbar werden, sondern sich vor allem in den einzelnen Arbeitsinhalten der Unternehmensangestellten niederschlagen.

    Den Wissenschaftlern/-innen zufolge haben Jobs, die ein hohes Maß an interaktiven und analytischen Fähigkeiten voraussetzen, ein geringeres Automatisierungspotenzial als Jobs, die hauptsächlich von Routinetätigkeiten geprägt sind. Komplexere Tätigkeiten sind im Durchschnitt häufig besser bezahlt als Routinejobs. Entsprechend stellen die Forscher/innen fest, dass sehr gut (aus)gebildete und entlohnte Arbeitskräfte eher vom technologischen Wandel profitieren, als mittel bis gering gebildete und bezahlte Arbeitskräfte. „Digitalisierung und Automatisierung verschärfen die Einkommensungleichheit auf dem deutschen Arbeitsmarkt“, sagt Ulrich Zierahn.

    Die Simulationen des Papiers deuten weiter darauf hin, dass die Förderung der Arbeitskräftemobilität, also die gezielte Aus- und Weiterbildung von Beschäftigten, dazu beitragen kann, den kommenden Strukturwandel abzufedern. Unternehmen, Arbeitskräfte und Politik sollten daher nach Ansicht der Autoren/-innen des ZEW-IZA-Papiers verstärkt in Weiterbildung investieren, erstens um Arbeitskräfte für den Wandel auf dem Arbeitsmarkt fit zu machen und zweitens um sicherzustellen, dass die Unternehmen auch genügend Fachkräfte finden. Darüber hinaus sind Maßnahmen nötig, um sicherzustellen, dass vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen den Anschluss nicht verlieren.

    „Die Betriebe in Deutschland befinden sich gegenwärtig in einer Investitionsphase. Bis sich neue technologische Entwicklungen im betrieblichen Alltag durchsetzen und für eine höhere Produktivität sorgen, braucht es eine gewisse Zeit. Der Weg dahin ist natürlich kostenintensiv. Die Politik kann hier mit gezielten Maßnahmen Unterstützung bieten und so den Unternehmen helfen, langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben“, fasst Ulrich Zierahn zusammen.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Ulrich Zierahn, Tel.: +49 (0)621 1235-280, ulrich.zierahn@zew.de


    Originalpublikation:

    http://ftp.zew.de/pub/zew-docs/dp/dp19024.pdf


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
    Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).

    Cookies optimieren die Bereitstellung unserer Dienste. Durch das Weitersurfen auf idw-online.de erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung
    Okay