"No science - no future": Demonstration in Ulm gegen die Unterfinanzierung der Hochschulen in Baden-Württemberg

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31.10.2019 10:06

"No science - no future": Demonstration in Ulm gegen die Unterfinanzierung der Hochschulen in Baden-Württemberg

Andrea Weber-Tuckermann Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universität Ulm

    Die Botschaft, eigentlich adressiert an die Landesregierung, war gestern in Ulm nicht zu überhören: „Wir sind hier! Wir sind laut! Weil man uns die Bildung klaut!“ Rund 1500 Demonstrantinnen und Demonstranten hatten sich mit Trillerpfeifen, selbstgemalten Schildern, Transparenten und Bannern am Trauerzug durch die Ulmer Innenstadt beteiligt. Allen voran vier Sargträger mit einem echten Sarg; samt Trauerkranz und einer Schleife mit den Worten „Wir trauern um unsere Bildung“. Anlass waren die aktuellen Verhandlungen zum neuen Hochschulfinanzierungsvertrag, die nach Ansicht der Studierenden nichts Gutes erwarten lassen und auf eine Verstetigung des Mangels hinauslaufen würden.

    Unterstützt wurden die Studierenden bei dieser Aktion – Hauptorganisator war die Studierendenvertretung (StuVe) der Uni Ulm – von der Universität und der Technischen Hochschule Ulm. So waren auch zahlreiche Professorinnen und Professoren auf den Beinen sowie viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem akademischen Mittelbau. Seite an Seite mit den Studierenden liefen außerdem viele Uniangehörige aus der Zentralen Verwaltung. Wie es sich für einen Trauerzug gehört, kamen die meisten schwarz gekleidet; bis auf die Studierenden der Medizin, die in weißen Kitteln auf die Finanzmisere im Studium aufmerksam gemacht haben.

    Formiert hat sich der Demonstrationszug vor dem Ulmer Theater. Zuvor war ein großer Teil der „Trauergesellschaft“ vom Haupteingang der Universität mit Bus und Straßenbahn angereist – die SWU hatte dies mit einer engeren Taktung möglich gemacht. Nach dem Marsch durch die Innenstadt und Teile der Fußgängerzone trafen die Demonstrierenden am Rathaus ein. Auf dem Marktplatz vor dem Ulmer Museum fand schließlich gegen Mittag die Abschlusskundgebung statt.

    Abschlusskundgebung auf dem Markplatz
    Dort sprach Rebecca Blum, die mit ihrer kämpferischen Rede den Studierenden eine Stimme gab. Die studentische Vertreterin im Universitätsrat betrauerte all die Vorkurse, Tutorien und Repetitorien, die Workshops und Mentorien, die man in Zukunft – mangels ausreichender Finanzierung – wohl zu Grabe tragen müsse. Die Einsparungen gefährdeten so vieles, „was die Lehre an der Uni so gut und ihr Profil in der Lehre so einzigartig macht“. Unterbrochen von lautstarken Sprechchören wie „No Science! No Future!“ forderte sie die Landesregierung auf, die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen dieses Landes zu beenden. Auch wenn die fetten Jahre vorbei seien, gehörten Investitionen in die Bildung und Forschung zu den wichtigsten Maßnahmen, um die massiven Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

    Viel Applaus erhielt auch Universitätspräsident Professor Michael Weber von den Studierenden und Mitdemonstrierenden. Der Informatiker machte noch einmal deutlich, was die Universität Ulm in Forschung und Lehre leiste und dies auf einem erstaunlich hohen Niveau. Er belegte dies mit den Erfolgen aus der Exzellenzinitiative, mit hervorragenden internationalen Rankingergebnissen und immer neuen Drittmittelrekorden. „Doch die Grundfinanzierung, die uns die Grundausstattung dafür liefern soll, konnte hier nicht folgen“, so der Präsident. Die Zahlen stehen für sich: „Heute hat die Universität fast 50 Prozent mehr Studierende als noch vor zehn Jahren“, sagte Weber und betonte: „Wir sind hier versammelt, um für etwas zu demonstrieren“. Nämlich für eine verlässliche, ausreichende und aufwachsende Grundfinanzierung der Hochschulen sowie für gute und zukunftsorientierte Bedingungen für Forschung und Lehre. Denn: „Nimmt man die griffige Kennzahl `Grundfinanzierung pro Studierendem´ so ist diese heute, kaufkraftbereinigt, um mehr als 3000 Euro niedriger als vor 20 Jahren – das ist etwa ein Drittel weniger“, rechnet der Unipräsident vor.

    Professor Volker Reuter, Rektor der Technischen Hochschule Ulm, der im Anschluss sprach, erinnerte an den letzten Koalitionsvertrag der Landesregierung. Dort sei den Hochschulen mit dem größten Aufwuchs bei den Studierendenzahlen eine angemessene Kompensation versprochen worden. „Außerdem ist eine ausreichende Grundfinanzierung der Hochschulen ein Gebot der Fairness gegenüber der heutigen Studierenden-Generation“, betonte Reuter. Die Misere umschrieb er mit einem ungewöhnlichen aber nicht unpassenden Bild: „Stellen wir uns die Hochschulbildung einmal als Autobahn vor. Die Studierenden sind die Autos. Anstatt eine weitere Spur für den massiv zunehmenden Verkehr zu bauen, wird einfach der Standstreifen dauerhaft freigegeben“, so Reuter. Auf Dauer könne das nicht gut gehen.

    Der Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm, Professor Thomas Wirth, stellte die zunehmende Bedeutung der Gesundheitswirtschaft heraus. Doch gerade auch die Universitätsmedizin sei massiv unterfinanziert. „Gerne sonnt sich das Land in den Erfolgen der Exzellenzstrategie, übersieht aber, dass wir längst von der Substanz leben, beziehungsweise diese schon aufgebraucht haben“, beklagt Wirth und sagt weiter: Vor mehr als 20 Jahren gehörte Baden-Württemberg bei der Ausstattung seiner Universitäten zur Spitzengruppe, heute seien diese bis ins untere Mittelfeld durchgerutscht. Der Ruf nach Stuttgart könne deshalb nur lauten: „Sorgen Sie für eine zukunftsfähige Finanzierung! Die Rendite ist die Zukunft unseres Landes!“

    Eine laute und launige Rede hielt zum Schluss Felix Glöckler, Zweiter Vorsitzender des Promovierendenkonvents. Er kritisierte, dass bei der Ableistung der Lehre, die „Doktoranden so schnell über den Tisch gezogen werden, dass manche die Reibungshitze mit Nestwärme verwechseln“. Wenn der Vater Staat sich die „nährende Mutter“ Universität - die Alma Mater - so zur Brust nehme, wie dies die aktuellen Hochschulfinanzierungsverhandlungen befürchten ließen, liefe dies auf einen erweiterten Selbstmord hinaus: „Erst stirbt die Bildung und dann das Land!“

    Auch wenn die Stimmung für einen „Trauermarsch“ eigentlich viel zu gut war – die meisten Demoteilnehmerinnen und -teilnehmer waren wohl selbst überrascht über das enorme Ausmaß der Beteiligung – war die Veranstaltung ein großer Erfolg: Gelang es Ulm im Vergleich zu den anderen Hochschulstandorten im Land doch mit die meisten Studierenden auf die Straße zu bringen. Und einig war man sich auch: Nun ist Stuttgart am Zug, mit einem akzeptablen Angebot!

    Text und Medienkontakt: Andrea Weber-Tuckermann

    Zum Hintergrund:
    Die Verhandlungen zum Hochschulfinanzierungsvertrag II, der über die finanzielle Zukunft der Landesuniversitäten von 2021 bis 2025 entscheidet, sind im vollen Gange. Allerdings lassen bisherige Signale der Landesregierung vermuten, dass die Finanzierungslücken an baden-württembergischen Unis und Hochschulen weiter aufklaffen werden. Schon jetzt leidet die Ausbildungsqualität an den Landesuniversitäten unter der unzureichenden Hochschulfinanzierung: Teilweise müssen naturwissenschaftliche Praktika verkürzt und Betreuungspersonal reduziert werden. Oftmals kann die gewohnte Qualität nur durch erhebliche und unbezahlte Mehrarbeit des Lehrpersonals aufrechterhalten werden. Wird der Landeszuschuss nicht erhöht, könnte sogar ein Abbau von Studienplätzen notwendig werden. Aufgrund des Sanierungsstaus an vielen Hochschulen ist die Ausstattung von Hörsälen und Laboren schon jetzt veraltet.

    Ein Blick in die Statistik verdeutlicht die Lage: Vergleicht man den jährlichen Landeszuschuss pro Studierendem an baden-württembergischen Universitäten, hat sich dieser seit 1998 inflationsbereinigt um 3540 Euro – das heißt um etwa ein Drittel – verringert. Dabei studieren heute doppelt so viele junge Menschen an der Uni Ulm wie vor 20 Jahren. Zwar haben zeitlich befristete Ausbauprogramme wie „Hochschule 2012“ geholfen, den Ansturm auf die Universitäten im Zuge des doppelten Abiturjahrgangs zu bewältigen, doch inzwischen stabilisiert sich die Studierendenzahl auf hohem Niveau. Daher fordern die Landesuniversitäten eine Überführung dieser befristeten „Zweitmittel“ aus Ausbauprogrammen in den Grundhaushalt.


    Anhang
    attachment icon Studierende der Universität Ulm und der Technischen Hochschule Ulm bei der Abschlusskundgebung

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    fachunabhängig
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Studium und Lehre
    Deutsch


    Der „Trauerzug“ mit Sarg macht sich auf den Weg in die Ulmer Innenstadt


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    Studierende und Hochschulleitung der Uni Ulm kämpfen vereint für eine bessere Hochschulfinanzierung


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