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16.08.2010 11:51

Wie bewegt ist die „neue Väterbewegung“? Publikation der Universität Tübingen zur Elterngeldreform

Michael Seifert Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

    Seit der Reform des Elterngeldes, die eine Elternzeit für Berufstätige finanziell attraktiver machte, nehmen zwar mehr Väter eine Auszeit für die Kindererziehung, doch sie tun es im Durchschnitt kürzer als vor der Reform. Sie schöpfen damit die im Gesetz vorgesehenen sogenannten Partnermonate aus. Bei den Entscheidungskriterien für oder gegen die Elternzeit zeigen sich erste Tendenzen zu einer Verschiebung der Gewichte.

    Wirtschaftswissenschaften

    Am 1. Januar 2007 ist in Deutschland die Elterngeldreform in Kraft getreten. Das Bundeserziehungsgeldgesetz wurde durch das neue Bundeselterngeldgesetz ersetzt. Knapp anderthalb Jahre danach, im Juni 2008, zog die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Ursula von der Leyen, eine positive Bilanz der neuen Regelungen. Sie sprach von einer „neuen Väterbewegung“ und sagte: „Wir erleben gerade eine leise Revolution in unserer Gesellschaft: Immer mehr Väter beanspruchen bewusst Zeit für ihre Kinder.“

    Prof. Dr. Kerstin Pull und Dr. Ann-Cathrin Vogt vom Lehrstuhl für Personal und Organisation der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen haben jetzt in einer Studie bestätigt, dass Väter sich seit der Reform eher als vorher für die Inanspruchnahme von Elternzeit entscheiden. Doch sie machen Einschränkungen. Kerstin Pull: „Die Reform des Elterngelds hat dazu geführt, dass Väter zwar eher in Elternzeit gehen. Dafür übernehmen sie diese Rolle aber kürzer. Gründe dafür gibt es zwei. Zum einen nehmen die Väter im Wesentlichen die zwei Vätermonate in Anspruch. Zum anderen sind nach der Reform Elterngeld-Bezugsdauern von mehr als 14 Monaten, die vorher durchaus vorkamen, nicht mehr möglich. Ob damit die erhoffte Väterrevolution ins Rollen gebracht werden konnte, sei dahingestellt.“

    „Viel Lärm um nichts? Der Einfluss der Elterngeldreform auf die Inanspruchnahme von Elternzeit durch Väter“. Unter diesem Titel haben Kerstin Pull und Ann-Cathrin Vogt die Ergebnisse einer Online-Befragung veröffentlicht, in der im Jahr 2008 insgesamt 1290 Väter Auskünfte über ihre Entscheidung pro oder contra Elternzeit vor oder nach der Reform, die Dauer eventueller Elternzeit und die Hintergründe ihrer Entscheidung im beruflichen, sozialen und familiären Umfeld gegeben haben. Erschienen ist die Studie in der aktuellen Ausgabe von „Soziale Welt – Zeitschrift für sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis“ (Jahrgang 61, 2010, Heft 2, Seiten 121 bis 137).

    Mit der Reform ist gezielt versucht worden, beide Elternteile zu einer Elternzeit zu bewegen. Das Erziehungsgeld vor der Reform wurde für längstens 24 Monate gezahlt und betrug für Familien ohne oder mit sehr niedrigem Einkommen maximal 300 Euro im Monat. Anders als das Erziehungsgeld ist das Elterngeld eine Einkommensersatzleistung. Das bedeutet: Derjenige Elternteil, der seine Erwerbstätigkeit für die Kinderbetreuung unterbricht, erhält 67 Prozent des Nettoeinkommens der letzten zwölf Kalendermonate vor der Geburt des Kindes. Bei einer Teilzeitregelung wird der Teil des Einkommens ersetzt, der durch die Einschränkung der Erwerbstätigkeit wegfällt. Das Elterngeld kann im Monat bis zu 1800 Euro betragen. Mindestens aber werden 300 Euro gezahlt.

    Ein entscheidender Unterschied zwischen Erziehungsgeld und Elterngeld ist die Laufzeit. Ein Elternpaar kann Elterngeld für höchstens 14 Monate beziehen, wobei ein einzelner Elternteil die Leistung nur höchsten zwölf Monate lang erhält. Die zwei weiteren Monate, sogenannte Partnermonate, kann nur der andere Elternteil nutzen. Da es in der Regel die Mutter ist, die die Elternzeit beansprucht, sind diese Partnermonate auch unter dem Begriff „Vätermonate“ bekannt geworden.

    Für Berufstätige ist es mit dieser Regelung finanziell attraktiver geworden, Elternzeit in Anspruch zu nehmen; Eltern ohne Einkommen müssen dagegen Einbußen in Kauf nehmen, da sie zwar weiterhin 300 Euro bekommen, aber nur noch 14 Monate lang. Dies, so die Tübinger Forscherinnen, lasse die positive Bilanz der Ministerin zumindest als voreilig erscheinen.

    Unter den 1290 berufstätigen Männern, die den Online-Fragebogen ausgefüllt hatten, waren 263, die vor 2007 eine Entscheidung für oder gegen Elternzeit getroffen hatten, und 546, die die Entscheidung nach dem 1.1.2007 getroffen hatten. (Die übrigen hatten zum Zeitpunkt der Inanspruchnahme von Elternzeit kein Angabe gemacht.) Dadurch war es möglich, mit geeigneten Fragen zur Person und zu ihrer Einstellung zu Beruf, Familie und Ehe zu prüfen, ob die Entscheidungskriterien sich nach der Reform verändert haben.

    Ann-Cathrin Vogt: „Die Ergebnisse zu den Bestimmungsfaktoren der Elternzeit-Entscheidung entsprachen bis auf bemerkenswerte Details dem, was intuitiv zu erwarten war.“ Zum Beispiel ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Vater Elternzeit in Anspruch nimmt, um so geringer, je mehr er im Vergleich zu seiner Partnerin verdient, je mehr Arbeitsstunden er pro Woche leistet und je ausgeprägter seine Identifikation mit dem Arbeitgeber ist. Sie ist ebenfalls geringer, wenn der Bildungsstand des Vaters den seiner Partnerin übertrifft. Ein Vater geht um so eher in Elternzeit, je ausgeprägter seine Familienorientierung ist, je mehr Stunden Hausarbeit er schon vor der Entscheidung über die Elternzeit geleistet hat, je moderner sein Verständnis von der Verteilung der Geschlechterrollen ist und je weniger er befürchtet, die Elternzeit könne seiner Karriere schaden.

    Eines der Ergebnisse, das sich aus der Untersuchung statistisch gesichert – signifikant – ergab, mag ein wenig überraschen. Zumindest lässt es Rückschlüsse auf die Prioritäten der Väter zu: War ein Vater durch „Gewissenhaftigkeit“ und „Verträglichkeit“ gekennzeichnet, so sank dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass er sich für Elternzeit entschied. Diese beiden Eigenschaften waren offenbar mehr auf die Arbeit als auf die Familie bezogen.

    Hat nun die Reform die Entscheidungen der Väter verändert? Drei Kriterien haben vor der Reform die Entscheidung eines Vaters für die Elternzeit deutlich befördert und tun dies heute nicht mehr: wenn sein Einkommen geringer war als das der Partnerin, wenn die Partnerin vor einem Karriereschritt stand und wenn der Vater keine besonders extrovertierte Persönlichkeit hatte. Nach der Reform ist die Entscheidung des Vaters nun von diesen Kriterien unabhängig. Kerstin Pull: „Hier hat die Reform offenbar durchaus etwas bewegt.“ Stattdessen werden nun andere Dinge wichtiger. Ein Vater entscheidet sich heute deutlich weniger häufig für die Elternzeit, wenn er sich stark mit seinem Arbeitgeber identifiziert und seine berufliche Belastung hoch ist, und er entscheidet sich häufiger dafür, wenn er stark an der Familie orientiert ist. Großes Gewicht für eine positive Entscheidung zur Elternzeit haben nach wie vor eine Partnerin mit höherem Bildungsstand, die Teilnahme an der Hausarbeit auch vor der Entscheidung über Elternzeit, die Modernität des Geschlechterrollenverständnisses und eine geringere Sorge, sich ein Karrierehindernis zu schaffen.

    Eine Chance sehen die Autorinnen in der gesellschaftlichen Langzeitwirkung der Reform. Ann-Cathrin Vogt: „Wenn es gelingt, durch die Reform tragfähige Impulse in Richtung auf ein modernes Verständnis der Geschlechterrollen zu geben, etwa was die Verteilung der Hausarbeit angeht, und wenn die Reform mit der Zeit dazu führt, dass Männer, die in Elternzeit gehen, mehr soziale Akzeptanz erleben, dann dürften sich die Effekte der Elterngeldreform noch deutlich verstärken und möglicherweise irgendwann zu messbaren Auswirkungen führen – über die Inanspruchnahme von Vätermonaten hinaus.“ Die Daten der Studie liefern darauf erste Hinweise: Seit der Elterngeldreform erwarten Väter statistisch signifikant seltener, dass sich eine Elternzeit als Karrierehindernis entpuppen könnte.

    Nähere Informationen:

    Prof. Dr. Kerstin Pull
    Universität Tübingen
    Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
    Lehrstuhl für Personal und Organisation
    Telefon: 07071/29-78186
    E-Mail: P_O[at]uni-tuebingen.de

    Der Pressedienst Forschung Aktuell im Internet:
    www.uni-tuebingen.de/aktuell/veroeffentlichungen/pressedienst-forschung-aktuell.html


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Gesellschaft, Pädagogik / Bildung, Politik, Recht, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


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