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10.02.2011 11:59

Reizdarm: Mögliche Ursache sind überaktive Immunzellen

Dr. Andreas Archut Abteilung Presse und Kommunikation
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

    Mehrere Millionen Menschen in Deutschland leiden an dem so genannten Reizdarm-Syndrom. Die genauen Ursachen sind bis dato unbekannt. Als Auslöser geraten jedoch mehr und mehr bestimmte Immunzellen in Verdacht, die so genannten Mastzellen. Eine aktuelle Studie unter Federführung von Ärzten der Universität Bonn verleiht dieser These nun weiteres Gewicht: Die Forscher fanden bei vielen Patienten mit schwerer Reizdarm-Symptomatik deutliche Hinweise auf eine krankhafte Mastzellüberaktivität. Die Ergebnisse sind nun in der Zeitschrift für Gastro¬enterologie erschienen (doi: 10.1055/s-0029-1245707).

    Reizdarm-Patienten leiden unter häufig wiederkehrenden Darmkrämpfen, Blähungen und Verdauungsstörungen. Die Symptome können so gravierend sein, dass sie denen einer schweren Darmentzündung ähneln. Eine organische Störung ist bei den Betroffenen jedoch nicht festzustellen. In einer Pilotstudie haben Forscher aus Bonn und Krefeld bei 20 Patienten mit schwerer Reizdarm-Symptomatik untersucht, ob bei diesen Patienten eine Überfunktion der Mastzellen nachweisbar war. Im Fokus der Untersuchungen standen dabei nicht allein die Darmbeschwerden der Teilnehmer, sondern sie fahndeten zusätzlich nach einer Vielzahl von anderen Beschwerden: Traten bei diesen Patienten Hitzewallungen auf? Litten sie unter Gefühlsstörungen in Armen oder Beinen? Mussten sie wegen asthmaartiger Beschwerden behandelt werden? Klagten sie über Wortfindungs-, Konzentrations- oder Schlafstörungen?

    Verschiedene Symptome, eine Ursache

    Bei 19 der 20 Patienten fanden die Ärzte eine Häufung derartiger Begleitsymptome. „In ihrer Kombination sind solche Störungen nur durch eine krankhafte Mastzellüberaktivität zu erklären“, erläutert der Bonner Medizinprofessor Dr. Gerhard J. Molderings.

    Mastzellen sind Zellen unseres Immunsystems, die eine Vielzahl von Botenstoffen speichern. Bei Kontakt mit Viren, Bakterien, Parasiten oder auch Allergenen können sie durch Freisetzung von Botenstoffen eine Immunreaktion einleiten, verstärken und die Körperabwehr koordinieren. Sind Mastzellen jedoch genetisch verändert, können sie auch ohne Anlass aktiv werden und beispielsweise Entzündungssymptome auslösen. Da Mastzellen in allen Geweben und Organen des Körpers zu finden sind, kann ihre Fehlfunktion zu dieser Vielzahl von Beschwerden führen.

    Bislang wurde davon ausgegangen, in Deutschland seien lediglich einige hundert Menschen von einer primären Überaktivitätsstörung von Mastzellen betroffen. Die Ergebnisse der Studie deuten nun in eine andere Richtung: „Zumindest schweren Reizdarm-Symptomatiken kann eine systemische Mastzellüberaktivitätserkrankung zugrunde liegen“, sagt Molderings. „Das könnte allein in Deutschland Hunderttausende von Menschen betreffen.“

    Es ist schon lange bekannt, dass krankhaft veränderte Mastzellen auch Darmsymptome auslösen können. Erstaunlicherweise brachte man die beiden Krankheitsbilder aber lange Zeit nicht zusammen. Erst vor wenigen Jahren stellten Mediziner fest, dass bei Reizdarmpatienten häufig die Zahl der Mastzellen im Darm erhöht ist. „Unsere Studie belegt nun erstmals, dass Reizdarmpatienten häufig auch unter Symptomen einer Mastzellüberaktivität leiden. Man muss nur danach fragen“, sagt Molderings. „Auch wenn die Zahl der Patienten in unserer Pilotstudie gering war, ist das Ergebnis diesbezüglich doch sehr deutlich.“

    Für die Betroffenen sind die Resultate der Studie Grund zur Hoffnung: Möglicherweise lassen sich die überaktiven Mastzellen nämlich durch einen Cocktail aus Medikamenten bändigen, die deren Botenstofffreisetzung hemmen. Damit sollten sich dann auch die quälenden Reizdarm-Symptome bessern oder im günstigsten Fall gar beseitigen lassen.

    Professor Molderings hat den Fragebogen zur Erkennung einer Mastzellbotenstofferkrankung unter http://www.uni-bonn.de/~umv701/ zum Herunterladen ins Netz gestellt.

    Kontakt:
    Apl. Professor Dr. med. Gerhard J. Molderings
    Institut für Humangenetik am Universitätsklinikum Bonn
    Telefon: 0228/287-51060
    E-Mail: molderings@uni-bonn.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


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