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05.04.2011 09:13

Die Ursprünge verstehen – Neues Wahlfach "Evolutionäre Medizin"

Susann Huster Pressestelle
Universität Leipzig

    Die Lehre an der Medizinischen Fakultät Leipzig ist ab dem Sommersemester 2011 um ein Kursangebot reicher, das noch dazu in Deutschland bislang einzigartig ist: "Human Evolution and Anthropology". Zu den Dozenten aus den Bereichen Medizin, Biologie und Bioinformatik zählen ausgewiesene (Evolutions-)Forscher aus dem Leipziger Max-Planck-Institut und der Universität.

    Zwei Mal im Laufe des Medizinstudiums besteht die Möglichkeit, ein Wahlfach zu bestimmen, um entweder Fachgebiete zu vertiefen oder gänzlich Neues zu entdecken, auch außerhalb der Medizin. 20 Studierende ab dem 2.
    Fachsemester mit Interesse an der Menschwerdung haben nun erstmals die Möglichkeit, sich angeleitet von hochkarätigen Experten intensiv mit Populations- und Humangenetik, modernen Techniken wie der Genomsequenzierung bis hin zu Fragen entwicklungsbedingter Krankheitsentstehung zu beschäftigen. Wahlfachleiter Prof. Torsten Schöneberg vom Lehrstuhl für molekulare Biochemie, der auch die Einstiegssemester in Genetik unterrichtet, sieht dringenden Vertiefungsbedarf. "Genetik und Molekularbiologie sind die am stärksten wachsenden Felder in der Medizin, der Wissenszuwachs ist aufgrund der technischen Entwicklung explosionsartig. Der kann nachvollziehbarer Weise keinen Platz mehr im straffen Medizinstudium finden, ist aber enorm wichtig für die Vorhersehbarkeit und Diagnostik von Erkrankungen sowie die klinische Intervention. Deshalb ist ein Wahlfach angesagt."

    Die millionen Jahre in uns
    Dreh- und Angelpunkt der Evolutionären Medizin ist ein
    Dilemma: der Mensch ist nicht dafür geschaffen, 100 Jahre alt zu werden. Wir sind zwar in der Lage, die meisten Infektionskrankheiten zu bekämpfen, die uns früher aus dem Leben rissen, haben nun aber andere Probleme wie Demenz oder Krebs. "Wir wissen inzwischen, dass die meisten Zivilisationserkrankungen ein Produkt unserer Evolution sind", sagt Schöneberg. "Unser Körper ist für Lebensumstände geschaffen, die heute so nicht mehr existieren. Ursprünglich evolutionäre Vorteile fallen uns jetzt auf den Fuß." Ein Beispiel: Das menschliche Dasein war immer ein Suchen nach Energiequellen. Man musste wandern, Strapazen und Entbehrungen auf sich nehmen.
    Heutzutage ist das kein Thema mehr, denn teils sehr konzentrierte Energiequellen sind, zumindest in unseren Breiten, jederzeit verfügbar. Alle Mechanismen, die darauf ausgerichtet waren, Nahrung so effektiv wie möglich aufzunehmen und für schlechte Zeiten anzusammeln, werden also nicht mehr benötigt. Die Folge: weit verbreitetes Übergewicht mit Folgeerscheinungen wie Bluthochdruck und Diabetes.

    Individualisierte Medizin
    Aber auch die Frage, wohin sich der Mensch entwickelt, ist spannend. Denn die neuen Lebensbedingungen setzen uns wiederum unter Selektionsdruck. Die Populationsdichte hat zugenommen, wir leben in großen Städten, die schnelleren Infektionsübertragungen den Weg bereiten. Und wie wird es erst sein, wenn der Mensch den Planeten Erde einmal verlässt? Wenngleich das noch sehr futuristisch anmutet, ist die individualisierte Medizin ein ganz greifbares Thema. Schöneberg ist überzeugt, dass der "genetische Fingerabdruck" wie selbstverständlich auf dem Patientenchip dazu gehören wird, weil er die Informationen liefert, warum jemand erkrankt ist oder erkranken wird. "Wir versprechen uns viele Vorteile beispielsweise bei der Medikamentenanwendung. Viele Nebenwirkungen werden nämlich dadurch bestimmt, dass genetische Voraussetzungen (nicht) gegeben sind. Und das würden wir dann bereits vor der Behandlung sehen."

    Hochkarätige Leipziger Dozenten
    Die vielen Millionen Jahre in uns bergen Spannendes – der Begeisterungsfunke von Torsten Schöneberg springt schnell über. Nicht umsonst hält er Leipzig für die Hochburg genetischer Anthropologie. Das Max-Planck-Institut mit seinen großen populationsgenetischen Studien stehe dafür, aber auch die ausgeprägte Forschung zu Stoffwechsel- und Zivilisationskrankheiten der Hochschulmedizin.
    Folgerichtig gestalten Dozenten beider Häuser das neue Wahlfach, darunter klinische Mediziner wie Prof. Thiery (u.a. LIFE) und Prof. Stumvoll (IFBAdipositas), Bioinformatiker, Biologen und vom Max-Planck-Institut Prof.
    Svante Pääbo, die herausragende Forscherpersönlichkeit für unsere ausgestorbenen Vorfahren, und der namhafte Populationsgenetiker Prof. Stoneking. Er hat u.a. die Ko-Evolution von Parasiten am Menschen untersucht. An der Auseinanderentwicklung von Kopf- und Filzläusen konnte er messen, wann sich das menschliche Haarkleid getrennt hat bzw. Bekleidung angezogen wurde.
    Auch Prof. Ingo Bechmann, Leiter des Anatomischen Instituts, freut sich auf seinen Kursbeitrag im Mai: "Medizin ist nun mal keine Wissenschaft wie die Mathematik.Es ist viel schwieriger, mit der Eindeutigkeit Aha-Erlebisse zu erzeugen. Leipzig ist mal wieder Vorreiter, evolutionäre Erkenntnisse zu fördern!"

    Informationen zum Kurs:

    https://student.uniklinikum-leipzig.de/studium/wahlfaecher_vorklinik.ph

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    Weitere Informationen:
    Prof. Dr. Torsten Schöneberg
    Telefon: +49 341 97-22150
    E-Mail: torsten.schoeneberg@medizin.uni-leipzig.de
    www.uni-leipzig.de/~biochem/mbch_cms


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medizin
    überregional
    Studium und Lehre
    Deutsch


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