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08.06.2011 10:22

Wenn es mehr als der „Baby Blues“ ist: Tagesklinik hilft jungen Müttern

Holger Ostermeyer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

    Für Mütter, bei denen sich nach der Geburt ihres Kindes psychische Probleme bemerkbar machen, hat die Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden eine Tagesklinik eingerichtet. In einem sechswöchigen Therapieprogramm werden die Frauen gemeinsam mit ihren Babys betreut. Ziel der Einrichtung ist es, die Patientinnen beim Aufbau einer tragfähigen Beziehung zu ihren Kindern zu unterstützen und die mit ihrer neuen Mutterrolle verbundenen psychischen Belastungen aufzuarbeiten.

    Im ersten Jahr ihres Bestehens hat die Mutter-Kind-Tagesklinik 43 Patientinnen betreut. Dabei ist es dem aus Ärzten, Psychotherapeuten, Ergotherapeuten und Krankenschwestern bestehenden Team gelungen, den Zustand von zwei Dritteln der Patientinnen deutlich oder stark zu bessern. Im Frühjahr zog die Tagesklinik in helle, großzügige Räume in der Blasewitzer Straße 43. Den neuen Standtort präsentiert das Dresdner Uniklinikum am Mittwochnachmittag (8. Juni) erstmals dem Fachpublikum.

    Mütter werden nach der Geburt ihrer Kinder oft mit einem hohen Erwartungsdruck konfrontiert – stellen Kinder nach landläufiger Vorstellung doch das größte Glück dar, das eine Frau erleben kann. Doch allein die medizinisch-biolo¬gischen Fakten sagen etwas anderes: Mehr als die Hälfte der Mütter bekommen in den ersten beiden Wochen nach der Geburt den sogenannten Baby Blues. Ursache dieser Symptome einer leichten depressiven Störung sind die hormonellen Veränderungen, die sich durch das Ende der Schwangerschaft ergeben. Drei bis vier Tage kämpfen die Frauen mit einem oder mehreren Symptomen. Dazu gehören grundlose Traurigkeit, große Stimmungsschwankungen, die jungen Mütter reagieren sehr empfindlich, sorgen sich übermäßig um ihr Kind, haben Schlaf- und Appetitstörungen oder sind übermäßig erschöpft. Doch es gibt Mütter, bei denen verschwinden diese seelischen Probleme nicht so schnell, wie sie gekommen sind. Hier liegen oft schwerere, behandlungsbedürftige Störungen der Seele vor – etwa Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen oder Persönlichkeitsstörungen. „In diesem Lebensabschnitt sind die Mütter und ihre Kinder besonders verletzlich. Deshalb sind Behandlungsangebote in den ersten eineinhalb Jahren nach der Geburt besonders wichtig“, sagt Privatdozentin Dr. Kerstin Weidner, Oberärztin der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Dresdner Uniklinikums.

    Ein wichtiges Element der tagesklinischen Therapie ist der Aufbau einer tragfähigen Bindung zwischen Mutter und Kind. Sie ist entscheidend für eine gute psychische wie physische Entwicklung des Babys. Anhaltspunkte für eine gestörte Beziehung sind neben fehlender Mimik, Bewegungsarmut oder einer verzögerten Entwicklung auch sogenannte Regulationsstörungen: Die Kinder trinken nicht richtig, haben Schlafprobleme und schreien übermäßig. Längerfristige Folgen einer unzureichenden Bindung zwischen Mutter und Kind können Verhaltensauffälligkeiten bis zu psychischen Erkrankungen sein. Auch Hautkrank¬heiten wie Neurodermitis werden mit Schwangerschaft- und nachgeburtlichen Belastungen in Zusammenhang gebracht.

    Psychische Erkrankungen nach der Geburt können ganz unterschiedliche Ursachen haben. So hat ein Teil der betroffenen Mütter bereits früher einmal an behandlungsbedürftigen Störungen der Psyche gelitten oder stammt aus einer Familie, in der es ebenfalls Bindungsprobleme zwischen Mutter und Kind gab. Daneben gelten die gestiegenen Erwartungshaltungen des privaten wie beruflichen Umfeldes als Krankheitsauslöser. Ein Beispiel ist die Umstellung von einem verantwortungsvollen Job auf die Mutterschaft: „Ein perfekt organisierter Alltag gerät durcheinander. Wenn plötzlich nicht mehr alles perfekt klappt, kommen bei diesen Müttern leicht Schuldgefühle auf“, sagt die Leiterin der Tagesklinik, Dr. Juliane Junge Hoffmeister. Wenn sich das Kind nicht wie erwartet verhält, entsteht ein Gefühl der Überforderung, es machen sich Ängste breit, dem Kind Schaden zuzufügen. Im Verlauf einer psychischen Erkrankung können dann Aggressionen gegen das Kind aufkommen, Impulse, dem Baby oder sich selbst etwas anzutun. Schon der Gedanke daran versetzt viele Betroffene in große seelische Not.

    Um den Patientinnen einen Teil dieses Drucks zu nehmen, setzen die Therapeuten auf Einzel- und Gruppengespräche. „Bei der Frage nach den Rollen, die eine Mutter möglichst gut erfüllen sollte, schreiben viele unserer Patientinnen zehn oder 15 Punkte auf“, berichtet Dr. Juliane Junge Hoffmeister. In der Therapie geht es deshalb auch darum, realistische Vorstellungen über die eigene Rolle zu entwickeln und zu lernen, mit den neuen Stresssituationen umzugehen sowie die eigenen Gefühle wahrzunehmen. Das Team der Tagesklinik vermittelt den Müttern auch Kompetenzen im Umgang mit ihren Kindern: Dazu gehört das Wissen um Entwicklung und Verhalten der Babys. Sie lernen zudem, wie sie das Verhalten der Babys richtig deuten und wie sie es fördern können. Je nach Bedarf werden dazu auch die Partner der Patientinnen oder die ganze Familie in einzelne Elemente der Therapie einbezogen.

    Ziel der Tagesklinik des Dresdner Uniklinikums ist es auch, die Bindung der Mütter zu ihren Kindern zu vertiefen. Dazu werden sie in die Techniken der Babymassage eingeführt, üben kindgerechtes Spielen oder erhalten Tipps für das Stillen. „In den sechs Wochen der Tagesklinik möchten wir den Müttern Sicherheit für die Zeit danach vermitteln, indem wir sie in den Situationen begleiten, in denen die Babys beispielsweise schreien oder es Probleme beim Füttern gibt“, so die Leiterin. Dazu setzt die Klinik auch Videoaufnahmen ein. In vielen Zimmern sind Kameras installiert, mit denen der Umgang und das Verhalten von Müttern und Kindern in alltäglichen Situationen wie Wickeln, Stillen und Spielen aufgezeichnet werden. Im Nachgang sehen sich Patientinnen und Therapeutinnen die Aufnahmen an und sprechen darüber, was in dem Miteinander gut funktioniert hat und wo es noch besser laufen könnte.

    Kontakt
    Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
    Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik
    Mutter-Kind-Tagesklinik
    Dr. rer. nat. Juliane Junge Hoffmeister, Dr. med. Anne Coenen
    Tel.: 0351/ 4 58 7065
    E-Mail: PSO-TK2@uniklinikum-dresden.de


    Weitere Informationen:

    http://www.psychosomatik-ukd.de/klinik/mutter-kind-tagesklinik


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medizin, Psychologie
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Organisatorisches
    Deutsch


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