idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Grafik: idw-Logo

idw - Informationsdienst
Wissenschaft

Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
15.09.2011 11:40

Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL): Was nutzt den Patienten?

Sven Borowski Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI)

    IGeL sind ärztliche Leistungen außerhalb des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Auf wissenschaftlicher Basis wurden sie jetzt in einem HTA-Bericht betrachtet (Health Technology Assessment, systematische Bewertung gesundheitsrelevanter Verfahren und Technologien). Die Autoren untersuchen, welche Daten zu IGeL im ambulanten Bereich vorliegen und welche Aspekte damit verbunden sind. Keinen Nutzen für Patienten finden sie für die beiden häufigsten IGeL: das Screening auf Grünen Star und das vaginale Ultraschall-Screening (VUS) auf Eierstock-/Gebärmutterkrebs. Den vollständigen HTA-Bericht finden Sie kostenfrei beim DIMDI.

    IGeL unterliegen generell oder im Einzelfall nicht der Leistungspflicht der gesetzlichen Kassen. Patientinnen und Patienten müssen sie aus eigener Tasche bezahlen. Bislang fehlt eine einheitliche und allgemeingültige Definition und Systematisierung der IGeL. Nach einer Definition der Bundesärztekammer sollten sie aus ärztlicher Sicht notwendig oder empfehlenswert, zumindest aber vertretbar sein und von Patienten ausdrücklich gewünscht werden.

    IGeL sind im deutschen Gesundheitswesen mittlerweile weit verbreitet: Jährlich bezahlen Patientinnen und Patienten dafür schätzungsweise 1,5 Mrd. Euro. Es gibt derzeit keine unabhängige Instanz, die Qualität und Angemessenheit von IGeL kontrolliert. Anders als die detailliert festgelegten GKV-Leistungen können sie weitestgehend ohne Kontrolle angeboten und durchgeführt werden. Was fehlt sind Routinedaten, die die Angebote quantitativ und qualitativ erfassen und bewerten.

    Der HTA-Bericht

    Das Autorenteam des HTA-Berichts verfolgt auf Basis empirischer Primärstudien und Publikationen zu den Rahmenaspekten von IGeL folgende Kernfragen:
    • Was weiß man über Angebot, Inanspruchnahme, Praxis, Akzeptanz, Arzt-Patient-Verhältnis und ökonomische Bedeutung von IGeL im ambulanten Bereich?
    • Welche ethischen, sozialen und rechtlichen Aspekte sind mit IGeL verbunden?

    Näher betrachten sie die beiden am häufigsten durchgeführten IGeL: das Screening auf Glaukom (Grüner Star) mittels verschiedener Tests und das Screening auf Eierstock- und Gebärmutterkrebs mittels vaginalen Ultraschall (VUS). Zu folgenden Fragen führten die Autoren systematische Kurzbewertungen durch:
    • Was spricht für eine klinische Wirksamkeit des jeweiligen Screenings?
    • Gibt es Patientengruppen, für die das Screening sinnvoll erscheint?

    Zusammengefasst haben 19 bis 53% der Versicherten schon einmal IGeL-Angebote erhalten, 77 bis 80% davon wurden auch durchgeführt. 16 bis 19% der Versicherten haben selbst IGeL nachgefragt. Das Glaukom-Screening ist die häufigste IGeL. Sie macht bis zu 40% der Angebote aus. Es folgen Ultraschalluntersuchungen mit bis zu 25% der Angebote. Häufig sind überdies weitere Untersuchungen zur Früherkennung von Krebs (z.B. Bestimmung des prostataspezifischen Antigens, PSA) sowie andere Blut- und Laboruntersuchungen (z.B. HIV-Test).

    Die Autoren betrachteten auch ethische, soziale und rechtliche Aspekte: Beispielsweise, ob Patientinnen und Patienten selbst darüber entscheiden, eine IGeL zu erhalten oder ob diese durch die Behandelnden angeboten wird. Weitere Gesichtspunkte waren die Kommerzialisierung der Medizin, die Aufklärungs- und Informationspflicht seitens der Ärzteschaft, die Kontrolle von Nutzen, Evidenz und Qualität sowie das Verhältnis von Arzt und Patient. Ebenfalls berücksichtigt wurden Fragen der sozialen Ungleichheit, des Verhältnisses zum GKV-System und der korrekten Leistungserbringung. Die Autoren fanden dabei in der berücksichtigten Literatur konkrete Forderungen zu Aufklärung und Beratung, zur (Qualitäts-)Kontrolle, zum GKV-Leistungskatalog und zu finanziellen Belangen.

    Medizinische Effektivität der häufigsten IGeL

    Für die Kurzbewertung der medizinischen Effektivität betrachteten die Autoren für das Glaukom-Screening fünf HTA-Berichte oder systematische Übersichtsarbeiten. Sie konnten keine randomisierten kontrollierten Studien (RCT) finden, die einen Nutzen des Glaukom-Screenings für Patienten nachweisen.

    Zum VUS-Screening wurden ein HTA-Bericht und eine systematische Übersichtsarbeit eingeschlossen sowie drei RCT aus der aktualisierten Literaturrecherche. Zur Senkung der krebsbedingten Sterblichkeit gibt es keine Daten. Jedoch nennt der HTA-Bericht Beobachtungen, nach denen Diagnosen womöglich in früheren Krankheitsstadien gestellt werden. Das VUS-Screening ist mit hoher Überdiagnostik verbunden. Das führt zu unnötigen Operationen: Nur einer von rund 20 Eingriffen aufgrund des Screening-Ergebnisses deckt tatsächlich ein Krebsgeschwulst auf. Pro entdecktem invasiven (gewebeüberschreitenden) Tumor sind es sogar 30 bis 35 Operationen.

    Somit fehlen für zwei der häufigsten IGeL-Angebote ausreichende Beweise für ihren Nutzen.

    Autoren-Fazit

    Nach Ansicht des Autorenteams beanspruchen viele Versicherte IGeL. Um mehr Transparenz herzustellen, sollte den Forderungen nach unabhängigen Patienteninformationen entsprochen werden. Ferner sei zu prüfen, ob eine offizielle Positiv- und Negativliste Patienten und Ärzten Orientierung geben könnte. IGeL sind Teil der grundsätzlichen Diskussion um die Ausgestaltung und Weiterentwicklung des Gesundheitssystems. Unterschiedliche sozialpolitische Vorstellungen resultieren dabei in Wünschen nach mehr oder weniger Eigenverantwortung bzw. solidarischem Ausgleich. Die hierbei berührten Fragen der Sozial-, Politik- und Gesundheitssystem-Forschung gehen jedoch über den Rahmen eines HTA-Berichts hinaus.

    Individuelle Gesundheitsleistungen (Dr. Petra Schnell-Inderst, Theresa Hunger, Katharina Hintringer, Dr. Ruth Schwarzer, Dr. Vanadin Seifert-Klauss, Dr. Holger Gothe, Prof. Dr. Jürgen Wasem, Prof. Dr. Uwe Siebert)

    HTA-Berichte bei DAHTA
    Die HTA-Berichte sind in der DAHTA-Datenbank beim DIMDI bzw. im HTA-Journal bei German Medical Science (GMS) kostenfrei als Volltext abrufbar. Für die Inhalte der HTA-Berichte sind die genannten Autoren verantwortlich. Alle durch die DAHTA beauftragten Berichte werden in einem standardisierten, anonymisierten Verfahren erstellt, um die Unabhängigkeit der Autoren zu gewährleisten.

    Das DIMDI stellt über das Internet hochwertige Informationen für alle Bereiche des Gesundheitswesens zur Verfügung. Es entwickelt und betreibt datenbankgestützte Informationssysteme für Arzneimittel und Medizinprodukte und verantwortet ein Programm zur Bewertung gesundheitsrelevanter Verfahren und Technologien (Health Technology Assessment, HTA). Das DIMDI ist Herausgeber amtlicher medizinischer Klassifikationen wie ICD-10-GM und OPS und pflegt medizinische Terminologien, Thesauri, Nomenklaturen und Kataloge (z. B. MeSH, UMDNS, Alpha-ID, LOINC, OID), die für die Gesundheitstelematik von Bedeutung sind. Das DIMDI ermöglicht den Online-Zugriff auf seine Informationssysteme und über 60 Datenbanken aus der gesamten Medizin. Dafür entwickelt und pflegt es moderne Software-Anwendungen und betreibt ein eigenes Rechenzentrum.


    Weitere Informationen:

    http://www.dimdi.de/de/linkgalerie/hta-bericht-280 - HTA-Bericht: Volltext (PDF, 1,4 MB)
    http://www.dimdi.de/de/linkgalerie/hta-bericht-kurz-280 - HTA-Bericht: Kurzfassung (PDF, 66 kB)
    http://www.dimdi.de/de/hta/db/index.htm - HTA-Berichte beim DIMDI suchen
    http://www.dimdi.de/de/hta/index.htm - HTA beim DIMDI
    http://www.egms.de/de/reports/dahta/index.htm - HTA-Berichte der DAHTA bei German Medical Science (GMS)


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medizin
    überregional
    Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).