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24.11.2011 08:30

Das „unerwünschte Buch“ in Neuauflage erschienen

Dr. Thomas Nesseler Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)

    Das Buch von Gerhard Schmidt Buch „Selektion in der Heilanstalt 1939 – 1945“ ist eine erschütternde Dokumentation des Massenmords an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus. Unmittelbar nach dem Krieg geschrieben, war das Buch in Deutschland jahrzehntelang unerwünscht, bis es 1965 endlich einen Verleger fand. Mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) ist nun die erweiterte Neuauflage erschienen.

    In der Zeit des Nationalsozialismus fielen mindestens 250.000 psychisch Kranke und Behinderte dem sogenannten Euthanasieprogramm zum Opfer. Psychiater waren maßgeblich an der Zwangssterilisierung von mehr als 360.000 vor allem psychisch kranker und geistig behinderter Menschen beteiligt. Jüdisch und politisch missliebige Psychiater wurden verfolgt und aus Deutschland vertrieben. Nach dem Krieg wurden diese Gräueltaten jahrzehntelang verdrängt, verharmlost und verschwiegen. Eine der ganz wenigen Ausnahmen war Professor Dr. Gerhard Schmidt (1904 – 1991). Der ehemalige Direktor der Nervenklinik Lübeck hielt schon am 20. November 1945 einen Rundfunkvortrag über die Verbrechen an psychisch Kranken und geistig Behinderten, aber sein Buchmanuskript darüber fand, trotz vieler Versuche, zwanzig Jahre lang keinen Verleger. Erst 1965 konnte er das Buch „Selektion in der Heilanstalt 1939 – 1945“ veröffentlichen. Darin beschreibt er, was er im Juni 1945 als kommissarischer Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Egelfing/Haar bei München vorgefunden hatte und rekonstruiert die Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus: das Töten von Patienten der Klinik – Erwachsenen wie Kindern – durch Medikamente oder durch Verhungern. Schmidt erhielt 1986 für seine Erinnerungsarbeit die Wilhelm-Griesinger-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde.

    Nun ist eine erweiterte Neuauflage beim Springer-Verlag erschienen. In der Publikation sind neben dem Haupttext „Selektion in der Heilanstalt 1939 – 1945“ mit dem Vorwort von Karl Jaspers von 1965 auch weitere Texte zu finden: Der Festvortrag von Schmidt anlässlich der Verleihung der Wilhelm-Griesinger-Medaille 1986, in dem er über die Geschichte der Veröffentlichung des Buches berichtet sowie Schmidts Beitrag „Vom Rassenmythos zu Rassenwahn und Selektion“. Ein von Horst Dilling verfasster Nachruf auf Gerhard Schmidt schließt das Buch ab.

    Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie (DGPPN) hat die Neuauflage des Buches initiiert und unterstützt. „Das Buch von Schmidt ist eines der Wichtigsten der deutschen Psychiatrie überhaupt. Es zeigt, welche Macht Psychiatrie ausüben kann und mahnt uns, in unserem ärztlichen Handeln keine Werturteile über Menschen zu fällen“, sagt der ehemalige DGPPN-Präsident Professor Frank Schneider. Die Förderung der Neuauflage ist nur eine von vielen Aktivitäten der Fachgesellschaft im Zuge der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Die DGPPN beschäftigt sich derzeit intensiv mit der Rolle der Psychiatrie im Nationalsozialismus sowie der Beteiligung ihrer Vorläuferorganisationen und deren Mitglieder an den verübten Gräueltaten. Den Prozess der wissenschaftlichen Aufarbeitung begleitet eine aus unabhängigen Medizinhistorikern bestehende Kommission. Und mehr noch: Eine zentrale Gedenkveranstaltung im Rahmen des DGPPN Kongresses 2010 war den Opfern der Psychiatrie im Nationalsozialismus gewidmet. Dort bat die Fachgesellschaft die Opfer und ihre Angehörigen im Namen der Fachgesellschaft um Verzeihung für das Leid und das Unrecht, das ihnen in der Zeit des Nationalsozialismus im Namen der deutschen Psychiatrie und von deutschen Psychiatern angetan wurde und für das viel zu lange Schweigen, Verharmlosen und Verdrängen der deutschen Psychiatrie in der Zeit danach. Seit September 2011 sammelt die DGPPN darüber hinaus mit über zwanzig weiteren namhaften Verbänden der deutschen Ärzteschaft Spenden, um u.a. ein Ausstellungsprojekt über den Umgang mit psychisch kranken und geistig behinderten Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus realisieren zu können.

    Gerhard Schmidt
    Selektion in der Heilanstalt 1939 – 1945
    Neuausgabe mit ergänzenden Texten, herausgegeben von Frank Schneider
    Springer Verlag, Berlin, 2012, 151 S.
    EUR 16,95
    ISBN 13 978-3-642-25469-7

    Kontakt:
    Prof. Dr. med. Dr. rer. soc. Frank Schneider
    Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik
    Universitätsklinikum Aachen
    RWTH Aachen
    Pauwelsstraße 30
    52074 Aachen
    Telefon: 0241-8089633
    Fax: 0241-8082401
    E-Mail: fschneider@ukaachen.de


    Weitere Informationen:

    http://www.dgppn.de/presse/pressemitteilungen/detailansicht/article/991/das-uner...


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Medizin, Psychologie
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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