idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Grafik: idw-Logo

idw - Informationsdienst
Wissenschaft

Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
15.02.2012 09:58

Was „Langweiler“ interessant macht

Dr. Ute Schönfelder Stabsstelle Kommunikation/Pressestelle
Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Biophysiker der Universität Jena klären Funktionsweise von neuartigen Wirkstoffen für Ionenkanäle

    Sie sind langsam und träge und tragen daher den wenig schmeichelhaften Namen „Slowpoke“ – zu Deutsch „Langweiler“. Fruchtfliegen mit einer bestimmten Mutation verhalten sich, anders als ihre Artgenossen, ausgesprochen lethargisch. „Durch die Mutation fehlt diesen Fliegen ein Ionenkanal, der normalerweise an einer Vielzahl von Signalprozessen beteiligt ist“, erläutert Prof. Dr. Stefan Heinemann von der Friedrich-Schiller-Universität Jena den Grund dafür. Der Biophysiker ist auf Untersuchungen zur Funktionsweise dieser Ionenkanäle spezialisiert und hat mit seinem Team gerade Forschungsergebnisse veröffentlicht, die diese jedoch alles andere als „langweilig“ erscheinen lassen.

    In der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) haben die Jenaer Forscher gemeinsam mit Kooperationspartnern aus Japan und den USA jetzt erstmals zeigen können, wie bestimmte Substanzen den „Langweiler“-Ionenkanal, der auch bei anderen Organismen einschließlich dem Menschen vorkommt, regulieren (DOI: 10.1073/pnas.1114321109). Damit legen die Wissenschaftler den Grundstein für die gezielte Entwicklung neuartiger Wirkstoffe, mit denen sich künftig Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Epilepsie behandeln lassen könnten.

    Ionenkanäle sind Eiweißkomplexe, die hochspezifisch nur bestimmte Ionen durch die Zellmembranen transportieren. Die resultierenden elektrischen Signale steuern beispielsweise die Funktion von Nerven- oder Muskelzellen. So reguliert der „Langweiler“-Kanal, auch BK-Kanal genannt, u. a. den Tonus der glatten Muskelzellen, mit denen Blutgefäße ausgekleidet sind. „Eine Fehlfunktion des BK-Kanals führt dazu, dass die Muskelzellen nicht mehr ausreichend relaxieren können“, sagt Dr. Guido Gessner von der Uni Jena, der Erstautor der aktuellen Studie ist. „Die Folge ist eine lange Liste von Erkrankungen, die von Bluthochdruck über Inkontinenz und Migräne bis zu Epilepsie reicht“, so der Wissenschaftler weiter.

    Deshalb werden Wirkstoffe, die gezielt BK-Kanäle öffnen können, als potenzielle Medikamente für diese Krankheiten gehandelt. „Es gibt eine ganze Reihe von Substanzen, die sich im Tierversuch bereits als vielversprechend erwiesen hat“, so Prof. Heinemann. Doch durch die klinische Erprobung habe es noch kein Kandidat geschafft. Der Grund: Da BK-Kanäle nahezu überall im menschlichen Körper vorkommen, ist eine gezielte Beeinflussung bestimmter Zellen oder Gewebe bislang schwierig. Außerdem fehlten bisher grundlegende Informationen über die biophysikalischen und molekularen Mechanismen, nach denen diese Substanzen überhaupt wirken.

    In ihrer aktuellen Studie konnten die Jenaer Wissenschaftler nun erstmals die Funktionsweise von zwei Ionenkanal-Öffnern exemplarisch aufklären. „Wir konnten zeigen, wo die Wirkstoffe an den BK-Kanal andocken und wie sie die Ionenpore öffnen“, sagt Dr. Gessner. Außerdem haben die Forscher der Uni Jena ein Testverfahren etabliert, mit dem sich verschiedene Wirkstoffe funktionell klassifizieren lassen. Damit ebnen sie den Weg zur Entwicklung von Medikamenten, die nur die Ionenkanäle im gewünschten Organ aktivieren. „Das ist ein entscheidender Schritt, um möglichst nebenwirkungsarme Medikamente zu entwickeln“, sagt Prof. Heinemann. Doch bis dahin sei es noch ein weiter Weg, betont der Grundlagenforscher.

    Original-Publikation:
    Guido Gessner et al. Molecular mechanism of pharmacological activation of BK channels. PNAS 2012, DOI: 10.1073/pnas.1114321109

    Kontakt:
    Prof. Dr. Stefan H. Heinemann, Dr. Guido Gessner
    Zentrum für Molekulare Biomedizin der Friedrich-Schiller-Universität Jena
    Hans-Knöll-Straße 2, 07745 Jena
    Tel.: 03641 / 9395650, 03641 / 9395658
    E-Mail: stefan.h.heinemann[at]uni-jena.de, guido.gessner[at]uni-jena.de


    Weitere Informationen:

    http://www.uni-jena.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Biologie, Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).