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03.08.2012 09:29

Studie belegt Lücken in der Versorgung junger Schmerzpatienten in Deutschland

Jan Vestweber Pressestelle
Universität Witten/Herdecke

    Überweisung an geschulte Kinderärzte erfolgt oft zu spät

    Viele (Um)Wege führen zum Spezialisten: Mit bis zu 28 Ärzten hatten Kinder und Jugendliche mit chronischen Schmerzen Kontakt, bevor sie eine spezialisierte Behandlung erhalten. Und: Viele der jugendlichen Patienten nehmen Schmerzmedikamente ein, obwohl diese aus ärztlicher Sicht nicht zu empfehlen sind. Diese Ergebnisse der neuen Studie des Deutschen Kinderschmerzzentrums (DKSZ) werfen kein gutes Licht auf die Versorgung junger Schmerzpatienten in Deutschland.

    Chronische Schmerzen, also Schmerzen, die über einen Zeitraum von drei Monaten dauerhaft oder wiederkehrend auftreten, sind ein häufiges Phänomen bei Kindern und Jugendlichen. Bei einem Teil dieser Kinder führen die Schmerzen zu hohen Beeinträchtigungen im Alltag – zum Beispiel steigenden Fehlzeiten in der Schule oder Schwierigkeiten, Kontakte zu Freunden aufrecht zu erhalten und Hobbys zu pflegen. Betroffen sind in Deutschland schätzungsweise 350.000 Kinder.

    Der Weg zu einer spezialisierten Behandlung ist für viele der jungen Schmerzpatienten weit, wie nun eine Studie mit 2.249 Kindern und Jugendlichen belegt. Das Deutsche Kinderschmerzzentrum wertete die Daten aller Patienten aus den Jahren 2005 bis 2010 aus. Den Studienergebnissen zufolge hatten die Patienten im Durchschnitt bereits mit drei unterschiedlichen Ärzten Kontakt, ehe sie sich im DKSZ vorstellten. Mit zunehmendem Alter der Patienten stieg zudem die Zeitdauer zwischen Schmerzbeginn und dem Aufsuchen der Spezialisten kontinuierlich an. Bei 15-Jährigen vergingen im Durchschnitt etwa vier Jahre bis zum Besuch im DKSZ. „Je länger es dauert, bis chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen effektiv behandelt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Entwicklung der Patienten nachhaltig gestört wird und sie massive Einbußen der Lebensqualität hinnehmen müssen“, sorgt sich Prof. Dr. Boris Zernikow, Chefarzt des Deutschen Kinderschmerzzentrums und Inhaber des Lehrstuhls für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin der Universität Witten/Herdecke, mit Blick auf die Ergebnisse. „Es gibt wirksame Methoden, diese Schmerzen zu behandeln und den Kindern die Kontrolle zurück zu geben – aber das müssen geschulte Kinderärzte übernehmen, und zwar in einem möglichst frühen Krankheitsstadium.“ Die Versorgungsstrukturen in Deutschland, so Zernikow weiter, gäben allerdings eine kurzfristige, fachmännische und wohnortnahe Versorgung junger Schmerzpatienten häufig (noch) nicht her.

    Viele der überwiegend weiblichen Patienten (60 Prozent Mädchen), die sich im DKSZ vorstellten, berichten über tägliche oder dauerhafte Schmerzen (43 Prozent) und sind dadurch in ihrem Alltag stark beeinträchtigt. Jedes vierte Kind verpasst aufgrund der Schmerzen mehr als ein Viertel des Schulunterrichtes. Außerdem sind ältere Kinder in der Regel stärker beeinträchtigt als jüngere. Die meisten Kinder hatten Kopfschmerzen (70 Prozent), gefolgt von Bauchschmerzen und Schmerzen des Bewegungsapparates. Bei der Aufrechterhaltung der Schmerzen spielen neben den körperlichen Faktoren auch psychosoziale Begleitumstände, wie z.B. Stress oder emotionale Belastung, eine wichtige Rolle.

    Sorge bereitet den Schmerzexperten aus Datteln auch ein anderes Ergebnis der Studie: Drei Viertel der Kinder, die sich im DKSZ vorstellten, nahmen zum Zeitpunkt der Erstvorstellung Schmerzmedikamente ein. Die Ärzte sehen diese Entwicklung mit Skepsis: Sie empfehlen nur etwa der Hälfte dieser Kinder die Einnahme von Medikamenten, um die Schmerzen zu lindern. „Die Fehleinnahme von Schmerzmedikamenten kann verheerende Folgen haben – zum Beispiel gibt es Schmerzformen, bei denen Medikamente die Schmerzen noch verstärken. Dieser sogenannte medikamenteninduzierte Kopfschmerz verschärft die schon vorhandene Problematik dann noch zusätzlich“, so Zernikow.

    Der Artikel wurde veröffentlicht im BMC Pediatrics: www.biomedcentral.com/1471-2431/12/54/abstract.

    Weitere Informationen:
    Deutsches Kinderschmerzzentrum
    Ann-Kristin Ruhe
    Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln
    Vodafone Stiftungslehrstuhl für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin - Universität Witten/Herdecke
    Dr.-Friedrich-Steiner Str. 5, 45711 Datteln
    Tel: 02363-975-193
    Email: a.ruhe@deutsches-kinderschmerzzentrum.de
    www.deutsches-kinderschmerzzentrum.de

    Über das Deutsche Kinderschmerzzentrum:
    Das Deutsche Kinderschmerzzentrum an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln – Universität Witten/Herdecke gilt als Referenzzentrum in der Versorgung chronisch schmerzkranker Kinder und Jugendliche. Es baut auf große Erfahrungen in der Behandlung schmerzkranker Kinder und Jugendlicher auf: Schon seit Jahren gibt es hier eine einzigartige Kinderschmerzstation und ein ambulantes Angebot in der Kinderschmerzambulanz.
    Im Deutschen Kinderschmerzzentrum wird in Zukunft therapiert, geforscht und daran gearbeitet, die Situation von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Schmerzen öffentlich zu machen und zu verbessern.

    Über uns:
    Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1982 eine Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als Modelluniversität mit rund 1.450 Studierenden in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit Werteorientierung und Persönlichkeitsentwicklung.
    Witten wirkt. In Forschung, Lehre und Gesellschaft.


    Weitere Informationen:

    http://www.biomedcentral.com/1471-2431/12/54/abstract


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Gesellschaft, Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
    Deutsch


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