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23.08.2012 10:17

Übergewicht bringt berufliche Nachteile

Michael Seifert Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

    Tübinger Wissenschaftler untersuchen Vorurteile gegenüber Adipösen: Personalentscheider sprechen dicken Menschen Führungsqualitäten ab.

    Stark übergewichtige Personen haben bei Personalern keine guten Karten. Zu diesem Ergebnis kommt eine experimentelle Studie über Vorurteile von Personalentscheidern gegenüber Adipösen unter der Leitung des Sportwissenschaftlers Prof. Ansgar Thiel und des Psychosomatikers Prof. Stephan Zipfel von der Universität Tübingen. Die Wissenschaftler hatten bei einem Experiment im Rahmen des WissenschaftsCampus Tübingen gemeinsam mit Dr. Katrin Giel und Manuela Alizadeh 127 erfahrene Personalentscheider befragt. Die Studie wurde nun im Fachjournal BMC Public Health veröffentlicht. Der WissenschaftsCampus ist ein interdisziplinärer Forschungsverbund zur Empirischen Bildungsforschung und wurde vom Tübinger Leibniz-Institut für Wissensmedien und der Universität Tübingen initiiert.

    „Wir wollten herausfinden, ob bei geschulten Personalentscheidern Vorurteile gegenüber adipösen Menschen vorhanden sind“, sagt die federführende Projektmitarbeiterin Dr. Katrin Giel. Um mögliche Vorurteile isoliert, also unabhängig von anderen Einflüssen, erfassen zu können, wählten die Wissenschaftler ein experimentelles Design. So wurden Personalentscheidern sechs Fotos vorgelegt, auf denen jeweils eine Person abgebildet war. Alle Abgebildeten waren ungefähr gleich alt und hatten einen vergleichbaren sozioökonomischen Status, aber unterschiedliches Körpergewicht. Um Verzerrungen zu vermeiden, trugen alle Personen auf dem Foto ein weißes T-Shirt und eine Jeans.

    Die Studienteilnehmer hatte die Aufgabe, einzuschätzen, welchen Beruf die sechs Personen ausüben. Dafür konnten sie aus einer Reihe von vorgegebenen Berufen wählen. Darüber hinaus sollten sie diejenigen Personen benennen, die ihrer Meinung nach in einem Bewerbungsgespräch um eine Abteilungsleiterstelle in die engere Wahl genommen würden. „Die Ergebnisse unserer Studie sind eindeutig“, so Giel. „In beiden Fällen schnitten die Übergewichtigen sehr schlecht ab. Ihnen wurde fast nie ein Beruf mit hohem Prestige zugetraut und sie wurden ebenso selten für eine Abteilungsleiterstelle ausgewählt“.

    Die Vorurteile gegenüber Übergewichtigen treffen dabei besonders stark Frauen. „Nur zwei Prozent der befragten Personaler ordneten den auf den Bildern abgebildeten adipösen Frauen einen Beruf mit hohem Prestige zu. Und gerade mal ungefähr sechs Prozent der Befragten traute ihnen zu, bei einer Bewerbung um eine Abteilungsleiterstelle in die engere Auswahl gekommen zu sein“, fasst Prof. Ansgar Thiel ein zentrales Ergebnis der Untersuchung zusammen. Ein Vergleich mit repräsentativen Daten zur Verteilung von Berufen in Deutschland aus dem German Health Survey zeigt sogar, dass die Personaler die beruflichen Karrierechancen von adipösen Menschen erheblich unterschätzen. „Der tatsächliche Anteil übergewichtiger Männer in prestigereichen Berufen in Deutschland ist mehr als fünfmal so hoch wie die Schätzungshäufigkeit in unserem Experiment, bei Frauen sogar fast achtmal.“ Dagegen wurde der Anteil von normalgewichtigen Frauen in Führungspositionen von den befragten Personalentscheidern deutlich überschätzt. Katrin Giel zufolge zeigt dies, dass „political correctness“ im Bewusstsein der Personaler zwar in Bezug auf die Geschlechtergerechtigkeit verankert ist, nicht aber im Hinblick auf Übergewicht als Benachteiligungsfaktor.

    Das Ergebnis hat hohe Relevanz, so Prof. Stephan Zipfel: „Personalentscheider sind ja in der Regel viel besser als der Normalbürger ausgebildet, unabhängig von Vorurteilen zu entscheiden. Und dennoch trauen sie im Experiment den Adipösen sogar noch deutlich weniger zu, Führungspositionen zu bekleiden, als dies in der Realität der Fall ist“. Für Zipfel spiegelt dieses Ergebnis sehr gut die unbewusst vorhandenen Vorurteile von Personalentscheidern gegenüber Adipösen wider, gerade weil in diesem Fall keine anderen Informationen für die Einschätzung zur Verfügung standen als das Foto.

    Für die Tübinger Wissenschaftler sind die Ergebnisse ein klares Signal, dass nicht nur der Kampf gegen die Adipositas selbst stärker gefördert werden muss, sondern auch die Entwicklung von Maßnahmen gegen eine Stigmatisierung adipöser Menschen stärker gefördert werden muss. Ein erster Schritt sei, in Bewerbungsverfahren – ähnlich wie im angloamerikanischen Raum längst üblich ‒ auf Fotomaterial zu verzichten, um die Chancengleichheit zu wahren. „Sonst“, so Thiel, „ist für stark Übergewichtige das Verfahren möglicherweise schon zu Ende, bevor es richtig angefangen hat“.
    Der WissenschaftsCampus Tübingen, initiiert vom Leibniz-Institut für Wissensmedien und der Universität Tübingen, ist die bundesweit erste Umsetzung einer Initiative der Leibniz-Gemeinschaft. Er bündelt die Expertise zur Empirischen Bildungsforschung aus Psychologie, Soziologie, Erziehungswissenschaft, Informatik, Sportwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften, Ethik und Medizin in elf thematischen Clustern mit 29 Teilprojekten.

    Kontakt:
    Dr. Katrin Giel
    Universität Tübingen
    Medizinische Fakultät
    Psychomatische Medizin und Psychotherapie
    Tel: +49 7071 29-86710
    katrin.giel[at]med.uni-tuebingen.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin, Sportwissenschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


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