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28.09.2012 13:38

Hirntumoren bei Älteren – Therapie nach Maß dank Genanalyse

Frank A. Miltner Pressestelle der DGN
Deutsche Gesellschaft für Neurologie

    Ob Patienten über 65 Jahren von einer Chemotherapie profitieren, lässt sich am Aktivierungsstatus des MGMT Genpromotors ablesen

    Angesichts steigender Lebenserwartung und einer im Durchschnitt immer älteren Bevölkerung rechnen Neuroonkologen damit, dass bereits in wenigen Jahren mehr als die Hälfte aller Patienten mit bösartigen Hirntumoren (Glioblastomen) über 65 Jahre alt sein werden. Hinweise, wie die nach wie vor schlechte Prognose dieser Patienten verbessert werden könnte, liefert eine Studie deutscher Neuroonkologen mit fast 400 älteren Erkrankten. Strahlen- und Chemotherapie waren dabei unterschiedlich wirksam, je nachdem, welche "Aktivierungseinstellung“ das MGMT-Gen hatte. „Damit haben wir einen wichtigen Biomarker gefunden, der uns hilft, die optimale Behandlung auszuwählen und die Nebenwirkungen möglichst gering zu halten“, sagt Studienkoordinator Prof. Dr. Wolfgang Wick, Direktor der Abteilung Neuroonkologie am Universitätsklinikum Heidelberg, heute auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Hamburg.

    In der von Prof. Weller (Neurologische Universitätsklinik Zürich) initiierten Studie NOA-08 der Neuroonkologischen Arbeitsgemeinschaft hatten Wick und Kollegen 373 Patienten im Durchschnittsalter von 71,5 Jahren behandelt. Diese erhielten nach dem Losverfahren an 23 deutschen und einem Schweizer Zentrum entweder die weithin gebräuchliche Strahlentherapie oder eine Chemotherapie mit dem Wirkstoff Temozolomid (Temodal®). Außerdem bestimmten die Wissenschaftler den Status des MGMT-Gens, das Aufschluss über das „biologische Alter“ des Tumors geben kann. „Die Frage, wann ein Patient alt ist, hängt offenbar nicht nur von den Lebensjahren ab, oder davon, wie fit ein Patient ist“, erläutert Wick. Das biologische Alter zeigt sich auch in dem molekularen Profil der Krebsgeschwüre. „Es gibt 75-Jährige mit jungen Tumoren und wir haben 55-Jährige mit alten Tumoren“, so Wick.

    Hilfe bei der Therapieentscheidung

    In der rückblickenden Analyse zeigte sich dies daran, dass ein bestimmter Biomarker ganz klar mit dem Ausgang der Behandlung zusammenhing: Wenn die Startregion des MGMT-Gens durch Methylgruppen verändert war, überlebten die Patienten nicht nur insgesamt länger (11,9 gegenüber 8,2 Monaten). Es zeigten sich auch große Unterschiede zwischen den beiden Therapieformen. Bei Patienten, deren MGMT-Genpromotor methyliert war, konnten die Ärzte mit der Chemotherapie den Krebs durchschnittlich 8,4 Monate in Schach halten gegenüber nur 4,6 Monaten mit der Strahlentherapie. War der MGMT-Genpromotor dagegen nicht methyliert, erbrachte die Chemotherapie keinen Vorteil. Im Gegenteil war die mittlere Dauer des ereignisfreien Überlebens hier mit 3,3 Monaten sogar geringer gewesen als mit der Strahlentherapie (4,6 Monate). „Daraus schließen wir, dass der MGMT-Status nicht nur ein nützlicher Marker zur Vorhersage des Therapieerfolges ist, sondern dass er uns auch helfen könnte, die optimale Behandlung auszuwählen“, sagt Wick – und verweist darauf, dass auch eine skandinavische Arbeitsgruppe in einem vergleichbaren Patientenkollektiv zum gleichen Ergebnis gekommen ist.

    Gerade bei älteren Patienten gilt die Chemotherapie als belastend und macht sich unter anderem durch Müdigkeit und Abgeschlagenheit bemerkbar. Sie sollte daher denjenigen erspart bleiben, bei denen absehbar ist, dass sie davon nicht profitieren, so Wick. Umgekehrt gelte aber: „Wenn die Patienten die richtige Therapie bekommen, leben sie länger, und es werden ihnen Nebenwirkungen erspart.“

    Als nächster Schritt ist eine große europäische Studie geplant, bei der der MGMT-Status vor dem Therapiebeginn ermittelt und darüber entschieden werden soll, ob die Patienten eine Chemotherapie mit Temozolomid bekommen oder eine Strahlentherapie. In diesen beiden Studienarmen soll jeweils die Hälfte der Patienten dann noch zusätzlich eine andere, z.B. antiangiogene Therapie erhalten.

    Wick blickt deshalb optimistisch in die Zukunft: „Noch immer betrachten Ärzte bei der Behandlung des Glioblastoms fast ausschließlich das Alter der Patienten und deren Gesundheitszustand. Angesichts einer Vielzahl von Studien aber hoffe ich, dass unser Repertoire an Entscheidungshilfen bald schon erweitert wird.“

    Quellen
    • Wick W et al. Temozolomide chemotherapy alone versus radiotherapy alone for malignant astrocytoma in the elderly: the NOA-08 randomised, phase 3 trial. Lancet Oncol. 2012 Jul;13(7):707-15. Epub 2012 May 10
    • Malmström A et al. Temozolomide versus standard 6-week radiotherapy versus hypofractionated radiotherapy in patients older than 60 years with glioblastoma: the Nordic randomised, phase 3 trial. Lancet Oncol. 2012 Sep;13(9):916-926. Epub 2012 Aug 8

    Fachlicher Kontakt bei Rückfragen:

    Prof. Dr. Wolfgang Wick
    Direktor der Abteilung Neuroonkologie am Universitätsklinikum Heidelberg
    Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg
    Im Neuenheimer Feld 400, 69120 Heidelberg
    Tel.: +49 6221 56 7075
    Fax: +49 6221 56 7554
    E-Mail: wolfgang.wick@med.uni-heidelberg.de

    Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
    c/o albertZWEI media GmbH, Englmannstraße 2, 81673 München
    Tel.: +49 (0)89-461486-22, Fax: +49 (0)89-461486-25
    E-Mail: presse@dgn.org
    Pressesprecher: Prof. Dr. Hans-Christoph Diener

    Der Neurologenkongress
    Grenzen erkunden – neue Wege gehen: Unter diesem Motto treffen sich vom 26. bis 29. September 2012 rund 5000 Spezialisten für Erkrankungen des Gehirns und der Nerven im CCH – Congress Center Hamburg zum 85. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie – die größte Neurologenkonferenz in Europa. Weitere Informationen zum Kongress und zum aktuellen Programm: www.dgnkongress.org

    Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
    sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 7000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin. http://www.dgn.org

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    Ansprechpartner für die Medien
    Frank A. Miltner, Tel: +49 (0)89-461486-22, E-Mail: presse@dgn.org


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Medizin
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Forschungs- / Wissenstransfer
    Deutsch


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