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10.10.2012 13:51

»Schmerz alleine ist kein Grund für eine Operation«

Barbara Ritzert ProScience Communications - die Agentur für Wissenschaftskommunikation GmbH
Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e.V.

    Ständige Schmerzen im Rücken oder den Gelenken – verständlich, dass viele Patienten sich von einer Operation ein schnelles Ende der Pein erhoffen. Dies kann auch der Fall sein – vorausgesetzt die Indikation wurde korrekt gestellt. »Doch Schmerz alleine ist keine Indikation für eine Operation«, warnt Dr. Gerhard H. H. Müller-Schwefe, Göppingen, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie und Leiter der 15. Südwestdeutschen Schmerztage. Bei den meisten der mehr als 600 Patienten mit Rückenschmerzen, die vor einer geplanten OP eine zweite Meinung in einem spezialisierten Zentrum der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie einholten, rieten die Experten von einer Operation ab.

    Kann man ständige Schmerzen einfach wegoperieren? Viele Ärzte und Patienten scheinen davon überzeugt zu sein. So stieg beispielsweise innerhalb von drei Jahren – zwischen 2007 und 2010 – in Deutschland die Zahl der Bandscheiben-Operationen um 30 Prozent. Im Jahr 2007 registrierte das Statistische Bundesamt 140.000 Eingriffe, 2010 waren es bereits 171.000 (aktuellere Daten liegen nicht vor). Die Zahl der Wirbelsäulenversteifungen mit Schrauben und Platten aus Metall hat sich in diesem Zeitraum sogar nahezu verdreifacht.

    ÜBERFLÜSSIGE EINGRIFFE.

    Gegen nahezu alle Schmerzarten werden heute Operationen angeboten, sogar gegen Migräne. Doch trotz aller Fortschritte der Operationstechniken mehren sich inzwischen die Hinweise, dass viele dieser Eingriffe überflüssig sind, mitunter sogar schädlich. »Wir wissen beispielsweise schon seit Jahren, dass es Patienten mit Bandscheibenvorfall und ins Bein ausstrahlenden Schmerzen ob mit oder ohne OP  nach einem Jahr besser geht«, sagt Dr. med. Gerhard H. H. Müller-Schwefe, Leiter der Südwestdeutschen Schmerztage.

    ZWEIT-MEINUNG VOR OPERATION.

    Darum bieten die Techniker Krankenkasse und die Deutsche BKK ihren Versicherten die Möglichkeit, sich vor einer Rücken-Operation eine zweite Expertenmeinung in spezialisierten Schmerzzentren der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie einzuholen. Das Göppinger Schmerzzentrum von Dr. Müller-Schwefe ist eines dieser Zentren, von denen es bundesweit 33 gibt.

    IN 87 PROZENT DER FÄLLE IST KEINE OP NÖTIG.

    Von diesem Angebot haben zwischenzeitlich mehr als 600 Patientinnen und Patienten Gebrauch gemacht, die bereits einen OP-Termin vereinbart hatten. Das Ergebnis einer Auswertung des Programms überrascht selbst Experten: In 87 Prozent der Fälle riet das Schmerzteam – bestehend aus Schmerzmediziner, Psychotherapeut und Physiotherapeut ­– von einer Operation ab. Der Mehrzahl dieser Patienten, 66 Prozent, wurde eine Weiterbehandlung bei ihrem betreuenden Arzt empfohlen. Bei 21 Prozent der Patienten empfahl das Team eine sogenannte multimodale Therapie, die inzwischen der Goldstandard in der Schmerzbehandlung ist. Multimodal bedeutet, dass verschiedene Therapien – Medikamente, Bewegung, psychologische Strategien, Physiotherapie – von jeweiligen Experten im Rahmen eines Kompaktprogrammes kombiniert werden. »Dieses Vorgehen ist besonders bei Rückenschmerzen hochwirksam«, sagt Dr. Müller-Schwefe. »Die Erfolgsrate liegt bei über 80 Prozent.«

    Gleichwohl räumt der Experte ein, dass es natürlich Fälle gibt, bei denen eine Operation hilfreich ist. »Auf der einen Seite sind Operationen zwar Verletzungen und bergen Risiken«, sagt Dr. Müller-Schwefe. »Auf der anderen Seite darf man nicht so lange warten bis unumkehrbare Schäden entstanden sind, wenn ein Eingriff die beste Lösung ist.«

    WICHTIG IST EINE GUTE SCHMERZTHERAPIE NACH DER OPERATION.

    »Ist eine Operation erforderlich, müssen die Therapieziele realistisch gesetzt werden«, rät Dr. Müller-Schwefe. Denn nicht nur der Eingriff selbst, sondern auch die richtige Nachbehandlung sind für das Behandlungsergebnis entscheidend. »Zu dieser Nachbehandlung gehört in jedem Fall eine gute Schmerztherapie«, sagt Dr. Müller-Schwefe. Denn wer Schmerzen hat, mag sich nicht bewegen und aktiv werden. Doch dies ist entscheidend für den Behandlungserfolg. »Wenn ein Therapieergebnis nicht zufriedenstellend ausfällt, muss dies nicht an der Operation liegen, sondern kann die Folge einer ungenügenden postoperativen Schmerzbehandlung und damit das Ergebnis mangelnder Aktivierungs- und Trainingsmöglichkeiten sein.«

    In einem öffentlichen Patientenforum »Auf Messers Schneide: Wird zu viel operiert?« am 12. Oktober 2012 um 18:00 Uhr in der Stadthalle Göppingen, das im Rahmen der Südwestdeutschen Schmerztage stattfindet, informieren Experten über die aktuellen Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie von Schmerzen des Bewegungssystems und erläutern Chancen und Risiken operativer und konservativer Therapien. Der Rundfunkmoderator Michael Branik wird durch das Forum führen.

    SCHMERZZENTREN DER DGS FÜR DIE ZWEITE MEINUNG
    01129 Dresden · 04109 Leipzig · 04159 Leipzig · 06120 Halle · 07646 Stadtroda · 10409 Berlin · 12555 Berlin · 14467 Potsdam · 18055 Rostock · 20459 Hamburg · 22297 Hamburg · 26789 Leer · 28329 Bremen · 30167 Hannover · 35041 Marburg · 37073 Göttingen · 39116 Magdeburg · 41812 Erkelenz · 42105 Wuppertal · 42859 Remscheid · 45257 Essen · 47803 Krefeld · 52064 Aachen · 53177 Bonn · 60313 Frankfurt/Main · 65189 Wiesbaden · 67069 Ludwigshafen · 70736 Stuttgart/ Fellbach · 73033 Göppingen · 79108 Freiburg · 81925 München · 86150 Augsburg · 90762 Fürth

    Die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e. V. (DGS) ist mit mehr als 4500 Mitgliedern die größte europäische Schmerzfachgesellschaft. Ihr Ziel ist die Förderung der Algesiologie als der Wissenschaft vom Schmerz, die Verbesserung der schmerztherapeutischen Versorgung, die Fort- und Weiterbildung sowie die Gründung interdisziplinärer regionaler Schmerzzentren.


    Weitere Informationen:

    http://www.schmerztag.org/
    http://www.schmerzliga.de/


    Anhang
    attachment icon Programm des Patientenforums

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


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