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10.10.2012 15:14

Torschlusspanik mit 30 - beim Kinderwunsch spielt das Alter die größte Rolle

Dr. Susanna Kramarz, Pressestelle DGGG-Kongress 2012 Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V.

    Das Alter der Mutter ist einer der wichtigsten Faktoren für den Erfolg einer Kinderwunschbehandlung. Denn Eizellen werden anders als Samenzellen im Lauf des Lebens nicht neu gebildet, sondern sind alle bereits vollständig beim noch ungeborenen Mädchen angelegt und beim Eisprung dann sogar noch älter als die erwachsene Frau selbst, so Prof. Jan-Steffen Krüssel auf dem 59. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in München.

    Bei allen Zellen kommt es mit steigendem Alter vermehrt zu Fehlern bei der Zellteilung. Im Körpergewebe kann das in weiten Grenzen durch benachbarte Zellen ausgeglichen werden. Bei einer Eizelle ist das nicht möglich. Deshalb sinken die Chancen, dass eine Eizelle tatsächlich intakt ist und erfolgreich befruchtet werden kann, bereits ab dem 30. Lebensjahr der Mutter ab. Bei einer 40jährigen Frau weisen nur noch weniger als die Hälfte der Embryonen einen zahlenmäßig unauffälligen Chromosomensatz auf (Alfarawati et al., Fertil Steril 2011 (95), 520-524).

    Damit erklärt sich auch, dass die Frauen häufig schon lange vor den Wechseljahren nicht mehr in der Lage sind, eine Schwangerschaft aufzunehmen und auszutragen: Von zehn 48jährigen Frauen, die schwanger werden, erleben nur zwei die Geburt eines gesunden Kindes. Bei allen anderen kommt es in diesem Alter zu Aborten und Fehlgeburten.

    Welche Konsequenzen haben diese Erkenntnisse für die Kinderwunschbehandlung?

    Wenn ein Paar Kinder bekommen möchte, ein Jahr lang keine Verhütungsmittel verwendet hat, regelmäßig Geschlechtsverkehr hatte und wenn trotzdem keine Schwangerschaft eingetreten ist, dann sollte dieses Paar in die Kinderwunschsprechstunde kommen, so Prof. Jan-Steffen Krüssel, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Universitärer Reproduktionsmedizinischer Zentren in der Deutschen Gesellschaft für die Gynäkologie und Geburtshilfe. Denn je früher mit der Ursachensuche begonnen wird, umso größer sind die Erfolgschancen. Es werden dann zunächst die Hormonspiegel bei der Frau bestimmt und Gebärmutter, Eileiter und Eierstöcke per Ultraschall untersucht, außerdem werden im Sperma des Mannes Zahl und Funktionsfähigkeit der Spermien untersucht.

    Wenn sich hier keine Auffälligkeiten ergeben, dann werden wir zunächst per Ultraschall und Hormonanalysen den genauen Zeitpunkt des Eisprungs bestimmen, und das Paar soll dann noch ein- oder mehrmals versuchen, eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg herbeizuführen. Die Chance dafür, dass bei einem ungeschützten Geschlechtsverkehr am Eisprung-Termin eine Schwangerschaft eintritt, liegt bei jüngeren etwa bei 20%. Die Eltern sollten also durchaus mehrere Anläufe machen; eventuell wird man den Eisprung durch die Gabe von Hormonen unterstützen.

    Wenn das erfolglos bleibt, gibt es mehrere weitere Stufen der Kinderwunschbehandlung. So kann das Sperma aufbereitet und direkt in die Gebärmutter gespritzt werden, nachdem vorher der Eisprung medikamentös ausgelöst worden ist. Wenn die Eileiter verschlossen sind – häufige Ursache sind oft auch unbemerkt abgelaufene Infektionen im Unterleib oder Verwachsungen nach Operationen – oder wenn die Zahl der Spermien oder ihre Beweglichkeit herabgesetzt ist, dann wird eine klassische „In-vitro-Fertilisation“ (IVF) durchgeführt. Hier werden in ca. zweiwöchiger Hormonbehandlung mehrere Eizellen bis zur vollständigen Reifung stimuliert; die Eizellen werden dann entnommen, indem man mit einer feinen Nadel von der Scheide die Eibläschen im Eierstock punktiert und die Eizellen absaugt. Die Lage des Ei-Bläschens (Follikels) und der Nadel werden von außen per Ultraschall kontrolliert. Die Eizellen werden dann unter optimalen Bedingungen mit den Spermien befruchtet, oder ein Spermium wird unter Mikroskop-Kontrolle direkt in eine Eizelle hineingespritzt (=intra-zytoplasmatische Spermium-Injektion = ICSI). Wenn es nicht möglich ist, Samenzellen aus dem Sperma zu gewinnen, so können Spermien auch durch Punktion aus dem Hoden oder Nebenhoden gewonnen werden, oder es kann Fremdsperma verwendet werden.

    Die Verwendung fremder Eizellen ist in Deutschland dagegen nicht gestattet.

    Diese Behandlungen brauchen oft viel Zeit; ein Jahr ist kein ungewöhnlicher Zeitraum, bis entweder eine Schwangerschaft eingetreten und ein gesundes Kind geboren ist oder die Kinderwunschbehandlung ergebnislos beendet wird.

    Je früher Paare ins Kinderwunschzentrum kommen, umso größer sind die Chancen, dass ihnen geholfen werden kann.

    Ist das Tiefgefrieren von unbefruchteten Eizellen ein Ausweg?

    Da die Zellteilung (genauer: die meiotische Reifeteilung) der Eizelle mit höherem Alter der Mutter problematischer wird, fragen manche Frauen in den Kinderwunschzentren an, ob es möglich ist, unbefruchtete Eizellen zu entnehmen, tiefzukühlen und später, wenn der richtige Partner für die Familiengründung gefunden ist, wieder aufzutauen („Social Freezing“). Das hat zwei Schönheitsfehler. Erstens kommen Frauen mit dieser Frage häufig erst in die Sprechstunde, wenn sie bereits über 35 Jahre oder 40 Jahre sind. Die Chancen, dann noch völlig gesunde, funktionsfähige Eizellen gewinnen zu können, sind nicht mehr optimal. Außerdem überleben bis heute – wenn alle Bedingungen optimal sind – nur etwa 80% aller Eizellen den Einfrier- und Auftauprozess unbeschadet. Und zusätzlich kommen bei Frauen über 40 Jahre auch unabhängig vom Alter der Eizellen weitere, schwangerschaftsbedingte Auffälligkeiten wie Diabetes oder Bluthochdruck hinzu, welche den Schwangerschaftsverlauf komplizieren können.
    Die moderne Reproduktionsmedizin bietet heute Eltern mit Kinderwunsch großartige Chancen. Aber sie kann Frauen keine Garantie dafür geben, einen Kinderwunsch bis hin zur Menopause oder gar darüber hinaus zu erfüllen.

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    Copyright DGGG 2012

    Ansprechpartner für die Medien:
    Prof. Dr. med. Jan-Steffen Krüssel
    Koordinator UniKiD
    Moorenstrasse 5
    40225 Düsseldorf
    E-Mail: kruessel@unikid.de


    Weitere Informationen:

    http://www.dggg2012.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
    Deutsch


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