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14.02.2013 09:54

Tiefe Hirnstimulation bei Parkinson: Früherer Einsatz kann Lebensqualität verbessern

Silke Jakobi Pressestelle
Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)

    Der frühere Einsatz der Tiefen Hirnstimulation* (THS) bei Morbus Parkinson kann die Lebensqualität der Patienten verbessern. Tübinger Hirnforschern ist dieser Beweis, gemeinsam mit weiteren Forschern aus Deutschland und Frankreich, gelungen. Die im New England Journal of Medicine (NEJM) veröffentlichte Studie zeigt überdies auch, dass sich die motorischen Funktionen der Patienten signifikant verbesserten. Die in ihrer Mobilität stark beeinträchtigten Probanden erzielten durch die Tiefe Hirnstimulation beispielsweise, eine um 53 Prozent gesteigerte Bewegungsfähigkeit. Ihre Fähigkeit Aktivitäten des täglichen Lebens zu meistern, verbesserte sich um 30 Prozent.

    Zum Einsatz kam die Tiefe Hirnstimulation bislang nur bei Patienten mit schweren Symptomen und in fortgeschrittenen Krankheitsstadien, typischerweise nach einer Krankheitsdauer von über zehn Jahren. In Deutschland sind rund 250.000 Menschen an Morbus Parkinson erkrankt. Weltweit sind es über sechs Millionen. Experten schätzen, dass sich die Zahl der Betroffenen bis 2030 verdoppeln wird.

    „Wir hoffen, dass unsere Erkenntnisse Eingang in die Parkinson Therapieleitlinien finden, so dass Patienten flächendeckend von einem frühen Einsatz der Tiefen Hirnstimulation profitieren können“, sagt Professor Dr. med. Rejko Krüger, Forschungsgruppenleiter am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung, Neurologische Klinik, Universitätsklinikum Tübingen. Bislang ging man davon aus, dass Patienten von einer tiefen Hirnstimulation erst später im Krankheitsverlauf profitieren. „Denn die beginnenden Bewegungsstörungen können zu einem früheren Zeitpunkt auch durch Medikamente gut behandelt werden. Parkinson-Medikamente haben jedoch, wenn sie über viele Jahre eingenommen werden müssen, schwere Nebenwirkungen“, sagt Krüger. Ziel der Studie war es deshalb herauszufinden, so der Hirnforscher weiter, welche Vorteile der wesentlich frühere Einsatz einer THS gegenüber der typischen medikamentösen Behandlung den Patienten bietet.

    Die 251 Probanden der Studie waren durchschnittlich sieben Jahre an Parkinson erkrankt. Eine Hälfte der Patienten erhielt einen sogenannten Hirnschrittmacher, wurden also mit THS behandelt. Die Vergleichsgruppe wurde medikamentös behandelt. „Die Ergebnisse der Studie zeigten ein einheitlich positives Bild zugunsten der THS“, freut sich Krüger. Bei der Hirnschrittmacher-Gruppe verbesserte sich nach zwei Jahren die Lebensqualität um 26 Prozent. Die in ihrer Mobilität stark beeinträchtigten Probanden beispielsweise, erzielten eine 53 Prozent verbesserte Bewegungsfähigkeit (UPDRS III*, ohne Medikamente, mit Stimulation). Ihre Fähigkeit, Aktivitäten des täglichen Lebens (UPDRS II*) zu meistern verbesserte sich um 30 Prozent. Nebenwirkungen im Rahmen der klassischen Medikamenten-Therapie mittels „L-Dopa*“ (UPDRS IV*), durch die ein Ausgleich des „Dopamin-Haushaltes“ angestrebt wird, reduzierten sich um 61 Prozent.

    „Die Vorteile für die THS-Patienten sind damit überraschend deutlich und beeindruckend. Außerdem haben sich auch die Depressionen der Probanden signifikant verbessert. Darüber hinaus vertrugen die Studienpatienten in einem früheren Krankheitsstadium das Implantieren der, für die THS notwendigen, Elektrode besser als ältere Patienten“, beschreibt der Hirnforscher weitere Ergebnisse der Parkinson-Studie, welche die Lebensqualität als Hauptparameter für die Beurteilung der Therapie benutzte. Unter den 27 schweren operativen Nebenwirkungen waren keine bleibenden Schäden außer einer Narbe bei einem Patienten zu beobachten. Suizide traten bei zwei Patienten der Neurostimulationsgruppe und bei einem Patienten in der Medikamentengruppe auf.

    Originaltitel der Publikation
    Neurostimulation for Parkinson’s Disease with Early Motor Complications
    N Engl J Med 2013;368:610-22. DOI: 10.1056/NEJMoa1205158

    *Hintergrundinformationen

    Parkinson
    * Morbus Parkinson ist eine der häufigsten neurologischen Störungen. In Deut-schland sind rund 250.000 Menschen erkrankt. In Europa gibt es über eine Millionen und weltweit über sechs Millionen Menschen mit Parkinson.
    * Die Ursache der Erkrankung liegt im Absterben der Zellen der Substantia nigra, einer Region im Mittelhirn, die auch Schwarze Substanz genannt wird. Die Nervenzellen der Substantia nigra produzieren den Botenstoff Dopamin. Je mehr dieser Nervenzellen absterben, desto weniger Dopamin steht zur Verfügung. Sind rund die Hälfte der Nervenzellen abgestorben, zeigen sich erste Krankheits-zeichen.
    * Zu den typischen Parkinsonsymptomen gehören beispielsweise ein schlurfender kleinschrittiger Gang, ein regloser Gesichtsausdruck oder eine „Schüttellähmung“, das Muskelzittern.
    * Neben Medikamenten, wie L-Dopa, wird auch die Tiefe Hirnstimulation zur Behandlung der Parkinson-Symptome eingesetzt.

    Tiefe Hirnstimulation (THS) bei Parkinson
    * Seit 1998 wird die Tiefe Hirnstimulation zur Behandlung der Parkinson-Symptome eingesetzt.
    * Weltweit haben bereits über 80.000 Menschen eine Tiefe Hirnstimulation machen lassen, etwa zwei Drittel von ihnen aufgrund der Parkinson-Krankheit.
    * Die Tiefe Hirnstimulation verbessert nachweislich die Bewegungsstörungen bei Parkinson, verursacht aber auch Nebenwirkungen im kognitiven und emotionalen Bereich.
    * Bei der THS wird eine Elektrode über ein Loch im Schädel in das Gehirn eingeführt und im Zielgebiet verankert. Ein Impulsgeber, der die Größe eines Herzschritt-machers hat, wird unter dem Schlüsselbein implantiert.
    * Er gibt elektrische Reize an das Zielgebiet ab, welche die Aktivität der Nerven-zellen wenige Millimeter im Umkreis der Hirnelektrode blockieren. Dadurch kann die krankhaft veränderte Nervenzellaktivität, die den gestörten Bewegungsabläufen bei der Parkinson-Krankheit zugrunde liegt, gezielt ausgeschaltet werden.
    * Die Wirkung des Schrittmachers kann durch Veränderung der Stimulations-parameter mithilfe eines separaten Steuergerätes von außen durch die Haut angepasst werden.

    UPDRS (Unified Parkinson's Disease Rating Scale)
    * Skala zur Verlaufsbeobachtung bei Morbus Parkinson. Die Erhebung erfolgt per Interview. Maximal sind 199 Punkte, minimal 0 Punkte erreichbar, wobei 199 Punkte das schlechteste Ergebnis darstellen hingegen 0 Punkte keinerlei Behinderung bedeutet.
    o UPDRS I: Kognitive Funktionen, Verhalten und Stimmung
    o UPDRS II: Aktivitäten des täglichen Lebens (jeweils getrennt in on/off-Perioden ermitteln)
    o UPDRS III: Motorische Untersuchung
    o UPDRS IV: Motivation/Initiative

    Antiparkinson-Wirkstoff L-Dopa
    * Der Wirkstoff L-Dopa ist eine Vorstufe des Dopamins, die bis ins Gehirn vordringen kann. L-Dopa wird im Körper schnell zu Dopamin umgewandelt. Es soll das durch Parkinson entstehende Dopamin-Defizit ausgleichen.

    * Eine Langzeittherapie kann Spätkomplikationen haben: Dazu gehört ein beispiels-weise ein sekundenschneller Wechsel zwischen Phasen guter Beweglichkeit, über-schießender und mitunter schmerzhafter Arm-, Bein- und Kopfbewegungen und Phasen des "Eingefrorenseins". Der Grund dafür ist vermutlich, dass die Dopamin-Rezeptoren mit der Zeit überempfindlich auf Dopamin reagieren. Gleichzeitig sinkt die Fähigkeit des Gehirns, Dopamin zu speichern.

    Über die Studie
    Für diese Studie haben sich neun deutsche und acht französische universitäre Behand-lungszentren zusammengeschlossen (Deutschland: Kiel, Köln, Berlin, Düsseldorf, Kassel/Marburg, Tübingen, Freiburg, Heidelberg, München; Frankreich: Paris, Grenoble, Toulouse, Poitiers, Rouen, Nantes, Marseille, Lyon. Die Studie wurde auf deutscher Seite vom Bundesministerium für Bildung und Entwicklung und von der Firma Medtronic finanziert.

    Das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) in Tübingen beschäftigt sich mit einem der faszinierendsten Forschungsfelder der Gegenwart: der Entschlüsselung des menschlichen Gehirns. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie bestimmte Erkrankungen die Arbeitsweise dieses Organs beeinträchtigen. Vor diesem Hintergrund werden am HIH die informationstheoretischen und neuronalen Grundlagen wichtiger Hirnfunktionen wie Wahrnehmung, Gedächtnisleistung oder Lernverhalten untersucht. Unter anderem werden auch hirnorientierte Anwendungen für die Technik erforscht.
    Website: www.hih-tuebingen.de

    Das 1805 gegründete Universitätsklinikum Tübingen (UKT) gehört zu den führenden Zentren der deutschen Hochschulmedizin und trägt als eines der 32 Universitätsklinika in Deutschland zum erfolgreichen Verbund von Hochleistungsmedizin, Forschung und Lehre bei. 2001 gründete es zusammen mit der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und der Eberhard Karls Universität das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH), mit dem Ziel, die Ergebnisse der exzellenten neurowissenschaftlichen Forschung rasch in die klinische Praxis zur Behandlung neurologischer und neurodegenerativer Erkrankungen zu überführen. Website: www.medizin.uni-tuebingen.de

    Pressekontakt bei Rückfragen
    Silke Jakobi
    Leiterin Kommunikation
    HIH Hertie-Institut für klinische Hirnforschung
    Zentrum für Neurologie, Universitätsklinikum Tübingen
    Otfried-Müller-Str. 27
    72076 Tübingen
    Tel. 07071/29-88800
    silke.jakobi(at)medizin.uni-tuebingen.de

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    Journalisten
    Medizin
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