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13.03.2013 11:28

Empfinden für Schönheit bleibt trotz Alzheimer erhalten

Alexandra Frey Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien

    Alzheimererkrankungen beeinträchtigen das Gedächtnis dramatisch: Die Kontinuität im Erleben wird beeinträchtigt. PsychologInnen um Helmut Leder von der Universität Wien haben nun aber gezeigt, dass der ästhetische Sinn, also unser Gefallen für schöne Kunst oder Gesichter, auch bei fortgeschrittener Alzheimer-Erkrankung stabil bleibt. Die Forschungsergebnisse, die in Kooperation mit Dan Graham von den "Hobart and William Smith Colleges" (USA) entstanden sind, erscheinen aktuell im Fachmagazin "Frontiers in Psychology".

    Alzheimer ist eine Erkrankung des Gedächtnisses, die sich auf eine Vielzahl kognitiver Fähigkeiten dramatisch auswirkt: Massive Einschränkungen des Gedächtnisses, Verlust von Erinnerungen, aber auch negative Einflüsse auf komplexe Wahrnehmungen. Bis 2050 ist mit 115 Millionen an Alzheimer-Erkrankten weltweit zu rechnen. Angesichts dieser erschreckenden Zahl ist es wichtig, die Krankheit besser zu verstehen, um die Diagnose, besonders aber die Therapie zu optimieren.

    Aufbauend auf frühere Studien, die bereits gezeigt hatten, dass Alzheimer-Patienten eine gewisse Stabilität bei der Einschätzung moderner Kunst zeigten – die Patientinnen konnten sich nicht an die Bilder bei späteren Untersuchungen erinnern –, hat die ForscherInnengruppe der Universität Wien AlzheimerpatientInnen in unterschiedlich fortgeschrittenen Stadien untersucht. Dabei wurden den PatientInnen neben gemalten Landschaften und Porträts auch dazu passende Fotografien der Porträtierten und der Landschaftsgemälde vorgelegt.

    Gesichter bilden eine spezielle Klasse von Objekten – sie sind für das soziale Wesen Mensch sehr wichtig: Der Mensch widmet der Gesichtserkennung besondere und besonders viele Ressourcen; im Gehirn gibt es ganze Bereiche, die auf Gesichtsverarbeitung spezialisiert sind. Deshalb war es für die WissenschafterInnen wichtig, herauszufinden, ob bei Alzheimer-Erkrankten Fertigkeiten der Gesichterbeurteilung bewahrt bleiben.

    Die Teilnehmer wurden gebeten, Bilder danach zu sortieren, wie gut sie ihnen gefallen, also in eine Gefallens-Rangordnung zu bringen. Zu jedem Landschaftsgemälde und gemalten Porträt gab es auch ein entsprechendes Foto. Vierzehn Tage später folgte ein Wiederholungstest: Dabei wurde nun auch gefragt, ob sich die TeilnehmerInnen an gewisse Bilder überdurchschnittlich gut erinnerten. Wie erwartet, war dies bei der gesunden Kontrollgruppe der Fall, nicht aber bei den PatientInnen. Hinsichtlich der Gefallens-Rangordnungen wurde für jeden Teilnehmer ein Index der Stabilität der Ränge berechnet.

    Überraschend war, dass die PatientInnen bei Landschaftsgemälden und Kunst-Porträts wie auch bei Landschaftsbildern Stabilität in ihren ästhetischen Präferenzen zeigten und die Ergebnisse damit annähernd gleich denen der gesunden Kontrollgruppe waren. Das Urteil war auch nach zwei Wochen ähnlich wie bei der ersten Testreihe, auch wenn sich diese PatientInnen nicht wirklich an die Bilder erinnern konnten.

    Anders war das Ergebnis aber bei Porträtfotografien: Für die Fotos von Gesichtern gab es keine ästhetische Stabilität. Sie wurden nach zwei Wochen ganz anders eingeschätzt. "Wir können nur vermuten, was das bedeutet. Es ist aber nicht auszuschließen, dass unsere ästhetische Betrachtung bei echten Gesichtern bzw. Fotos andere Prozesse umfasst, als die ästhetische Betrachtung, die dem Kunstgenuss zugrunde liegt. Vielleicht ist es die Kategorie Kunst, deren ästhetischer Genuss auch bei Menschen mit Alzheimer-Erkrankung erhalten bleibt", erklärt Helmut Leder. Interessanterweise zeigten auch PatientInnen in fortgeschrittenem Stadium dasselbe Ergebnismuster.

    "In weiteren Studien werden wir klären, inwieweit unsere Befunde geeignet sind, die Lebensqualität von Patienten durch die Beschäftigung mit Kunst zu verbessern und wie dies auch therapeutisch von Nutzen sein könnte. Die Studie zeigt aber auch ganz generell, dass unser Sinn für Ästhetik eine unabhängige, ganz eigene Form der Betrachtung darstellt", so Helmut Leder abschließend.

    Publikation in "Frontiers in Psychology":
    Graham, D.J., Stockinger, S. & Leder, H. (2013.): An island of stability: art images and natural scenes – but not natural faces – show consistent aesthetic response in Alzheimer’s-related dementia. Frontiers in Psychology, 3, 1-8.
    Doi: 10.3389/fpsyg.2013.00107

    Wissenschaftlicher Kontakt:
    Univ.-Prof. Dr. Helmut Leder
    Institut für Psychologische Grundlagenforschung
    und Forschungsmethoden
    Universität Wien
    1010 Wien, Liebiggasse 5
    T +43-1-4277-47110
    helmut.leder@univie.ac.at

    Rückfragehinweis:
    Mag. Alexandra Frey
    Pressebüro der Universität Wien
    Forschung und Lehre
    Universitätsring 1, 1010 Wien
    T +43-1-4277-175 33
    M +43-664-60277-175 33
    alexandra.frey@univie.ac.at


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Kunst / Design, Medizin, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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