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20.03.2013 10:51

Viele unnötige Untersuchungen vor kleinen Operationen

Kay Gropp Pressestelle
Universität Witten/Herdecke

    Der David-Sackett-Preis geht 2013 an das Team von Prof. Dr. Andreas Sönnichsen vom Institut für Allgemeinmedizin der Uni Witten/Herdecke

    Vor kleineren Operationen werden in vielen Krankenhäusern häufig unnötige Untersuchungen durchgeführt, die keinen Nutzen für den Patienten bringen. Das ist das Ergebnis der Studie PROP (präoperative Diagnostik), die am vergangenen Freitag (15. März 2013) in Berlin mit dem David-Sackett-Preis ausgezeichnet wurde. Den mit 2.000 Euro dotierten Preis vergibt das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (DNEbM) an Wissenschaftler, die auf diesem Gebiet arbeiten, also Behandlungen daran testen, ob ihr Nutzen auch wissenschaftlich nachzuweisen ist.

    „Es ist immer wieder erstaunlich, für wie viele medizinische Maßnahmen wir eigentlich keinen wissenschaftlichen Nachweis haben, dass der Patient wirklich davon profitiert“, erklärt Prof. Dr. Andreas Sönnichsen vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Witten/Herdecke. Er ist der Leiter einer 12-köpfigen Arbeitsgruppe aus den drei Ländern Österreich, Deutschland und Italien, die ausgezeichnet wurde. „In unserem Fall ging es um Routine-Untersuchungen vor kleineren Operationen aus den Gebieten Orthopädie, Hals-Nasen-Ohren oder Allgemeinchirurgie“, beschreibt Sönnichsen die Studie. Er hat sie noch an seinem früheren Arbeitsplatz, der Paracelsus Universität Salzburg, durchgeführt, bevor er am 1.11.2012 an die Uni Witten/Herdecke wechselte.

    Darin wurden ca. 1.500 Patienten einbezogen, bei zwei Dritteln (66%), also rund 1.000 davon, hätte eine körperliche Untersuchung und medizinische Befragung vollkommen ausgereicht. Dennoch wurden 3.380 weitergehende Tests durchgeführt wie großes Blutbild, Leberwerte, Gerinnungsparameter, Elektrolyte, EKG oder Thorax Röntgen. „In einem nahezu evidenz-freien Raum wird unstrukturiert allerlei Routine-Diagnostik vor solchen Eingriffen durchgeführt, die aber keinen Nutzen bringt und zumeist viel zu umfangreich ist“, bewertet Sönnichsen das Ergebnis, „ganz zu schweigen davon, dass viele Untersuchungen vorher schon mal gemacht wurden und so unnötige Kosten entstehen.“

    Selbst die so meist zufällig entdeckten Befunde hätten keinen Einfluss auf den Ablauf der Operation oder ihren Heilungserfolg, stellt die Arbeitsgruppe in einer weitergehenden Analyse der Daten fest, die in Acta Anaesthesiologica Scandinavica publiziert ist.

    Eine der zentralen Schlussfolgerungen lautet daher: Bei Patienten ohne entsprechende Hinweise aus dem Arztgespräch oder besondere Risikofaktoren und Vorerkrankungen kann sich die Untersuchung vor einfachen Operationen nach der derzeitigen Studienlage auf die sorgfältige Anamneseerhebung und körperliche Untersuchung beschränken.

    Doch die Studiengruppe arbeitete noch weiter: Sie entwickelte und programmierte eine elektronische Entscheidungshilfe namens PROP, die online am Computer zur Verfügung steht. Der behandelnde Arzt gibt anamnestische Daten und Untersuchungsdaten, Operationsschwere, Patientenalter und Geschlecht ein und das Programm schlägt die präoperativen Untersuchungen vor. PROP wurde 2009 sowohl für Salzburger Krankenhäuser als auch im niedergelassenen Bereich durch Schulungen von Klinikärzten und Allgemeinmedizinern eingeführt. Die Auswirkungen des Einsatzes von PROP wurden in einer nicht-randomisierten Vergleichsstudie mit historischer Kontrolle evaluiert. Für die sechs untersuchten Parameter Blutbild, Elektrolyte, Gerinnung, EKG, Röntgen-Thorax und Leberwerte zeigte sich eine klinisch relevante und signifikante Verbesserung der Adhärenz zu den PROP zugrunde liegenden Empfehlungen. Und der Vorher-Nachher-Vergleich zeigt: 3,4 unnötige Tests pro Patient vor Einführung des PROP und 0,6 nach der Einführung von PROP. Vorher hatten 98% der Patienten mindestens einen unnötigen Test erhalten, nachher waren es 32%.

    Die Jury aus führenden Mitgliedern des DNEbM und einer Patientenvertreterin war sich schnell einig: Dieses immens wichtige Thema muss dringend wissenschaftlich weiter aufgearbeitet werden. Hier liege immer noch eine ungeregelte Routine vor, die große Kosten im Gesundheitssystem verursache und vor allem ein hohes Schadenspotential für Patientinnen und Patienten berge, hieß es in der Begründung.

    Weitere Informationen bei Prof. Dr. Andreas Sönnichsen, 02302-926-743 andreas.soennichsen@uni-wh.de

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    Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1982 eine Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als Modelluniversität mit rund 1.500 Studierenden in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit Werteorientierung und Persönlichkeitsentwicklung.

    Witten wirkt. In Forschung, Lehre und Gesellschaft.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Wettbewerbe / Auszeichnungen
    Deutsch


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