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27.05.2016 11:26

DFG bewilligt zweite Förderphase für Sonderforschungsbereich an der TU Dresden

Kim-Astrid Magister Pressestelle
Technische Universität Dresden

    Wie funktioniert die willentliche Kontrolle der eigenen Gefühle und Handlungen?
    Deutsche Forschungsgemeinschaft bewilligt zweite Förderphase für den Sonderforschungsbereich „Volition und kognitive Kontrolle“ an der TU Dresden

    Welche kognitiven Prozesse und neuronalen Systeme liegen der Fähigkeit zugrunde, die eigenen Handlungen und Gefühle willentlich zu kontrollieren? Warum gelingt es Menschen bei der Verfolgung wichtiger Ziele häufig nicht, kurzfristigen Versuchungen zu widerstehen oder eingeschliffene Gewohnheiten zu überwinden? Warum kommt es bei vielen psychischen Störungen (z.B. Suchterkrankungen oder Essstörungen) zu massiven Beeinträchtigungen der willentlichen Selbststeuerung? Dies sind Fragen, die in dem von der DFG seit 2012 geförderten SFB 940 „Volition und kognitive Kontrolle: Mechanismen, Modulatoren, Dysfunktionen“ von einem interdisziplinären Forscherteam aus Psychologen, Medizinern und Neurowissenschaftlern der TUD mit Kooperationspartnern der Charité Berlin unter der Leitung von Prof. Thomas Goschke zusammen untersucht werden. Aufgrund der exzellenten Bewertung des SFBs durch ein internationales Gutachtergremium hat die DFG nun die zweite vierjährige Förderperiode mit einem Fördervolumen von über 10 Millionen Euro bewilligt.

    Das Ziel des SFBs besteht darin, die kognitiven und neuronalen Mechanismen zu entschlüsseln, die der Fähigkeit zur willentlichen Kontrolle der eigenen Handlungen und Gefühle zugrunde liegen und zu verstehen, wie es zu Beeinträchtigungen der Selbststeuerungsfähigkeit kommt. Die Fähigkeit, Verhalten an langfristigen Zielen und sozialen Normen auszurichten und dazu wenn nötig impulsive Reaktionen oder starke Gewohnheiten zu unterdrücken, ist die Grundlage persönlicher Autonomie und eine der beeindruckendsten, aber nach wie vor unzureichend verstandenen Leistungen, zu denen uns unser Gehirn befähigt. Gleichzeitig sind Störungen der Selbstkontrolle ein zentrales Merkmal vieler schädlicher Verhaltensweisen (z.B. ungesunde Ernährung, impulsive Aggression, Substanzmissbrauch oder pathologisches Spielen), die immense persönliche und gesellschaftliche Kosten verursachen. Das Thema des SFBs ist insofern sowohl für die Grundlagenforschung als auch für praktische Anwendungsfelder von zentraler Bedeutung.

    In der ersten vierjährigen Förderperiode hat der SFB ein breites Spektrum von Methoden der experimentellen und klinischen Psychologie, Kognitiven Neurowissenschaften und Psychiatrie integriert und zahlreiche neue Einsichten in die Grundlagen der willentlichen Handlungssteuerung geliefert. So gelang es beispielsweise mit Hilfe funktioneller Bildgebungsmethoden, Regionen im Frontalhirn zu identifizieren, in denen Absichten vor ihrer Ausführung aufrechterhalten und wenn nötig gegen den Einfluss störender Umweltreize oder unerwünschter Handlungsimpulse abgeschirmt werden. Darüber hinaus wurden große Fortschritte bei der Entschlüsselung der neuronalen Systeme gemacht, die der Steuerung flexibler zielgerichteter Handlungen im Unterschied zu automatisierten Gewohnheiten zugrunde liegen. Von besonderer Bedeutung ist, dass Ergebnisse der Grundlagenforschung bereits geholfen haben, besser zu verstehen, warum es im Alltag zu Beeinträchtigungen der Selbstkontrolle kommt. So wurde gefunden, dass Personen, die in Laboraufgaben eine reduzierte Aktivierung in Regionen des Frontalhirns zeigen, die an der Überwachung von Handlungsfehlern und der Unterdrückung von unerwünschten Reaktionen beteiligt sind, im Alltag häufiger kurzfristigen Versuchungen nachgeben (und z.B. trotz des festen Entschlusses, eine Diät zu machen, der Sahnetorte nicht widerstehen können, oder entgegen ihrem Wunsch, das Rauchen aufzugeben, am Nikotinkonsum festhalten). Wie der Sprecher des SFBs, Prof. Thomas Goschke, erläutert, liefern diese Ergebnisse wichtige Belege dafür, dass kognitive und neuronale Mechanismen, die unter relativ künstlichen Laborbedingungen untersucht werden, Beeinträchtigungen der Selbstkontrolle im Alltag von Menschen vorhersagen.

    In der zweiten Förderperiode wollen die Wissenschaftler nun darauf aufbauend untersuchen, ob sich anhand dieser gestörten neurokognitiven Prozesse langfristig das Risiko von Suchterkrankungen prognostizieren lässt und warum es insbesondere unter chronischem Stress zu Beeinträchtigungen der Selbstkontrolle kommt. Weitere Fragen werden sein, wie die willentliche Handlungssteuerung durch bestimmte Neurotransmittersysteme beeinflusst wird, wie sich die Handlungskontrolle über die Lebensspanne verändert und welche Mechanismen Beeinträchtigungen der Selbststeuerung bei Angst- und Essstörungen zugrunde liegen.

    Thomas Goschke betont, dass der Erfolg des SFBs nicht zuletzt darauf beruht, dass er sich synergistisch in das exzellente Forschungsumfeld der TU Dresden einfügt und als international sichtbares Forschungszentrum bereits nachhaltig die Strukturbildung befördert hat. So ist in der ersten Förderphase ein enges, Disziplinen übergreifendes Netzwerk von Forschungskooperationen zwischen der Fachrichtung Psychologie und der Medizinischen Fakultät Carl-Gustav Carus entstanden, das durch neu geschaffene und mit international renommierten Wissenschaftlern besetzte Professuren nachhaltig gestärkt wurde. Besonders hervorzuheben sei ferner das integrierte Graduiertenkolleg zur Förderung einer strukturierten Doktorandenausbildung sowie der Umstand, dass der SFB durch die Integration exzellenter Nachwuchswissenschaftler als Projektleiter die frühzeitige Selbstständigkeit des wissenschaftlichen Nachwuchses fördert.

    „Es ist eine großartige Erfahrung zu sehen, welche vielfältigen interdisziplinären Kooperationen sich in den letzten vier Jahren gerade auch zwischen den Nachwuchswissenschaftlern und –wissenschaftlerinnen im SFB entwickelt haben“, betont Prof. Goschke. Die langfristige Vision sei es, nicht nur neue Einsichten in die neurokognitiven Grundlagen der willentlichen Handlungssteuerung zu gewinnen, sondern auch Grundlagen für eine verbesserte Prävention und Therapie von Störungen der willentlichen Selbststeuerung zu legen und damit neue Impulse für den gesellschaftlichen und philosophischen Diskurs über die Willensfreiheit zu setzen.

    Informationen für Journalisten:
    Prof. Thomas Goschke
    Tel.: +49 (0) 351 463-34695 oder +49 172 3554785
    E-Mail: thomas.goschke@tu-dresden.de


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Psychologie
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


     

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