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13.08.2019 16:57

Geblendet vom eigenen sozialen Netzwerk

Kerstin Hollerbach PR & Web
GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften

    Obwohl wir einen fast unbegrenzten Zugang zu Informationen haben, werden wir immer wieder davon überrascht, wie sehr wir unsere soziale und gesellschaftliche Umgebung falsch einschätzen. In einem gerade erschienenen Aufsatz in Nature Human Behaviour hat eine Forschergruppe die persönlichen Netzwerke, in denen wir uns befinden, als Haupteinfluss auf unsere Einschätzung ausfindig gemacht. Denn diese verstellen uns den Blick auf die tatsächliche Verteilung von gesellschaftlichen Ansichten und Verhalten.

    Sei es der Ausgang von Wahlen, sei es die Einschätzung von Einstellungen gegenüber gesellschaftlichen Bereichen wie Gesundheit, Umwelt oder auch das Recht auf Asyl, unsere Wahrnehmungsverzerrung zeigt sich besonders bei gesellschaftlich strittigen Themen. Es gibt zwar in der Psychologie eine lange Reihe von Ansätzen, die diese Prozesse hinsichtlich verzerrter sozialer Wahrnehmung erklären, wie beispielsweise „Wishful thinking“ oder „soziale Projektion“, aber es gibt eine wesentlich einfachere Erklärung.
    Wenn Personen ihre Wahrnehmungen ausformen, haben sie selten eine repräsentative Wahrnehmung, sondern sind von den lokalen Strukturen ihrer persönlichen Netzwerke begrenzt. Diese verzerren die Wahrnehmung der Häufigkeit verschiedener Attribute in der gesamten Bevölkerung.
    Das Forscherteam um Eun Lee und Fariba Karimi von GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften wendet ein gesellschaftliches Netzwerkmodell an, das sich auf die Eigenschaften von Mehrheits- und Minderheitengruppen konzentriert. Dafür können alle gegensätzlichen Eigenschaften wie z.B. Rauchen oder Nichtrauchen, für oder gegen die Anwendung des Asylrechts, männlich oder weiblich, herangezogen werden. Die Wahrnehmungen des Einzelnen sind geprägt von seiner Umgebung. Je nachdem, wie groß die Mehrheiten und Minderheiten in einer Gruppe verteilt sind und wie stark der Einzelne mit anderen ähnlichen oder unähnlichen Netzwerken verbunden ist, umso stärker sind die unterschiedlichen Wahrnehmungsverzerrungen.
    Das Team stellte fest, dass die Wahrnehmungsverzerrungen am stärksten auftreten, wenn Mehrheits- oder Minderheitsgruppen unverhältnismäßig groß sind. Auch Mitglieder, die eng mit nur einer Gruppe verbunden sind und wenig Kontakt zu den anderen Gruppen haben (homophiles Netzwerk), neigen verstärkt zu falschen Einschätzungen. Dabei überschätzt der Einzelne seine eigene Gruppe und unterschätzt die andere. Zum Beispiel Rauchende, deren soziale Umgebung hauptsächlich aus Rauchenden besteht, bewerten den Anteil an Rauchenden in der Bevölkerung höher, als er tatsächlich ist.
    Eine andere Wahrnehmungsverzerrung entsteht, wenn die beiden Gruppen innerhalb des Netzwerks gleichmäßiger verteilt sind (heterophiles Netzwerk). Hier ist die Tendenz, dass die Mehrheitsgruppe das Vorhandensein einer Minderheitsgruppe höher als in der Realität einschätzt. Um beim Raucher-Beispiel zu bleiben: Setzt sich ein persönliches Netzwerk aus 40 Prozent Rauchenden und 60 Prozent Nichtrauchenden zusammen, überschätzen die Nichtrauchenden den Anteil der Rauchenden in der Bevölkerung, weil sie ihre Einschätzung aufgrund der Verteilung in ihrem Netzwerk treffen.

    Wahrnehmungsverzerrungen in homophilen und heterophilen Netzwerken, Grafik von Eun Lee.
    So lassen sich auch die unterschiedlichen Wahrnehmungen in unserer Gesellschaft, was beispielsweise die Wahrscheinlichkeit, in eine kriminelle Situation zu geraten oder die Einschätzung des Anteils der nicht-deutschen Bevölkerung in Deutschland angeht, ebenfalls erklären.

    Und wie kann lässt sich persönlich der eigenen Wahrnehmungsverzerrung entgegenwirken? Wir empfehlen, sich um den Kontakt mit Menschen aus verschiedenen Gruppen zu bemühen, um so das breite gesellschaftliche Netzwerk besser kennenzulernen. So überraschen uns auch nicht die Ergebnisse der nächsten Wahl.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Fariba Karimi
    Computational Social Science
    GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften
    Fariba.karimi@gesis.org


    Originalpublikation:

    Eun Lee, Fariba Karimi, Claudia Wagner, Hang-Hyun Jo, Markus Strohmaier & Mirta Galesic (2019): Homophily and minority-group size explain perception biases in social networks. In: Nature Human Behaviour (2019), DOI: https://doi.org/10.1038/s41562-019-0677-4


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Gesellschaft, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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