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03/12/2026 11:33

Wie politische Grenzen im Mittelalter mit Chorälen zusammenhängen

Martin Brandstätter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Die Ausbreitung eines bestimmten Musik-Genres spiegelt die Grenzen zwischen mittelalterlichen Reichen in Europa wider. Das zeigt eine Studie eines Musikwissenschaftlers der Universität Würzburg.

    Musik ist bekanntlich Geschmackssache und für jeden Geschmack gibt es das passende Genre: Von populären Musikrichtungen wie Pop und Rock bis hin zu Nischen-Musik wie Deathstep, das den elektronischen Klang von Dubstep in eine Metal-Ästhetik verpackt. Ein im Mittelalter bekanntes Genre sind Tropen. Das sind eingeschobene Texte und Melodien, die in gregorianischen Chorälen vorkamen.

    Ein Tropus kann beispielsweise als Einleitung zu einer biblischen Geschichte oder als Kommentar auf den gesungenen Choral dienen. Entstanden sind diese Einschübe, da Prediger ihre Liturgien kreativer und freier gestalten wollten. Denn es war strengstens verboten, die Choräle selbst zu verändern. Diese galten als „Wort Gottes“, das der Papst empfangen hatte und an die Prediger weitergeben sollte.

    Nun hat Tim Eipert insgesamt über 4.000 Tropen-Elemente aus 163 Manuskripten mit einem neuen digitalen Modell analysiert. Eipert promoviert aktuell bei Fabian Moss, Juniorprofessor für Digitale Musikphilologie und Musiktheorie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU).

    Das Modell teilte die Tropen in mehrere Ebenen und vier Hauptcluster ein. Es benutzte die einzelnen Einschübe innerhalb der Choräle, um Cluster zu bilden, die sich dann auf einer Landkarte darstellen lassen. Die Gesänge entstanden dabei zwischen dem 9. und dem 14. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung. Die Manuskripte stammen aus Gebieten, die vor allem die heutigen Staaten Frankreich, Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien und den Süden Großbritanniens umfassen.

    Ergebnis: Politische Grenzen beeinflussen musikalischen Austausch

    Das Ergebnis: „Es zeigte sich, dass die Verbreitung der Cluster von den damaligen politischen Grenzen nach dem Vertrag von Verdun 843 nach Christus stark eingeschränkt wurde. Ein kultureller Austausch zu den Chorälen fand damals scheinbar über Reichsgrenzen hinaus wenig statt“, erklärt Eipert. Die musikalische Überlieferung spiegele so die politische Fragmentierung Europas wider.

    Zur Einordnung: Der Vertrag von Verdun teilte das Fränkische Kaiserreich der Karolinger in drei Herrschaftsgebiete auf. Herrscher der neuen Reiche wurden die Söhne Kaiser Ludwigs des Frommen – Lothar, Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche. Ihre Gebiete erstreckten sich über große Teile Mitteleuropas, von Rom bis zur Nordsee.

    Von mittelalterlichen Chorälen bis hin zu Taylor Swift

    „Die Studie demonstriert, wie leistungsfähig datengesteuerte Methoden für die historische Musikwissenschaft sein können“, so der JMU-Wissenschaftler. Sein Modell ist darüber hinaus auf weitere Musik-Genres und über die Grenzen der Musikwissenschaft hinaus anwendbar.

    Eipert hatte es auch schon in einen Kurs integriert: Der JMU-Student Jason Ackermann nutzte es zum Beispiel, um die Kommentarspalten unter Videos von Taylor Swift und Radiohead auf YouTube zu analysieren und Superfans zu identifizieren.

    Als nächstes beschäftigt sich der Musikwissenschaftler damit, weitere Modelle in die bestehende Anwendung zu integrieren. Diese sollen unter anderem auch Text- und Melodie-Elemente in die Cluster aufnehmen, um ein noch besseres Bild der Tropen-Verbreitung zu erhalten.


    Contact for scientific information:

    Tim Eipert, Lehrstuhl für Musikwissenschaft II, Institut für Musikforschung, tim.eipert@uni-wuerzburg.de


    Original publication:

    Originalpublikation
    Eipert, T. and Moss, F.C. (2026) ‘Inferring Communities of Medieval Music Manuscripts Using Stochastic Block Models’, Transactions of the International Society for Music Information Retrieval, 9(1), 26. Februar 2026, https://doi.org/10.5334/tismir.298


    More information:

    https://osf.io/fkdq5/overview Das Modell ist als Open Source Data verfügbar.


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    Criteria of this press release:
    Journalists, all interested persons
    Information technology, Music / theatre
    transregional, national
    Research results, Scientific Publications
    German


     

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