Wie die allererste Unstatistik vom Januar 2012 ist auch die Unstatistik im Februar 2015 wieder eine Armutsstudie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Darüber berichtet haben am 19. Februar unter anderem Spiegel online („Bericht des Wohlfahrtsverbands: 12,5 Millionen Menschen in Deutschland sind arm“) und n-tv („12,5 Millionen Deutsche sind arm“). Auch wenn einige Medien sich diesmal durchaus kritisch zu dieser Studie äußerten, scheint die falsche Interpretation relativer Armutsquoten nicht auszurotten zu sein und daher Bedarf an einer wiederholten Richtigstellung zu bestehen.
Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband war die Armut in Deutschland noch nie so hoch wie heute. Dabei beruft sich der Paritätische Wohlfahrtsverband auf eine angebliche Armutsquote von 15,5 Prozent aller Bundesbürger, definiert als die Menschen, die pro Monat weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben. Unabhängig davon, ob diese Zahl nun korrekt ist, hat sie mit Armut nichts zu tun. Denn dieser Prozentsatz bleibt der gleiche, auch wenn sich das reale Einkommen aller Bundesbürger verdoppelt. Und wenn es allen schlechter geht, nimmt die so gemessene Armut unter Umständen sogar ab.
Wie in unserer ersten Unstatistik sei auch diesmal wieder auf ein methodisches Problem der Studie hingewiesen. So argumentiert der Paritätische Wohlfahrtsverband, man müsse regionale Armutsquoten ausweisen, da man Stuttgart nicht mit dem Ruhrgebiet vergleichen könne. Dann sollte der Verband aber auch die zur Berechnung der Armutsquoten verwendeten Einkommen um die in den Regionen sehr unterschiedlichen Lebenshaltungskosten korrigieren. Dann würde sich hinsichtlich der „Armenhäuser“ in der Republik sehr wahrscheinlich ein sehr unterschiedliches Bild ergeben.
Man sollte endlich zur Kenntnis nehmen, dass relative Armutsquoten nur ein (schlechtes) Maß für die Einkommensungleichheit darstellen und mit Armut im herkömmlichen Sinne nichts zu tun haben. Wenn der Präsident des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sagt: „Nie war die Armut in Deutschland so hoch“, ist man versucht, ihm zuzurufen: „Beamen Sie sich mal zurück in das Jahr 1948! Da ging es allen gleichermaßen dreckig, aber nach Ihrer Definition war so gut wie niemand arm.“
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Ansprechpartner:
Prof. Dr. Walter Krämer, Tel.: (0231) 755-3125
Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen.
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