Was Menschen über Kriege, Machtverschiebungen und internationale Konflikte wissen, basiert längst nicht mehr allein auf Nachrichten und politischen Landkarten. Zwei Jahrestagungen der Sonderforschungsbereiche „Medien der Kooperation“ und „Transformation des Populären“ an der Universität Siegen untersuchen, wie digitale Praktiken, Bilder und Erzählungen unsere Vorstellung von der Welt prägen.
Grönland war lange ein weißer Fleck auf den Karten der öffentlichen Aufmerksamkeit. Dann wurde plötzlich viel darüber gesprochen: über die strategische Lage der Insel, ihre Rohstoffe und ihre mögliche Bedeutung für die USA. In sozialen Medien entstanden Memes, Bilder und Erzählungen, die Grönland zum Symbol machten. Selbst die Frage, ob schließlich bei der Vertragsunterzeichnung zwischen den USA, Grönland und Dänemark das Lied „Send in the Clowns“ gespielt und Trump damit verspottet wurde, ist Anlass für hitzige Online-Diskussionen. Das Gerücht schlägt die Fakten. Weniger der Vertrag als die Stimmung des Drumherums sorgt für Aufmerksamkeit.
Für Prof. Dr. Niels Werber, Sprecher des Sonderforschungsbereichs (SFB) „Transformation des Populären“ der Universität Siegen, ist das ein anschauliches Beispiel für das Thema der Jahrestagung „Populäre Geopolitik“. „Grönland spielt als geopolitische Phantasie schon lange eine Rolle und ist enorm aufgeladen.“ Interessant sei, welche Bilder dabei erzeugt würden, um politische Ansprüche zu untermauern. „Es gibt Konjunkturen für geopolitische Popularitäten. Und jetzt sind wir in so einer.“
Ukraine, Gaza, die Straße von Hormus, Iran – immer wieder richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf bestimmte Regionen und Konflikte. Werber spricht von „Kämpfen um Sichtbarkeit“, die in den Medien ausgetragen werden. Manche Themen rücken ins Zentrum, während anderes aus dem Blick gerät. Die Tagung fragt deshalb, warum bestimmte geopolitische Erzählungen besonders erfolgreich werden: Warum heißt es plötzlich, Russland wolle ein Imperium zurück, China werde zur Gefahr oder es beginne ein neuer Kalter Krieg? Solche Formeln reduzieren komplexe Verhältnisse auf eingängige Bilder. Gerade das macht sie attraktiv.
Doch Aufmerksamkeit entsteht nicht unabhängig von den Medien, über die sie verbreitet wird. Damit beschäftigt sich eine weitere Jahrestagung, und zwar die des SFB „Medien der Kooperation“: „Politics of Cooperative Sensing“. Prof. Dr. Carolin Gerlitz, Sprecherin des SFB, erklärt, dass die Wissenschaftler*innen untersuchen, wie Menschen mithilfe digitaler Medien wahrnehmen, was in der Welt geschieht. „Wir arbeiten praxeologisch“, sagt sie. Im Mittelpunkt stehen konkrete Praktiken der Mediennutzung und die Frage, wie dabei Macht ausgehandelt wird.
Sensoren, Plattformen, Daten und inzwischen auch KI machen Ereignisse sichtbar – oder unsichtbar. Gerade im Krieg stelle sich die Frage, „was wird sichtbar gemacht und was wird verdunkelt“, so Gerlitz. Neben Staaten geraten deshalb Technologieunternehmen in den Blick. Wer Daten, Plattformen, Cloud-Infrastruktur oder KI-Systeme kontrolliert, verfügt nicht nur über technologische Ressourcen. Technologische Macht kann politische und geopolitische Macht werden.
Wie geht man damit um? Ein Teil der Tagung widmet sich Praktiken des Widerstands und des demokratischen Engagements zum Beispiel durch digitale, antifaschistische oder feministische Initiativen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Wissenschaft und Universitäten gemeinsam mit der Zivilgesellschaft auf antidemokratische Entwicklungen reagieren können. „Wir müssen uns nicht nur die großen Techkonzerne anschauen, sondern auch, was KI generieren kann und wie sich die Akteure und Medienpraktiken verändern“, sagt Gerlitz.
Dabei können Gefühle Fakten überlagern. „Gefühle sind wirkmächtiger und werden von Plattformen besonders befeuert“, sagt Gerlitz. Werber unterscheidet zwischen Einfluss und Macht. Bilder und Erzählungen können beeinflussen, was Menschen wahrnehmen und worüber sie sprechen. Macht im engeren Sinne haben sie deshalb noch nicht. „Bilder selbst haben keine Macht, sie zwingen uns nicht, etwas zu tun.“ Menschen können widersprechen, recherchieren und sich weiter informieren.
So richtet sich der Blick der beiden Jahrestagungen nicht nur auf Territorien, Ressourcen und internationale Konflikte, sondern auch auf die Frage, wer bestimmt, was sichtbar wird, welche Geschichten Aufmerksamkeit erhalten und wie daraus politische Bedeutung entsteht.
Prof. Dr. Carolin Gerlitz
Mail: carolin.gerlitz@uni-siegen.de
Tel.: 0271/740-5150
Prof. Dr. Niels Werber
Mail: werber@germanistik.uni-siegen.de
Tel. 0271/740-5414
https://sfb1472.uni-siegen.de/veranstaltungen/jahrestagung-2026-populaere-geopol...
https://www.mediacoop.uni-siegen.de/de/jahrestagung-2026/
Die Jahrestagungen der Sonderforschungsbereiche „Medien der Kooperation“ und „Transformation des Pop ...
Quelle: Sascha Hüttenhain
Copyright: Universität Siegen
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
Gesellschaft, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik, Sprache / Literatur
überregional
Wissenschaftliche Tagungen
Deutsch

Die Jahrestagungen der Sonderforschungsbereiche „Medien der Kooperation“ und „Transformation des Pop ...
Quelle: Sascha Hüttenhain
Copyright: Universität Siegen
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