Künstlerische Forschung erlebt im deutschen Hochschul- und Wissenschaftssystem seit etwa fünfzehn Jahren einen diskursiven wie institutionellen Aufschwung. Mit ihr verbinden sich Erwartungen an epistemische Innovation und gesellschaftlich transformative Impulse in Zeiten globaler Krisen ebenso wie an eine weitere Stärkung des internationalen Renommees der Kunst- und Musikhochschulen (KMHS) und an bessere Zugänge zur Drittmittelförderung. Zugleich bleibt umstritten, wie die dafür nötigen Strukturveränderungen gestaltet und hochschulpolitisch flankiert werden können. Wie weit die Institutionalisierung an deutschen KMHS tatsächlich fortgeschritten ist, hat HoF im Verbund untersucht.
Die Studie „Künstlerische Forschung an Kunst- und Musikhochschulen in Deutschland. Eine empirische Feldsondierung“ ist im Rahmen des Verbundprojekts ILLUME von HoF und der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, gefördert durch das BMFTR, entstanden. Sie zeigt übergreifend: Künstlerische Forschung entwickelt sich zunehmend zu einem festen Bestandteil der deutschen KMHS. Obwohl Deutschland bei der Institutionalisierung im europäischen Vergleich spät gestartet ist, hat in den vergangenen Jahren ein deutlicher Ausbau stattgefunden. Künstlerische Forschung ist bereits in vielen Masterstudiengängen verankert, Governance-Strukturen im Forschungsbereich sind an der Mehrheit der Hochschulen etabliert, und die Möglichkeiten zur Promotion werden merklich erweitert. Zugleich bleibt das Feld heterogen und steht vor Herausforderungen hinsichtlich künstlerisch wie wissenschaftlich anschlussfähiger Qualitätsstandards, administrativer Kapazitäten und geeigneter Organisationsmodelle.
Erstmals wurden dabei in der neuen HoF-Studie die organisationalen Strukturen staatlicher Kunst- und Musikhochschulen in Deutschland in systematischer Breite erfasst und die Verortung künstlerischer Forschung untersucht. Grundlage sind Website- und Dokumentenanalysen, Auswertungen von statistischen Daten sowie ergänzende Abfragen an den Hochschulen. Insgesamt wurden 46 staatliche Kunst- und Musikhochschulen einbezogen.
Genauer betrachtet, lautet ein zentrales Ergebnis: Künstlerische Forschung ist deutlich stärker in Studium und Lehre integriert, als bislang angenommen. Bereits an mehr als der Hälfte der untersuchten Einrichtungen sind entsprechende Angebote im Masterbereich verankert, überwiegend als verpflichtender Bestandteil der Curricula. Im Bachelorbereich gibt es dagegen noch erhebliche Erweiterungsmöglichkeiten: Hier findet sich künstlerische Forschung bislang nur an wenigen Hochschulen, meist als Wahlpflichtangebot.
Die Untersuchung zeigt zugleich, dass sich die deutsche Kunst- und Musikhochschullandschaft nach wie vor durch eine hohe internationale Attraktivität auszeichnet. Im Wintersemester 2024/25 studierten an den KMHS insgesamt 36.201 Personen. Der Anteil internationaler Studierender lag bei 35 Prozent, gegenüber 18 Prozent an Universitäten und 17 Prozent an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Besondere Aufmerksamkeit widmet die Studie der postgradualen Qualifikationsphase. Zwar verfügen inzwischen 43 der 46 untersuchten Hochschulen über ein Promotionsrecht, und 40 Einrichtungen nutzen dieses aktiv. Allerdings konzentrieren sich die tatsächlichen Promotionsmöglichkeiten bislang überwiegend auf wissenschaftliche Fächer. Wissenschaftlich-künstlerische Promotionen werden aktuell nur an acht Hochschulen angeboten. Eine primär künstlerische Promotion existiert seit 2025 bislang allein an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, die damit Pionierin ist. Gleichzeitig befindet sich das Feld in einer dynamischen Entwicklungsphase: Zahlreiche Hochschulen erweitern ihre Promotionsangebote oder entwickeln neue Modelle künstlerischer Qualifizierung.
Die Studie macht außerdem deutlich, dass Forschung wie künstlerische Forschung an den KMHS zunehmend organisatorisch verankert werden. Bereits gut die Hälfte der Hochschulen verfügen über Governance-Strukturen für den Forschungsbereich, etwa über Zuständigkeiten in der Hochschulleitung (Vizepräsident:innen/Prorektor:innen), entsprechende Stabsstellen oder organisationale Einheiten des Forschungsmanagements. Hochschulen mit diesen Strukturen weisen dabei deutlich häufiger sichtbare Aktivitäten im Bereich künstlerischer Forschung auf und haben diese in strategische Dokumente der Hochschulentwicklung integriert.
Dennoch gibt es noch erhebliche strukturelle Herausforderungen. Insbesondere bei den administrativen Kapazitäten diagnostiziert die Untersuchung Nachholbedarf. Zwar ist das Verwaltungs-, technische und sonstige Personal an den KMHS in den vergangenen Jahren überproportional gewachsen. Im Vergleich zu Universitäten bleibt die Ausstattung jedoch deutlich geringer. Der erwartbaren weiteren Zunahme von Forschungsaktivitäten und der Erhöhung der Zahl von Drittmittelprojekten, die mit steigenden Anforderungen an Forschungsmanagement und Verwaltung verbunden sind, kann auf dieser Basis noch nicht adäquat begegnet werden.
Auch im Bereich der Qualitätssicherung zeigt sich ein gemischtes Bild. An zwei Drittel der Hochschulen konnten entsprechende Regelungen identifiziert werden. Diese beziehen sich jedoch fast ausschließlich auf Studium und Lehre. Die künstlerische Praxis wird nur vereinzelt explizit berücksichtigt, Forschung ist lediglich in neun Fällen Gegenstand entsprechender Vereinbarungen. Die Entwicklung von Qualitätsstandards für künstlerische Forschung, die in Kunst wie Wissenschaft akzeptiert sind, bleibt eine der zentralen Zukunftsaufgaben.
Insgesamt zeichnet die Studie das Bild eines Feldes in Bewegung. Die Heterogenität der Kunst- und Musikhochschulen hinsichtlich Größe, Spartenprofil, Geschichte und regionaler Rahmenbedingungen spricht gegen organisationale Standardlösungen. Stattdessen schlagen die Autor:innen vor, die Integration künstlerischer Forschung als standortspezifisches Ökosystem zu konzipieren, in dem besonders Studium, Promotion, Administration, Governance und Qualitätssicherung sowie Finanzierung im Rahmen der Hochschulentwicklung aufeinander abgestimmt werden.
Für die weitere Erforschung des Feldes benennt die Studie schließlich vor allem für die Wissenschafts- und Hochschulforschung Desiderata und Anschlussmöglichkeiten: Theoretisch kann diese besonders von einer stärkeren Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff und geistes- wie kulturwissenschaftlichen Ansätzen profitieren. Empirisch können vor allem qualitative Untersuchungen zu Gelingensbedingungen und Barrieren, Best-Practice-Fallstudien und Analysen unterschiedlicher Organisationsmodelle zusammen mit internationalen Vergleichsstudien dazu beitragen, die künftige Entwicklung künstlerischer Forschung an deutschen KMHS zu begleiten und unterstützen.
Für Rückfragen wenden Sie sich bitte an:
PD Dr. Britta Behm, britta.behm@hof.uni-halle.de
Sebastian Schneider, sebastian.schneider@hof.uni-halle.de
Britta Behm / Sebastian Schneider: Künstlerische Forschung an Kunst- und Musikhochschulen in
Deutschland. Eine empirische Feldsondierung (HoF-Arbeitsbericht 140), unt. Mitarb. v. Sarah Kordecki,
Daniela Schlütz und Anika Kienle, Institut für Hochschulforschung (HoF) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2026, 56 S., ISBN 978-3-69059-014-3
Online unter https://www.hof.uni-halle.de/web/dateien/pdf/ab140_WEB.pdf
https://hof.uni-halle.de/publikation/kuenstlerische-forschung-an-kunst-und-musik...
Behm/ Schneider: Künstlerische Forschung an Kunst- und Musikhochschulen in Deutschland
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Studierende, Wissenschaftler
Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Kunst / Design, Pädagogik / Bildung
überregional
Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch

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