Eine Studie unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Länderkunde zeigt, wie Werbevideos kultiviertes Fleisch als Antwort auf globale Krisen darstellen und welche Herausforderungen dabei in den Hintergrund treten.
Klimakrise, Tierwohl und die Zukunft der Ernährung: Kultiviertes Fleisch, d.h. in Laboren aus Zellkulturen gezüchtetes Protein, wird häufig als mögliche Lösung für zentrale Herausforderungen der globalen Fleischproduktion und ihrer CO2-Emmissionen präsentiert. Doch wie machen Unternehmen die neue Technologie gesellschaftlich akzeptabel?
Eine von der Gerda-Henkel-Stiftung finanzierte Studie von Forschenden des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL) und der Freien Universität Berlin zeigt, wie Unternehmen kultiviertes Fleisch mithilfe von Bildern und Erzählungen als nachhaltige, ethisch vertretbare und wirtschaftlich attraktive Zukunftstechnologie inszenieren.
Für die in der Fachzeitschrift „Geographica Helvetica“ veröffentlichte Untersuchung analysierten Frank I. Müller von der Freien Universität Berlin sowie Frank Meyer und Judith Miggelbrink vom IfL insgesamt 41 Werbevideos aus dem Bereich der zellulären Landwirtschaft. Dabei identifizierten sie sechs zentrale Erzählmuster, mit denen Unternehmen eine bislang wenig etablierte Technologie als mögliche Zukunft der Fleischproduktion inszenieren.
Laborbilder, Umweltversprechen und emotionale Geschichten
Die Videos veranschaulichen die Technologie mit Infografiken und Aussagen von Unternehmensvertretern, und verknüpfen kultiviertes Fleisch mit globalen Umwelt- und Ernährungskrisen. Naturbilder und emotionale Szenen verbinden Appelle an Tierwohl und Naturverbundenheit mit den technologischen Möglichkeiten der laborgestützten Fleischproduktion. Sterile Laborwelten vermitteln Hygiene und Kontrolle. So erscheint kultiviertes Fleisch als technologischer Weg in eine bessere Zukunft, der Fleischkonsum ermöglichen und zugleich ethische Bedenken gegenüber der konventionellen Tierhaltung überwinden soll.
Doch die Inszenierung zeigt nur einen Teil der möglichen Zukunft. Die Herausforderungen einer industriellen Produktion im großen Maßstab – etwa Energiebedarf, Infrastruktur und regulatorische Hürden – treten in den Videos häufig in den Hintergrund. Stattdessen entsteht das Bild einer sauberen, kontrollierbaren und zukunftsfähigen Technologie.
Wie aus wissenschaftlichen Möglichkeiten Zukunftsversprechen werden
Die Forschenden zeigen, wie Unternehmen komplexe wissenschaftliche Prozesse und gesellschaftliche Probleme in eingängige Zukunftserzählungen übersetzen. Damit positionieren sie sich als Gestalter einer künftigen Proteinversorgung.
Die Studie zeigt nicht, dass kultiviertes Fleisch bereits einen grundlegenden Wandel des Ernährungssystems bewirkt oder dass die Werbebotschaften tatsächlich die Einstellungen der Verbraucher verändern. Sie macht vielmehr sichtbar, wie Unternehmen eine mögliche Zukunft der Fleischproduktion als plausibel und erstrebenswert darstellen – und welche Aspekte sie dabei hervorheben oder ausblenden.
Co-Autorin Judith Miggelbrink betont: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Wettbewerb um die Zukunft der Proteinversorgung nicht allein in Laboren und Bioreaktoren stattfindet, sondern auch in Bildern, Geschichten und Versprechen.“ Welche Rolle kultiviertes Fleisch künftig in unserem Ernährungssystem spielen wird, hängt demnach auch davon ab, wie seine Möglichkeiten und Grenzen gesellschaftlich kommuniziert und diskutiert werden.
Dr. Frank Meyer
Tel.: +49 341 600 55-148
E-Mail: f_meyer@leibniz-ifl.de
Müller, F. I., Meyer, F. & Miggelbrink, J. (2026). From lab to table: promissory narratives and the future of protein production in response to global crises. Geographica Helvetica, 81(3), 463–479. https://doi.org/10.5194/gh-81-463-2026
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
Ernährung / Gesundheit / Pflege, Geowissenschaften, Gesellschaft, Kulturwissenschaften
überregional
Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
Deutsch

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