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10.04.2007 13:08

Universität Erlangen-Nürnberg: 25 Jahre Erlanger Retortenbaby

Ute Missel Sachgebiet Öffentlichkeitsarbeit
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

    1982 war es eine medizinische Pioniertat und ein gigantisches Medienspektakel, heute ist es längst Routine: Am 16. April um 14.49 Uhr wird das erste deutschen Retortenbaby 25 Jahre alt. In der Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen (Direktor: Prof. Dr. med. Matthias W. Beckmann), wo der 4150 Gramm schwere Knabe 1982 nach erfolgreicher in vitro-Fertilisation (IVF) per Kaiserschnitt entbunden wurde, dürften deshalb allerdings kaum noch einmal Sektgläser klingen. Der damalige Erfolg ist Geschichte, die Akteure von einst sind verstorben oder seit langem an anderen Orten tätig. Und ihre Nachfolger haben neue wissenschaftliche Ziele.

    "Die in vitro-Fertilisation mit ihren Variationen hat den Weg in die Praxis gefunden", stellt Klinikdirektor Prof. Dr. Matthias W. Beckmann fest. "Mit allen Weiterentwicklungen der Methode können wir jetzt Paaren helfen, deren Behandlung vor 30 Jahren kaum denkbar war." Die aktuelle Forschung der Erlanger Reproduktionsmediziner konzentriere sich deshalb darauf, auch jungen krebskranken Frauen eine Perspektive mit eigenen Kindern zu eröffnen. "Diese Frauen müssen bisher oft auf eigenen Nachwuchs verzichten, weil die Behandlung sie zwar geheilt hat, die Eierstöcke aber durch die nötigen Medikamente auf Dauer geschädigt wurden."

    Kältekonservierung soll helfen
    Die Wissenschaftler und Ärzte in der Frauenklinik arbeiten deshalb an Methoden, mit denen Eierstöcke und Eizellen entsprechender Patientinnen vor den Krebsmitteln geschützt werden können. "Betroffenen Kindern und jungen Frauen wird vor der Behandlung bei einer Bauchspiegelung Eierstockgewebe entnommen und mit einem speziellen Verfahren so schonend eingefroren, dass es nach dem Wiederauftauen noch funktionsfähig ist", erklärt Privatdozent Dr. Ralf Dittrich aus dem Forschungsteam. "Ziel ist, den Frauen nach Abschluss ihrer Therapie das Gewebe wieder zurück zu transplantieren und so Schwangerschaften zu ermöglichen."

    Der Bedarf an dieser Methode wird nach Einschätzungen der Wissenschaft in den kommenden Jahren stark zunehmen, weil Krebsbehandlungen bei jungen Männern und Frauen immer erfolgreicher sind. "Für das Jahr 2010 rechnen Experten beispielsweise in den USA mit etwa 300.000 Überlebenden einer derartigen Therapie", sagt Dittrich. "Die Zahlen für Deutschland sind leider unbekannt, das Problem ist jedoch genauso vorhanden." Das Erlanger Forschungsteam hat deshalb begonnen, für entsprechende Patientinnen eine Gewebebank aufzubauen. Ende 2006 wartete dort den Angaben der Wissenschaftler zufolge bereits Eierstockgewebe von 100 Patientinnen auf seine Retransplantation. Weltweit konnten bisher erst zwei Schwangerschaften auf diesem Wege erzielt werden.

    Reporter belagerten die Klinik
    Die Geburt des ersten deutschen Retortenbabys in der Erlanger Frauenklinik hatte 1982 einen damals noch ungewohnten Medienrummel ausgelöst. Reporter belagerten tagelang die Klinik, wenig später zierte der 4150 Gramm schwere Knabe das Titelbild einer Illustrierten. Die öffentliche Debatte über die ethische Vertretbarkeit der Methode, die 1978 mit der Geburt von Louise Brown in England - dem weltweit ersten IVF-Kind überhaupt - begonnen hatte, erreichte neue Höhepunkte. Sie beherrschte Nachrichtensendungen und füllte die Seiten von Tageszeitungen sowie Magazinen.

    Als "Vater" des ersten deutschen Retortenbabys gilt der im April 2005 verstorbene Erlanger Frauenarzt und Reproduktionsmediziner Prof. Dr. Siegfried Trotnow. Mit einem Team unterschiedlich spezialisierter Fachleute trug er entscheidend dazu bei, dass die IVF In Deutschland als Behandlungsmethode für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch rasch etabliert werden konnte.

    Zu diesem Team gehörten neben Ärzten der Tiermediziner Prof. Dr. Safaa Al-Hasani und die Biologin Dr. Tatjana Kniewald, die eine Schlüsselrolle spielte. Die intensive Vorbereitung der IVF bei Menschen durch Tierversuche, so Trotnow später rückblickend, habe seinem Team den entscheidenden Vorsprung vor allen anderen Arbeitsgruppen verschafft, die damals in Deutschland ebenfalls an dem Verfahren arbeiteten.

    Bei ihrer Forschung konnten Trotnow und sein Team auf umfangreichen Vorarbeiten in der Erlanger Klinik aufbauen. Hier hatte der Gynäkologe Prof. Dr. Klaus-Georg Bregulla auf Anregung des damaligen Klinikchefs, Prof. Dr. Karl Günther Ober, bereits in den sechziger Jahren mit Untersuchungen zur IVF begonnen - rund ein Jahrzehnt vor der Geburt von Louise Brown. Bregulla stand damals allerdings nur ein relativ kleines Forscherteam zur Verfügung. Trotnow übernahm die Arbeitsgruppe 1978 und gewann 1979 Tatjana Kniewald als erste neue Mitarbeiterin.

    In den Anfängen der Erlanger IVF-Forschung mussten viele Widerstände überwunden werden. So lehnte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zwischen 1969 und 1981 sämtliche Anträge auf finanzielle Förderung des Projektes ab. "Kontraproduktiv waren sicherlich auch einige Kollegen in der Klinik, die uns für verrückt hielten, und das gelegentlich die jüngeren Team-Mitglieder spüren ließen", erinnerte sich Trotnow später.

    Die rasche Verfeinerung der Methodik ließ dem ersten deutschen Retortenbaby schnell weitere folgen. Bis zum Juli 1983 wurden in Erlangen elf und bis zum März 1984 bereits 27 IVF-Kinder geboren. Zusammen mit Technikern der Universität wurden in den folgenden Jahren weitere wichtige Detailverbesserungen bei der Methode erzielt. So übten die Erlanger auch bei der Kältekonservierung von Eizellen und Embryonen eine Schrittmacherfunktion aus. Diese Erfahrungen kommen jetzt dem neuen Team bei seinen Bemühungen um krebskranke junge Frauen zugute.

    2005 wurden 37.000 Frauen behandelt
    Seit jenem denkwürdigen Tag im April 1982 sind in Deutschland fast 100.000 Kinder aus reproduktionsmedizinischen Maßnahmen hervorgegangen. Entsprechende Behandlungen werden in weit über 100 spezialisierten Zentren durchgeführt. Bis zu einem deutlichen Rückgang im Jahr 2004, als die Kassenleistungen für die Behandlungen drastisch eingeschränkt wurden, nahm die Zahl der Hilfesuchenden fast kontinuierlich zu. Trotz des Einbruchs durch die Einschränkung der Kostenerstattung unterzogen sich 2005 nach Angaben des Deutschen IVF-Registers noch rund 37.000 Frauen einer entsprechenden Therapie.

    Weitere Informationen für die Medien:

    Dr. med. Wolfgang Frobenius
    Telefon: 09131 85-36191
    E-Mail: wolfgang.frobenius@gyn.imed.uni-erlangen.de


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
    Deutsch


     

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