idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
14.07.2013 19:00

Sexuelle Fortpflanzung ist für den echten Mehltau nur zweite Wahl

Nathalie Huber Kommunikation
Universität Zürich

    Echter Mehltau ist genetisch perfekt an seine Wirtspflanzen angepasst. Sexuelle Fortpflanzung und neue Erbgutkombinationen erweisen sich für den Pilz offenbar meist als Nachteil. Ungeschlechtliche Vermehrung ist für den Mehltau dagegen wesentlich erfolgreicher, wie Pflanzenbiologen der Universität Zürich und des Max-Planck-Instituts für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln belegen. Dennoch leistet sich der Pilz einen sexuellen Fortpflanzungszyklus.

    Echter Mehltau gehört zu den gefürchtetsten Pflanzenkrankheiten: Der parasitäre Pilz befällt Kulturpflanzen wie Weizen und Gerste und verursacht jedes Jahr hohe Ernteeinbussen. Jetzt analysierten Beat Keller und Thomas Wicker, Pflanzenbiologen der Universität Zürich, mit ihrem Team das Erbgut von Weizen-Mehltauvarianten aus der Schweiz, England und Israel. Die Gruppe von Paul Schulze-Lefert vom Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln untersuchte derweil das Erbgut von Gersten-Mehltau. Die in «Nature Genetics» bzw. «PNAS» publizierten Resultate decken eine lange gemeinsame Geschichte der Ko-Evolution von Wirt und Schädling auf sowie einen unerwarteten Erfolg von ungeschlechtlich gezeugten Nachkommen des Mehltau-Pilzes. Darüber hinaus geben die Daten neue Einblicke in die Kulturgeschichte von Weizen und Gerste und ihre Interaktion mit dem Mehltau-Krankheitserreger.

    Ungeschlechtlich entstandene Nachkommen erfolgreicher
    Mehltau pflanzt sich, wie andere Pilze auch, auf zwei Arten fort: Auf sexuellem Weg, bei dem Erbgut neu kombiniert wird, und auf ungeschlechtlichem Weg, bei dem Nachkommen und Mutterpilz erbgleich sind. Die Forscher weisen jetzt nach, dass der Erfolg der beiden Fortpflanzungsarten unterschiedlicher nicht sein könnten: «Die auf befallenen Wirtspflanzen nachgewiesenen Mehltau-Pilze haben sich nur alle paar Jahrhunderte erfolgreich sexuell fortgepflanzt. Die Vermehrung verlief hauptsächlich auf ungeschlechtlichem Weg», erläutert Thomas Wicker.

    Dieser verblüffende Sachverhalt hat seine tieferen Gründe: Um die Wirtspflanze infizieren zu können, muss der Mehltau-Pilz die Abwehrmechanismen der Pflanze erfolgreich ausschalten können – der Parasit muss perfekt an seinen Wirt angepasst sein. Dazu Keller: «In einer Parasit-Wirt-Situation sind Neukombinationen des Erbgutes für den Parasit nachteilig, da sich dadurch die Anpassung an den Wirt bzw. an dessen Abwehrmechanismen verschlechtert.» Erbgleiche Nachkommen von erfolgreichen Mehltaupilzen, solchen die bereits Wirtspflanzen infizieren konnten, haben dagegen die optimalen genetischen Voraussetzungen, um ihrerseits einen Wirt befallen zu können. Gemäss Schulze-Lefert sind Weizen- bzw. Gersten-Mehltau-Nachkommen aus ungeschlechtlicher Fortpflanzung im Normalfall erfolgreicher als solche aus sexueller Fortpflanzung. Asexuelle Fortpflanzung als Erfolgsmodell scheint charakteristisch für viele parasitäre Pilze zu sein, also auch für jene, die Menschen befallen, wie zum Beispiel Fusspilze.


    Sex lohnt sich doch
    Anhand der Genanalysen können die Wissenschaftler weiter nachweisen, dass Mehltau bereits vor 10‘000 Jahren, also vor der eigentlichen Domestizierung von Weizen als Nutzpflanzen, auf den Vorläuferformen des späteren Weizens parasitierte. Alle späteren durch Züchtung oder spontane Mutationen entstandenen genetischen Veränderungen der Getreidepflanzen waren nie in der Lage, den Mehltau-Pilz längerfristig vom Weizen fernzuhalten. Genau an diesem Punkt zeigt sich der Vorteil der sexuellen Fortpflanzung, und weshalb sich der sonst meist erfolglos verlaufende sexuelle Fortpflanzungszyklus für die Mehltau-Pilze trotzdem lohnt: Weizen und Mehltau befinden sich in einem permanenten evolutionären Wettrüsten. «Wenn der Weizen seine Abwehrmechanismen gegen den Parasiten verbessert, muss der Pilz nachziehen können, sonst hat er verloren», erklärt Wicker. «Das ist nur mit der Neukombination des Erbgutes, sprich sexueller Fortpflanzung möglich.»

    Offenbar kam es im Verlauf der Jahrtausende verschiedene Male zu sexuellem Austausch und zu Vermischungen des Erbgutes von verschiedenen Mehltau-Varianten. Auf diese Weise entstanden neue Mehltau-Varianten, die in der Lage waren, neue Weizensorten zu befallen. Die Wissenschaftler vermuten, dass der antike Getreidehandel mitverantwortlich für die Entstehung von neuen Mehltau-Varianten war.

    Literatur:
    Thomas Wicker et al. The wheat powdery mildew genome shows the unique evolution of an obligate biotroph. Nature Genetics. July 14, 2013. doi:10.1038/ng.2704

    Stéphane Hacquard et al. Mosaic genome structure of the barley powdery mildew pathogen and conservation of transcriptional programs in divergent hosts. PNAS. May 21, 2013. doi/10.1073/pnas130607110


    Kontakt
    Weizen-Mehltau:
    Prof. Dr. Beat Keller
    Institut für Pflanzenbiologie
    Universität Zürich
    Tel. +41 44 634 82 30
    E-Mail: bkeller@botinst.uzh.ch


    Gersten-Mehltau:
    Prof. Dr. Paul Schulze-Lefert
    Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung
    D-50829 Köln
    Tel. +49 221 5062 350
    E-Mail: schlef@mpiz-koeln.mpg.de


    Weitere Informationen:

    http://www.mediadesk.uzh.ch


    Bilder

    Starker Mehltaubefall von jungen Weizenpflanzen.
    Starker Mehltaubefall von jungen Weizenpflanzen.
    Quelle: Bild: UZH


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Chemie, Ernährung / Gesundheit / Pflege, Tier / Land / Forst, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Starker Mehltaubefall von jungen Weizenpflanzen.


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).