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09/23/1999 12:11

Der Teufel steckt in der Literatur

Michael Seifert Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

    Der Teufel hat viele Gesichter. In der Vorstellung der englischen Schriftsteller vom 16. Jahr-hundert bis heute hat er sich häufig verändert: Mal wurde der Dämon lächerlich gemacht bis zur Bedeutungslosigkeit, dann wieder wurde er durch "Verteufelung" eine furchterregende Ge-stalt. Der Tübinger Anglist Dr. Peter Paul Schnierer hat die Funktion des Teufels in zahlreichen Werken der englischsprachigen Literatur untersucht.

    "Mal' den Teufel nicht an die Wand", heißt es sprichwortartig, als ob sich der Satan von finste-ren Überlegungen herausfordern ließe. Zahlreiche Schriftsteller hat dies jedoch nicht davon ab-gehalten, über den Teufel zu schreiben oder ihn als Figur in ihren Stücken einzusetzen. Wie der Anglist Dr. Peter Paul Schnierer bei seinen Forschungen über die Funktion des Teufels in der englischen Literatur vom 16. Jahrhundert bis heute herausgefunden hat, ist mit dem Teufel tat-sächlich nicht immer zu spaßen: "In der englischen Literatur gab es häufig einen Bumerang-Effekt, die Verteufelung der fiktiven Gestalten fiel auf den Autoren selbst zurück", sagt der Literaturwissenschaftler. So sei der Verfasser des Dr. Faustus, Christopher Marlowe, 1593 un-ter mysteriösen Umständen erstochen und nach seinem Tod als "Agent des Teufels" verun-glimpft worden.

    Über eine Kette der Verteufelung von Schriftstellern über Lord Byron, Percy Bysshe Shelley und William Blake ist das Phänomen jedoch auch in unserem Jahrhundert nicht fremd. Ver-schiedene Musiker wie '"Judas Priest" oder die "Rolling Stones" wurden wegen angeblicher satanistischer Texte mit dem Teufel auf eine Stufe gestellt. Jüngstes Beispiel einer Verteufe-lung ist Salman Rushdie mit seinem Buch "Die satanischen Verse". Nicht nur Rushdie selbst, sondern wiederum auch seinen Kritikern wurden teuflische Züge unterstellt. "Das ist kein übli-cher Effekt. Denn kein Mensch wäre nach der Lektüre des 'Zauberbergs' von Thomas Mann auf die Idee gekommen, die Wiederkehr der Tuberkulose heraufzubeschwören", gibt Schnierer zu bedenken.

    Dabei ist Teufel nicht gleich Teufel. Denn obwohl die meisten Menschen eine Vorstellung mit dem Dämonen verbinden, wurden ihm über die Jahrhunderte ganz unterschiedliche Rollen zu-gewiesen. "Neben dem klassischen, nach Schwefel stinkenden Teufel mit Hörnern und Hufen taucht er in der Bibel als apokalyptischer Drache, als Schlange oder Vernichter auf, später wird er aber auch als Gentleman und Frauenverführer gesehen", sagt Schnierer. In der englischen Literatur gewinnt der Teufel zu Beginn des 17. Jahrhunderts neben seinen schrecklichen komi-sche Züge, so daß die Leute auch mal über ihn lachen können. In der Komödie "The devil is an ass" (1616) von Ben Jonson ist die Entdämonisierung des Teufels vollzogen, durch Vervielfa-chung und Ohnmacht ist er nur noch eine lächerliche Gestalt.

    Doch so ganz einfach ist der Teufel nicht auszulöschen. Im größten englischen Versepos "Pa-radise lost" von John Milton (1667) taucht er wieder auf, allerdings entspricht er nicht mehr dem ursprünglichen, schrecklichen Bild, sondern trägt teilweise positive Züge. "Er wird als Kämpfer dargestellt, der seinem Untergang aufrecht entgegensieht", erklärt der Anglist. Die Aufwertung der Teufelsgestalt setzt sich bei Lord Byron, Percy Bysshe Shelley und William Blake fort. Sie besetzen die Teufelsfigur mit Eigenschaften, die dem hassenswerten oder schockierenden Satan direkt widersprechen. "Ihren Endpunkt findet die Entdämonisierung des Teufels in den Werken von George Bernard Shaw zu Beginn unseres Jahrhunderts", sagt Schnierer. Vielleicht würde es den Teufel freuen, daß er auch in unserer heutigen Zeit noch Platz hat: Nach Umfragen in den 90er Jahren sollen etwa 60 Prozent der Amerikaner und im-merhin jeder fünfte Deutsche und Engländer an den Dämonen glauben. (3333 Zeichen)

    Von schrecklichen Dämonen und niedlichen Teufelchen

    Funktion des Teufels unterlag einem starken Wandel in der englischen Literatur

    Wer den Teufel mit dem Mittelalter verbindet, unterschätzt den Dämonen. Nach verschiedenen Umfragen in den 90er Jahren glauben etwa 60 Prozent der Amerikaner und immerhin rund je-der fünfte Engländer und Deutsche an die Existenz Satans. Sicherlich haben dabei nicht alle das klassische Bild von einer schwarzen, nach Schwefel stinkenden Gestalt mit Hörnern, langem Schwanz und Hufen im Kopf. "Vom Teufel gab es schon immer sehr unterschiedliche Vor-stellungen. In der Bibel taucht er als apokalyptischer Drache, als Schlange oder Vernichter auf, später wird er aber auch als Gentleman und Frauenverführer gesehen", beschreibt der Anglist Dr. Peter Paul Schnierer, der seine Habilitationsschrift über die Funktion des Teufels in der englischen Literatur vom 16. Jahrhundert bis in die heutige Zeit geschrieben hat.

    Über die Existenz des Teufels bestand im christlichen Weltbild lange Zeit trotz verschiedener Glaubensrichtungen Einigkeit. Zunächst war der Teufel vor allem furchterregend, doch gewann er im Laufe des 17. Jahrhunderts auch komische Züge. "Die Menschen konnten den Teufel verlachen, er löste aber gleichzeitig noch Furcht aus. Der Teufel trug zwei Gesichter", sagt Schnierer. Der Literaturwissenschaftler deutet diese Entwicklung daher nicht als Anzeichen der Aufklärung, doch setzte nun eine Entdämonisierung des Teufels ein: Der Teufel wurde ver-harmlost, satirisch gesehen und verniedlicht. "In der deutschen Literatur gab es Pluderhosen-, Sauf- und Tabakteufel. Die Vervielfachung machte den Teufel lächerlich", sagt Schnierer. Die-se Teufel waren auch zur Erziehung des Publikums gedacht. In der englischen Literatur hatte der Teufel eine komplexere Rolle, er verkörperte den Gegenpart zu einem Engel oder Gott. Diese Vorstellung hat sich bis ins 20. Jahrhundert erhalten, zum Beispiel in dem Bild, daß jeder Mensch unsichtbar auf seinen Schultern einen Engel und einen Teufel trage, die ihm bei seinen Entscheidungen einflüstern. "Im Dr. Faustus von Christopher Marlowe stehen einer Armee von Teufeln wenige gute Engel und ein alter Mann gegenüber", erklärt der Literaturwissenschaftler.

    Zur lächerlichen Gestalt wird der Teufel in der englischen Literatur bei Ben Jonson. In der 1616 geschriebenen Komödie "The devil is an ass" wird der Teufel multipliziert, so daß der Chef Satan in der Hölle ein Dutzend Unterteufel hat. Satan schickt den kleinen Unterteufel Pug nach London, um dort Seelen einzufangen. Pug scheitert und wird nur verspottet, als er sich als Teufel vorstellt. Bei einem Kaufmann stellt er sich so ungeschickt an, daß er ins Gefängnis ge-worfen und gar zum Tode verurteilt wird. "Das bringt den Teufel nicht ums Leben, aber die Blamage ist perfekt, als Satan Pug retten muß", sagt Schnierer. Das war im Werk von Jonson der letzte Versuch der Hölle, sich in das irdische Leben einzumischen. "Hier ist der Endpunkt einer Entwicklung erreicht, die Teufel sind ganz unten", meint der Literaturwissenschaftler. Tatsächlich verschwindet der Dämon zunächst weitgehend aus der englischen Literatur. In der metaphysischen Lyrik der praktizierenden Priester John Donne und George Herbert im frühen 17. Jahrhundert tauchen nur nebenbei kleinere Teufelsklischees auf, doch als zentrale theologi-sche Figur scheint der Teufel in der Literatur nicht mehr zu taugen.

    Eine Menschengeneration nach dem Untergang gewinnt der Teufel im größten Versepos der englischen Literatur "Paradise lost" von John Milton (1667) wieder Auftrieb. In der Vertrei-bung aus dem Paradies taucht ein Luzifer auf, der positive Züge gewinnt. "Er ist ein Charakter, der kämpft und verliert, dabei aber ehrenvoll und aufrecht untergeht. Luzifer trägt einige Züge des Engels, der er mal gewesen ist", erklärt Schnierer, "die Zeit, ihn stinkend und schweflig darzustellen, war vorbei." Die Aufwertung der Teufelsgestalt setzt sich bei Lord Byron, Percy Bysshe Shelley und William Blake fort. Sie besetzen die Teufelsfigur mit Eigenschaften, die dem hassenswerten oder schockierenden Satan direkt widersprechen. "Endpunkt dieser Ent-wicklung, bei der ein böser Teufel paradoxerweise zur positiven Figur verkehrt wird, sind die Werke von George Bernard Shaw der letzten Jahrhundertwende", erklärt der Literaturwissen-schaftler.

    Parallel dazu setzt aber seit etwa 1880 in der englischen Literatur eine Renaissance der klassi-schen Verteufelung ein: Zielscheibe sind die schwarzen Afrikaner in den Kolonien. "Das Ver-fahren ist einfach: Der Teufel ist schwarz wie die Afrikaner. Außerdem ist der Teufel böse, da-her müssen wohl auch die schwarzen Afrikaner böse sein", erklärt Schnierer die unlogische, aber äußerst wirksame Gedankenkette. Die einfachen Afrikaner werden als dumme, böse Teu-fel dargestellt, die afrikanischen Herrscher als satanisch, als gefährliche Teufel. Doch die Gleichsetzung geht noch weiter: Das Böse, der Teufel, muß vernichtet werden, was dann eben-falls auf schwarze Afrikaner bezogen wird. "Die Literatur bringt niemanden direkt um, aber dieser Überredungsprozeß, bei dem es nicht um Überzeugung sondern Gefühle geht, liefert eine Rechtfertigung", faßt Schnierer diese bedrohliche Entwicklung zusammen.

    Über den Teufel zu schreiben, kann aber auch für die Verfasser selbst gefährlich werden. "In der englischen Literatur gab es häufig einen Bumerang-Effekt, die Verteufelung fiel auf den Autoren selbst zurück. Der erste, den dies traf, war Marlowe. Er wurde 1593 unter mysteriösen Umständen erstochen und posthum als 'Agent des Teufels' verunglimpft", sagt Schnierer. Wei-tere Beispiele seien Milton und Byron, die beide von böswilligen Kritikern verdächtigt wurden, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Byron habe damit kokettiert, sich selbst eine teuflische Rolle zuzuweisen. Aber auch in unserer Zeit wurde noch verteufelt, wer den Teufel nennt.

    So wurde die britische Musikgruppe "Judas Priest" wegen satanistischer Liedinhalte und teufli-scher Aufforderungen an die Hörer 1985 verklagt. "Der jüngste Fall einer Verteufelung ist Salman Rushdie, der nach den 'Satanischen Versen' selbst als 'kleiner Satan' diffamiert wurde", sagt Schnierer. Bei Rushdie habe die Kette der Verteufelung sogar eine Fortsetzung gefunden. Rushdie schrieb über den Teufel und wurde mit ihm gleichgesetzt. "Aber auch die Kritiker Rushdies wurden wiederum mit dem Teufel identifiziert, zum Beispiel durch den damaligen französischen Präsidenten Mitterand", erklärt der Literaturwissenschaftler. Die Rhetorik des Teufels scheint ansteckend zu sein: "Das ist kein üblicher Effekt. Denn kein Mensch wäre nach der Lektüre des 'Zauberbergs' von Thomas Mann auf die Idee gekommen, die Wiederkehr der Tuberkulose heraufzubeschwören." Ist es da nicht gefährlich, über den Teufel zu forschen? "Es ist eine dem Teufel zugeschriebene Unart, daß er die Manuskripte derer stiehlt, die sich mit ihm beschäftigen", sagt Schnierer, allerdings mit einem Augenzwinkern. (6841 Zeichen)

    Nähere Informationen:

    Dr. Peter Paul Schnierer
    Seminar für Englische Philologie
    Abteilung Neuere Englische Literatur
    Wilhelmstraße 50
    72074 Tübingen
    Tel. 0 70 71/2 97 29 09 oder 0 70 71/3 86 83
    Fax 0 70 71/29 57 60
    e-mail: pps@uni-tuebingen.de

    Der Pressedienst im Internet: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html


    Criteria of this press release:
    Language / literature, Philosophy / ethics, Religion
    transregional, national
    Research results
    German


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