Universitäre Spitzensportforschung vor dem Aus?

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10/04/1999 11:12

Universitäre Spitzensportforschung vor dem Aus?

Frederik Borkenhagen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft

    Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), Bundesbehörde zur Förderung des Spitzensports im Bereich des BMI und wichtiger Partner der Forschung der sportwissenschaftlichen Institute an Universitäten und Hochschulen, wird derzeit einer Evaluation unterzogen. Dem BISp droht die Schließung und damit der universitären Spitzensportforschung das Aus.

    Bundesfinanzminister Hans EICHEL hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Bundeshaushalt zu sanieren. Daß dabei auch der Sport seinen Beitrag zu leisten hat, liegt auf der Hand - so auch die Staatssekretärin im Bundesministerium des Innern (BMI), Brigitte ZYPRIES. Von den goldenen Zeiten steigender - oder zumindest nicht sinkender - Sportetats muß man sich angesichts der angespannten Lage der öffentlichen Hand verabschieden. Immerhin stellt der Bund im Olympiajahr 2000 noch 223 Millionen Mark an Förderung für den Sport zur Verfügung; in den Folgejahren soll jedoch kräftig gespart werden: Mit Kürzungen von 5,1 Millionen im Jahr 2001 über 8,9 Millionen in 2002 bis zu 24,4 Millionen Mark im Jahr 2003 in der Sportförderung kalkuliert die Bundesregierung in ihrem Sparpaket, daß vom Kabinett verabschiedet wurde. Im Sportstättenbau stehen Kürzungen von 1,0 Millionen (2000) bis zu 36,0 Millionen Mark im Jahr 2003 ins Haus, wobei die Unterstützungen im Rahmen der Bewerbung um die Fußball-WM 2006 sowie die der Goldene Plan Ost nicht betroffen sind. Diese "abenteuerlichen" Kürzungen, so DSB-Präsident Manfred VON RICHTHOFEN, lassen "verheerende Auswirkungen" in der Unterstützung des Sports durch die Länder und Kommunen vermuten. Letztere tragen über die Bereitstellung von Sportanlagen, über Förderungen von Vereins- und Verbandsaktivitäten bekannterweise eine weitaus größere finanzielle Last als der Bund, der nun - aus der Sicht des Sports - mit schlechtem Beispiel vorangeht und somit den Finanzpolitikern der Länder und den Haushältern der Kommunen neue Sparvorschläge liefert. Ob sich hieraus tatsächlich ein Finanz-GAU des Sports auf allen Ebenen entwickelt, bleibt abzuwarten.
    Ein Bereich steht aber seit Vorstellung des Sport-Sparpakets im Zentrum der kritischen Betrachtung: die Spitzensportforschung. Um diese zu koordinieren und ausgesuchte Fragestellungen gezielt zu fördern, wurde im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 in München das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) in Köln als nachgeordnete Behörde des BMI errichtet. Das BISp ist seitdem wichtiger Ansprechpartner und Dienstleister - sowohl für den organisierten Sport (der Deutsche Sportbund, DSB, und seine Mitgliedsverbände) als auch für die sportwissenschaftlichen Einrichtungen (Institute) der Universitäten und Hochschulen. Während der DSB Einfluß darauf nehmen kann, welche Themen des Sports näher beleuchtet werden sollen, so kann die universitäre Sportwissenschaft ihr Know-how bei der Übernahme von entsprechenden Forschungsaufträgen einbringen bzw. durch Projekte gewinnbringend erweitern, was sich bei Anschlußaufträgen positiv auswirkt. Die vom BMI im Einvernehmen mit dem DSB berufenen Mitglieder der Fachbeiräte und -ausschüsse des BISp wirken hierbei als Katalysatoren: Sie beraten regelmäßig darüber, welche Themen mittel- und langfristig in Forschungsprojekten untersucht werden sollen und legen somit Schwerpunkte der Forschung fest, in deren Rahmen sich potentielle Forschungsnehmer zur Übernahme von entsprechenden Aufträgen bewerben können. Die Bewerbungen werden gesichtet, überprüft und - sofern angezeigt - mit Hinweisen zur Umsetzung der Vorhaben an die Forschungsnehmer zurückgereicht, die dann bei Akzeptanz durch die Fachgremien - meist für eine Laufzeit von ein bis zwei Jahren - finanziell unterstützt werden.
    Ein solches Vorgehen garantiert eine mittel- bis langfristig vorausschauend angelegte Forschung für den Spitzensport, die zugleich hohen wissenschaftlichen und forschungs-ethischen Gütekriterien standhält. Sie ist ein wesentlicher Garant dafür, daß deutsche Sportlerinnen und Sportler Erfolge bei internationalen Meisterschaften und Olympischen Spielen erringen können, sie fördert den Wettbewerb in der Wissenschaft bei der Entwicklung effizienter Forschungskonzeptionen hoher Qualität und sie schafft die Basis für einen humanen Leistungssport, der auf eine Vorteilsnahme durch unfaire Praktiken (wie Doping) verzichten kann.
    Dieses System der Spitzensportförderung steht nun auf dem Prüfstand, obgleich hier nicht allzu viel Geld einzusparen ist: So wurden 1998 nur insgesamt etwa 3,5 Millionen Mark für Forschungsaufträge durch das BISp vergeben. Diese Fördermittel verteilen sich nach einem Schlüssel in die Bereiche "Sozial- und Verhaltenswissenschaften, Sportstätten" mit ca. 25%, "Trainings- und Bewegungswissenschaft, Sportgeräte- und Technologieentwicklung" mit ca. 35% sowie "Medizin, Dopinganalytik, Behindertensport" mit ca. 40%. Dem letztgenannten Bereich flossen in diesem Jahr sogar noch weitere Mittel zu, die nach den Diskussionen über Dopingmißbrauch im Sport, angeheizt durch die Ereignisse bei der Tour de France 1998, zweckgebunden für die Anti-Doping-Forschung und Dopinganalytik eingesetzt wurden.
    Dagegen fällt die Unterstützung der Forschungseinrichtungen, denen seinerzeit im Einigungsvertrag der Fortbestand garantiert wurde, weit üppiger aus: So erhalten das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig rund 8,5 Millionen und das Institut zur Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin 4 Millionen Mark an institutioneller Förderung jährlich. Auch wenn die dort geplanten Forschungsvorhaben auch der Überprüfung der Fachgremien des BISp unterliegen, bleiben jedoch etwaige negativ beschiedene Projektanträge dieser Einrichtungen ohne praktische Konsequenz, da die Bestandsgarantie dieser Einrichtungen die Beschäftigungsgarantie der Kolleginnen und Kollegen an IAT und FES quasi mit einschließt - allerdings nur in den Bereichen, die den Spitzenverbänden, die diese beiden Einrichtungen vorrangig nutzen, insbesondere dienlich sind (so wurde vor einiger Zeit der Bereich Sportpsychologie am IAT abgewickelt, weil er nicht mehr als notwendig erschien). Erhalten hingegen potentielle Auftragsnehmer aus dem Bereich der universitären Spitzensportforschung im Bewerbungsverfahren zu ihren Projektanträgen einen negativen Bescheid, so bleibt ihnen meist nur die Möglichkeit, sich im kommenden Jahr erneut zu bewerben. Das Know-how der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich in solchen Projekten engagieren wollten, liegt somit zunächst brach, wenn es denn überhaupt noch aktiviert wird, denn: Wer nicht zum Zuge kommt, versucht sein Glück woanders, also mit einer anderen Fragestellung bei einem anderen Auftraggeber. Und: Es wird so nicht nur Know-how verschenkt, sondern auch Geld. Da die universitären Auftragsnehmer weiterhin ihr Gehalt als Landesbedienstete an der Hochschule beziehen, kommt quasi zu jeder Fördermark des Bundes eine des Landes hinzu. Eine solche subsidiäre, für den Bund äußerst ökonomische Forschungsförderung, findet sich woanders nicht. Für die etwa 80 Mitarbeiter am IAT und 40 Mitarbeiter beim FES schlagen die Kosten voll zu Buche ...
    Dieses Dilemma macht deutlich, wie sinnvoll das Vorhaben sein kann, die Förderung des Spitzensports unter die Lupe zu nehmen. Dieses Ziel hat die Evaluierung, die das BMI nun für das BISp verfügt hat. Eine Überprüfung der Aufgaben und Organisation der Forschungsförderung sowie der entsprechenden Schnittstellen zu den Forschungseinrichtungen kann ein probates Mittel sein, um die Spitzensportforschung effizienter zu gestalten und durch eine Entbürokratisierung von Verwaltungsabläufen ggf. sogar nachhaltig zu verbessern. Daß allerdings die Mittel, die eine externe Organisation (BSL, Bergheim/Hamburg) für die Evaluation erhält, aus dem Etat für die Forschungsförderung entnommen werden, läuft der Absicht, diese zu stärken, genau zuwider. So haben sich bspw. die Verantwortlichen im BISp in den letzten Jahren bemüht, Forschungsmittel Dritter einzuwerben und sie dadurch den Forschungsnehmern nunmehr an einer zentralen Stelle verfügbar zu machen - eine sehr verdienstvolle Koordinierungsleistung. Die in diesem Jahr so eingeworbenen Mittel werden allerdings durch die Summe, die nun vom BISp für die Evaluierung aufgewendet werden muß (ca. 300.000 DM), wieder aufgefressen. Es kommt hinzu, daß eine Organisationsüberprüfung des BISp durch das Bundesverwaltungsamt bereits vor etwa einem Jahr abgeschlossen wurde, die deutlich machte, daß für die Aufgabenvielfalt des Hauses die personelle Ausstattung knapp bemessen ist. Die Leistungen des BISp nun zu reduzieren, den Personalbestand und den Haushalt zu beschneiden, um alles wieder ins Gleichgewicht zu bringen, wäre im Hinblick auf die komplexen Aufgaben des Hauses zu einfach!
    Neben der Koordinierung der Forschungsförderung des Bundes nimmt das BISp gemäß Errichtungserlaß weitere Aufgaben wahr, die die Spitzensportforschung begleitend unterstützen, in dem sie den Transfer des gewonnenen Wissens begünstigen: So werden bspw. Datenbanken im BISp geführt, die eine Kontrolle im Hinblick auf bereits vorliegende Forschungsergebnisse erlauben und unnötige Doppelforschung vermeiden helfen. Außerdem dienen diese Quellen der Orientierung von Expertinnen und Experten, die sich über bestimmte Themen gezielt informieren wollen, um bspw. in der Beratung von Verbänden oder Athletinnen und Athleten fundiert agieren zu können. Darüber hinaus liefern die (Presse-)Dokumentationen des BISp und andere thematische Übersichten Informationen über aktuelle Ereignisse im Sport, die die Sportpolitik auf neue Entwicklungen hinweisen und gleichermaßen Schwerpunktsetzungen der Forschung beeinflussen können.
    Glaubt man den Medienberichten, so könnte die Evaluierung des BISp, die im August begonnen wurde und die Ende Oktober abgeschlossen sein soll, auch zu einer Auflösung des Instituts führen ("Die Evaluierung ist ergebnisoffen."). Dieses wäre für die Spitzensportforschung eine Katastrophe und für das Engagement der sportwissenschaftlichen Hochschuleinrichtungen in diesem Bereich das Aus! Spitzensportforschung ist angewandte Forschung, die sich bei den bekannten Institutionen der Forschungsförderung, wie z.B. der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), gegen grundlagenorientierte Forschung i.d.R. nicht durchsetzt, zumal die Sportwissenschaft als kleines und interdisziplinär ausgerichtetes Fach keine Lobby in der DFG hat wie die sog. Mutterwissenschaften. Auch die Forschungsförderung der Länder bietet keinen Ersatz. Auch wenn die Universitäten und Hochschulen sich an die für sie zuständigen Länderministerien wenden, wird ihnen kein Erfolg beschieden sein, da die Zuständigkeiten anders verteilt sind: Die Förderung des Spitzensports ist eben Bundesaufgabe. Da die Bundesregierung eigentlich nicht wollen kann, daß die universitäre Spitzensportforschung mit einem Mal zwischen alle Stühle gerät, ist zu erwarten, daß unter Einbeziehung der hier engagierten Institutionen und insbesondere der in den Fachgremien wirkenden Expertinnen und Experten ein Weg gefunden wird, die Spitzensportforschung sinnvoll zu stärken und nicht zu schwächen!
    Auf dem 14. Sportwissenschaftlichen Hochschultag der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs), der vom 27.-29.9.1999 in Heidelberg stattfand, hatte der scheidende dvs-Präsident, Prof. Dr. Klaus ZIESCHANG, die Bundesregierung noch einmal gemahnt, bei der Evaluation des BISp auch die Wissenschaft miteinzubeziehen, da die mit der Evaluation betraute Firma über keinerlei Erfahrungen im Wissenschaftsbereich verfügt. Auch müßten, so ZIESCHANG, auch die anderen vom Bund geförderten Einrichtungen, insbesondere IAT und FES, einer Evaluation unterzogen werden.


    More information:

    http://www.tu-darmstadt.de/dvs
    http://www.bisp.de


    Criteria of this press release:
    Medicine, Nutrition / healthcare / nursing, Social studies, Sport science
    transregional, national
    Science policy
    German


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