Der Kaiserin neue Kleider
Man nehme: einen griechischen Homertext, dazu Schere und Leimtopf. Den Text säuberlich in Einzelverse zerschneiden, gut durchmischen und auf einen Schreibtisch schütten. Dann passende Verse zusammenleimen, bis ein neuer Sinn entsteht. - Unmöglich? Nein, ein in der Antike erfundenes literarisches Verfahren. Auf diese Weise erzählte Kaiserin Eudokia die Bibel neu und gab ihr ein menschlicheres Gesicht. Das beschreibt Prof. Dr. Reinhold Glei (Klassische Philologie der Ruhr-Universität Bochum) in einer jetzt erschienenen Studie.
Aus Homer wird das Neue Testament
Um 440 n.Chr. verfasste die byzantinische Kaiserin Eudokia, die Gattin Theodosios' II., mittels Flicktechnik einen solchen "Cento" (wörtlich: Flickenzeug, ein aus alten Lappen zusammengenähter Umhang o.ä.). "Das vollständig aus Homerversen bestehende neue Gedicht hatte - o Wunder - Episoden des Neuen Testaments zum Inhalt!", erklärt Prof. Glei.
Jesus wird menschlicher als bei Johannes
Dass die Kaiserin nicht nur die Flicktechnik perfekt beherrschte, sondern die Bibel dabei auch ganz neu erzählte, wird in seiner Studie deutlich: Am Beispiel der Geschichte von der Auferweckung des Lazarus aus dem Johannesevangelium zeigt er, dass Eudokia Jesus sehr viel menschlicher gestaltete als Johannes: Während Jesus bei dem Evangelisten wartet, bis sein kranker Freund Lazarus gestorben ist, nur um dann die Auferweckung als göttliche Machtdemonstration zu inszenieren, verwendet Eudokia Homerverse v.a. aus Szenen mit den Freunden Achill und Patroklos, um Jesu Trauer um Lazarus darzustellen. "Dabei wird die kalt anmutende Theologie des Johannes plötzlich menschlich, man möchte fast sagen: weiblich", verdeutlicht der Philologe. "Das lange in seiner Bedeutung verkannte literarische Verfahren der Centonentechnik dient also dazu, verschiedene Texte - hier die Bibel und Homer - gleichsam zu überblenden und ganz neue Perspektiven entstehen zu lassen."
Titelaufnahme
Reinhold F. Glei, Der Kaiserin neue Kleider, in: B. Effe u.a. (Hrsg.), Homer zweiten Grades, Trier 2009 (Bochumer Altertumswissenschafliches Colloquium, Bd. 79), S. 227-248.
Weitere Informationen
Prof. Dr. Reinhold F. Glei, Seminar für Klassische Philologie der RUB, Tel. 0234/32-22761, reinhold.glei@rub.de
Redaktion: Meike Drießen
Criteria of this press release:
History / archaeology, Language / literature, Religion
transregional, national
Research results, Scientific Publications
German

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