Dresden/Bonn, den 06.04.2016. Senckenberg-Wissenschaftler haben gemeinsam mit Kollegen des Zoologischen Forschungsmuseums Alexander Koenig in Bonn und aus den USA, Thailand und Kambodscha eine neue Schildkrötenart beschrieben. Das im Nordosten Thailands lebende Reptil ernährt sich unter anderem von Wasserschnecken und wird von der dortigen Bevölkerung als Nahrungsmittel und für religiöse Zwecke genutzt. Bisher wurde die Schildkröte einer anderen Art zugeordnet – mit dem neuen Artstatus ergibt sich auch ein erhöhtes Schutzbedürfnis. Die Studie wurde heute im renommierten Fachjournal „PLOS ONE“ veröffentlicht.
Mit etwas Glück kann man sie sogar in den Kanalsystemen und Tempelteichen großer Städte entdecken: Die Schildkröten der Gattung Malayemys. Die Schneckenfresser-Schildkröten bevorzugen flache Gewässer im südostasiatischen Tiefland; ihren Namen verdanken die Panzerträger ihrer Vorliebe für Wasserschnecken.
Die Schildkröten mit dem maximal 22 Zentimeter langen Panzer wurden bisher in zwei Arten aufgeteilt – in einer Studie sollte diese Gliederung nun überprüft werden. „Durch genetische Untersuchungen stellt sich immer wieder heraus, dass beschriebene Arten eigentlich zu einer Art gehören“, erklärt Prof. Dr. Uwe Fritz, Direktor der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden und fährt fort: „Zu unserer Überraschung wurde es aber in diesem Fall eine Art mehr!“
Gemeinsam mit seiner Kollegin Flora Ihlow, Doktorandin am zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn, und einem internationalen Team hat Fritz mit molekulargenetischen Methoden die neue Schneckenfresser-Schildkrötenart Malayemys khoratensis entdeckt. „Und auch morphologisch lässt sich die neue Art von den beiden anderen Malayemys-Arten unterscheiden“, erläutert Ihlow und ergänzt: „Jede Art hat eine eigene, ganz spezielle Gesichtszeichnung.“
92 Schildkröten aus 26 Lokalitäten in Kambodscha und Thailand hat das Wissenschaftlerteam untersucht – die Tiere stammen von Märkten, aus der freien Wildbahn und auch „road kills“, überfahrene Tiere, ließen die Schildkröten-Forscher bei ihrer Studie nicht aus. „Unsere kombinierten Untersuchungen zeigen eindeutig, dass es sich insgesamt um drei Schneckenfresser-Schildkrötenarten handelt. Neben der Genetik und Morphologie können wir auch zeigen, dass sich die drei Arten untereinander nicht fortpflanzen – außerdem treten sie in klar abgegrenzten Verbreitungsgebieten auf“, ergänzt Fritz.
Die neue Art konnte bisher nur im Nordosten Thailands – auf dem namensgebenden Khorat Plateau – ausfindig gemacht werden, auch die beiden anderen Arten scheinen nur getrennt voneinander aufzutreten. Ihlow hierzu: „Wir gehen davon aus, dass verschiedene Faktoren in der Erdgeschichte, wie beispielsweise Gebirgshebungen, dafür verantwortlich sind, dass sich die drei Arten getrennt voneinander entwickelten.“ Auch die intensive Nutzung der kleinen Panzerträger durch die heimische Bevölkerung als Nahrungsmittel und zu religiösen Zwecken führte bisher nicht zu einer Durchmischung der Verbreitungsgebiete.
In Kambodscha sind die Schneckenfresser-Schildkröten bisher ohne Schutzstatus, in Thailand stehen die zwei bekannten Arten unter Schutz. „Der Schutzstatus muss durch das Hinzukommen der neuen Art aber überarbeitet werden“, meint Fritz und fügt hinzu: „Die Bestände sind jetzt schon gefährdet – durch die neue Art verkleinern sich die Verbreitungsgebiete der einzelnen Arten noch weiter.“
Kontakt
Prof. Dr. Uwe Fritz
Senckenberg Naturhistorische
Sammlungen Dresden
Tel. 0351 - 795841 4328
Uwe.Fritz@senckenberg.de
Flora Ihlow
Sektion Herpetologie
Zoologisches
Forschungsmuseum Alexander Koenig, Bonn
Tel. 0228 - 9122253
F.Ihlow@zfmk.de
Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434
pressestelle@senckenberg.de
Publikation
Ihlow, F., Vamberger, M., Flecks, M., Hartmann, T., Cota, M., Makchai, S., Meewattana, P., Dawson, J.E., Kheng, L., Rödder, D., Fritz, U. (2016) Integrative Taxonomy of Southeast Asian Snail-eating Turtles (Geoemydidae: Malayemys) unravels a new species and mitochondrial introgression. PLoS One, DOI: 10.1371/journal.pone.0153108.
Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr fast 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert. Mehr Informationen unter www.senckenberg.de.
2016 ist Leibniz-Jahr. Anlässlich des 370. Geburtstags und des 300. Todestags des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (*1.7.1646 in Leipzig, † 14.11.1716 in Hannover) veranstaltet die Leibniz-Gemeinschaft ein großes Themenjahr. Unter dem Titel „die beste der möglichen Welten“ – einem Leibniz-Zitat – rückt sie die Vielfalt und die Aktualität der Themen in den Blick, denen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der bundesweit 88 Leibniz-Einrichtungen widmen. www.bestewelten.de
Die neu entdeckte Schneckenfresser-Schildkröte Malayemys khoratensis.
© F. Ihlow.
None
Bereits bekannt: Malayemys macrocephala.
© F. Ihlow.
None
Criteria of this press release:
Journalists
Biology
transregional, national
Research results
German
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