Statement: Neue Perspektiven für unser Leben aufgrund der Corona-Pandemie

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04/06/2020 14:16

Statement: Neue Perspektiven für unser Leben aufgrund der Corona-Pandemie

Friederike Mannig Kommunikation und Veranstaltungsmanagement
Frankfurt University of Applied Sciences

    Soziologe und Betriebswirt Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich, Präsident der Frankfurt UAS, nimmt Stellung zum Einfluss der Krise auf die Zukunft unseres täglichen Lebens und Arbeitens

    Nicht nur die Wirtschaft muss im Hinblick auf die Corona-Pandemie neue Wege gehen, auch jede/-r Einzelne muss sich öffnen, um den Alltag und das Berufsleben neu zu gestalten. Soziologe und Betriebswirt Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich, Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) und dort Professor am Fachbereich Wirtschaft und Recht, weiß, dass die aktuelle Situation ein großer Einschnitt im Leben vieler Menschen ist. „Wir stellen uns die Fragen, was zu tun ist, wenn das Zuhause der einzige Ort ist, an dem man sich frei bewegen kann – gerade jetzt sollte der Fokus auf das Zwischenmenschliche gelegt werden, wir sollten als Gemeinschaft zusammenhalten, um die Krise zu bewältigen und aus ihr neue Energie zu schöpfen. Wir erfahren besonders in Zeiten wie diesen, was wirklich möglich ist – die Corona-Pandemie kann unserer Gesellschaft neue Perspektiven für unser eigenes Handeln eröffnen. Achtsamkeit und Solidarität können einen völlig neuen Stellenwert gewinnen“, so der Professor für Organisationsberatung und Coaching.

    „Gerade diejenigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren sind, haben noch keine Erfahrung mit einer existentiellen Krisensituation, von der die ganze Gesellschaft betroffen ist. Viele wissen noch nicht, wie sie mit Herausforderungen solcher Dimension umgehen sollen. Wir alle begreifen jedoch, dass unser Handeln eigentlich verändert werden müsste und wir nicht mehr an den uns gewohnten Strukturen festhalten können. Wie das bewerkstelligt werden soll, das müssen wir erst noch lernen“, so Dievernich. „Prinzipiell genießen wir in unserer Gesellschaft ein hohes individuelles Maß an Freiheit, bei der jedoch in organisationalen Kontexten kaum alternatives und schnelles Handeln mehr möglich ist. Da werden Freiheitsgrade eher als beschränkt wahrgenommen. Von daher befinden wir uns interessanterweise gerade in einer Situation, dass wir uns auf die Reaktionen der Politik verlassen und Verbote und ggf. selbst Ausgangssperren akzeptieren, obwohl sie uns drastisch einschränken: Es erscheint uns nämlich wohltuend, wenn wir dabei zusehen können, dass die Regierung die Krise nicht aussitzt, sondern durchgreifendes, strukturveränderndes Handeln doch noch möglich ist“, erklärt Dievernich.

    „Folglich bin ich davon überzeugt, dass wir den Schutz der Umwelt, das große Thema vor Corona, prinzipiell nach der Krise sofort weltweit, also grenzüberschreitend, genauso radikal angehen könnten. Dafür müssen wir jedoch ein Wirtschaftsmodell fahren, welches nicht auf stetiges Wachstum setzt oder Ressourcen zerstört“, betont Dievernich. Es seien nun die vielen Stimmen ernst zu nehmen, die zum Ausdruck bringen, dass es eine tiefe Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt gäbe. Eine, die entschleunigt sei und wo Achtsamkeit gegenüber dem Leben handlungsleitend sei. „Wir haben gegenwärtig die Chance, einen Lernprozess durchzumachen: Corona führt nämlich gerade dazu, dass wir beginnen, die Welt anders zu begreifen, neu zu denken und Probleme anders zu lösen. Das ist unsere große Chance, sofern wir nicht in die Falle geraten und nach der Krise versuchen wieder alles gleichzutun, wie wir es vor der Krise getan haben.“

    „In der Krise liegt es auch an uns, sich neu zu ordnen und bewusst neue Dinge zu erlernen. Bereits jetzt nutzen wir neue Kommunikationsformen, um den Kontakt mit unseren Mitmenschen, sei es mit Freundinnen und Freunden, Familie oder Arbeitskolleginnen und -kollegen, aufrecht zu erhalten. Hierdurch wird uns bewusst, dass wir unsere Mitmenschen mehr wertschätzen sollten und soziale Kontakte wieder mehr pflegen müssen. Endlich wird uns klar, welchen solidarischen Akt Personen in systemrelevanten Berufen für unsere Gesellschaft leisten. Hierzu zählen etwa Feuerwehrkräfte und Polizeibedienstete, Verkäuferinnen und Verkäufer oder medizinisches Fachpersonal, die das öffentliche Leben aufrechterhalten. Ihnen ist es nicht möglich zu Hause zu bleiben, sich um ihre Kinder und Familie zu kümmern, sie müssen für die Gemeinschaft solidarisch sein, auch wenn das unsolidarisch den Liebsten gegenüber scheint“, betont Dievernich. „Ich wünsche mir, dass diese Einsicht und Wertschätzung dieser Berufsgruppen weit über die Krise hinaus wirken wird und bin überzeugt, dass sich die Gesellschaft hier nachhaltig wandeln kann.“

    „Es geht nicht nur darum, in der Krise umzudenken, sondern weiterzudenken – die Digitalisierung nimmt in diesem Zusammenhang für unseren Alltag plötzlich einen vollkommen anderen Stellenwert ein“, ergänzt Dievernich. Die Frankfurt UAS setze nun alles daran, noch weit mehr Lehr- und Lerninhalte digital aufzubereiten als bislang. Video- und Telefonkonferenzen ermöglichten zudem den Kontakt zwischen den Hochschulangehörigen, die in der Krise vorrangig ins Homeoffice geschickt wurden. „Die Digitalisierung sollte nicht nur in Krisenzeiten als Chance begriffen werden, sondern auch nachhaltig in unser Leben integriert werden – jetzt müssen wir sicherstellen, dass diese neuen Methoden nicht in Vergessenheit geraten, wenn wieder eine gewisse Normalität eintritt. Das geht nur, wenn wir unsere neuen Erfahrungen fest in unseren Alltag integrieren, indem wir jetzt in der Krise die Strukturen und Rahmenbedingungen so bauen, dass ein Zurückfallen in altes Handeln so gut wie gar nicht mehr möglich ist. Beispiel: Wenn Sie heute jemanden eine Musikkassette aus den 1970er Jahren anbieten, damit er Musik hören kann, wird er sie nur kopfschüttelnd anschauen und darauf bestehen, endlich einen anständigen Streaming-Dienstleister nutzen zu können – und wahrscheinlich weiß er auch gar nicht mehr, wie man einen Kassettenrekorder überhaupt bedient."

    Zur Person Frank E.P. Dievernich
    Dievernich wurde 1970 in Frankfurt am Main geboren. Bis zur Wahl zum Präsidenten der Frankfurt UAS 2014 war er Professor für Organisation, Führung und Personal sowie Studiengangsleiter Executive MBA an der Hochschule Luzern (Schweiz). Von 2009 bis 2012 war er Professor für Unternehmensführung am Kompetenzzentrum für Unternehmensführung der Berner Fachhochschule, Departement Wirtschaft und Verwaltung, Gesundheit, Soziale Arbeit, Bern (Schweiz). Aktuell liegen seine Forschungsinteressen in den Themen Change- und Human Resources-Management, Beratung/Coaching sowie Digitalisierung und Gesellschaft. Dievernich studierte Betriebswirtschaftslehre sowie Soziologie (Nebenfächer: Arbeits- und Organisationspsychologie sowie Erwachsenen- und Weiterbildungspädagogik) an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Er promovierte in Wirtschaftswissenschaft an der Universität Witten/Herdecke zum Thema „Das Ende der Betriebsblindheit – Was Teams zur Zukunftsfähigkeit von Unternehmen beitragen". Berufs- und Managementerfahrungen in der Wirtschaft sammelte Dievernich unter anderem bei BMW, der Deutschen Bahn sowie der Unternehmensberatung Kienbaum. Er veröffentlicht als Kolumnist und Gastautor laufend Beiträge zu Organisation, Management und gesellschaftlichen Entwicklungen, so z.B. in der WELT und im Journal Frankfurt.

    Gerne steht Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich Ihnen für Interviews zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich bei Interviewanfragen an die Pressestelle der Frankfurt UAS unter pressestelle@fra-uas.de oder +49 69 1533-3048.


    Criteria of this press release:
    Journalists, all interested persons
    Social studies
    transregional, national
    Miscellaneous scientific news/publications
    German


    Soziologe und Betriebswirt Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich, Präsident der Frankfurt UAS.


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