Eine gewisse Distanzfähigkeit ist die Voraussetzung für gesellschaftliche Integration

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05/20/2020 17:32

Eine gewisse Distanzfähigkeit ist die Voraussetzung für gesellschaftliche Integration

Kathrin Markus Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Northern Business School

    Die "neue Normalität" steht mittlerweile auch im Zeichen von Demonstrationen und Verschwörungsdenken. Wie funktioniert der harte Protest? Ein Gespräch mit dem Sozialforscher Marcel Schütz.

    Herr Schütz, wieso ist der Umgang mit Einschränkungen offensichtlich so problematisch, obwohl es doch um die Abwehr einer natürlichen, ernsten Gefahr geht?

    In einer ziemlich freizügigen Gesellschaft ist der Umgang mit Einschränkungen bei den Grundrechten ein "heißes Eisen". Es lassen sich aus Sicht von Kritikern immer ideologische Motive unterstellen, ganz losgelöst von den tatsächlichen Ursachen und Absichten. Wir haben in den vergangenen Wochen ja erlebt: Selbst wenn Einsicht dahingehend besteht, präventive Gesundheitsmaßnahmen zu ergreifen – und diese ist an und für sich wohl breit vorhanden –, selbst dann setzt eine Diskussion über die Ausgestaltung ein. Genauer gesagt, baut sie sich wie eine weiter anwachsende Welle auf. Es ist ein wenig kurios: Je mehr man Maßnahmen wieder lockert und ihre Fortführung gründlicher differenziert, desto mehr werden auch Streit und Ärger provoziert. Die Akzeptanz für eine Einschränkung aller ist offenbar größer als die für einzelne Gruppen. Wenn man so will: eine bekannte Gerechtigkeitsdebatte.

    Ist diese Unzufriedenheit das Resultat der Einsicht, dass es nicht eine objektive Gerechtigkeit geben kann, erst recht keine "Einzelfallgerechtigkeit"?

    Das würde ich so sehen. Man regelt solche Lagen eigentlich über eine Art Pauschalensystem, wie es jetzt für die Wirtschaft in Gang kommt: Verschiedene Probleme, verschiedene Hilfsmaßnahmen, nach verschiedenen Kriterien durchzuführen. Das ist eine politisch gewollte Vereinfachung, um den Betriebsablauf beim Fördern, Helfen und Unterstützen zu beschleunigen. Aber wie das so ist bei Pauschalen: Es gibt hier bestimmte Standards, die einigen mehr und anderen weniger nützen. Dagegen richtet sich dann die individuelle Meinung. In der Realität einer nach verschiedenen Werten und Ansichten gegliederten Gesellschaft stiftet jeder zentrale Ordnungsversuch neue Anlässe, hiermit nicht einverstanden zu sein. Die Folge ist ein rhetorischer Wettbewerb um das "richtige" Vorgehen. Was natürlich eigenartig erscheinen kann, haben wir es doch mit hoher Ungewissheit über "richtige" Maßnahmen zu tun. Die vertrösteten oder abgewiesenen Positionen und Forderungen formieren sich unter Umständen zu einer Protestbewegung. In einer bisher noch diffusen oder fragilen Art ist das nun zu beobachten.

    Für Protest ist es ja allgemein typisch, sich gegen die Mehrheit oder die "Obrigkeit" zu richten. Protest wird aber oftmals im Namen der ganzen Gesellschaft gerechtfertigt. Der Protest sieht seine Grenzen nicht?

    Das ist, wenn man so will, ein unauflösbarer innerer Widerspruch im Verhältnis von Protest und der übrigen Gesellschaft, der ja – das ist der "Witz" – überhaupt erst Protest ermöglicht. Der Protest kann sich nicht in einer Weise mit sich auseinandersetzen wie es ein Wissenschaftler versucht; er würde seiner Logik nach sich ansonsten selbst "hinters Licht" führen. Daher verdeckt der Protest diese Unterscheidung zur Mehrheit und propagiert eigene Vorrechte. Aus einer gesellschaftsanalytischen Perspektive betrachtet, sind aggressive Protestformen, Sekten und harte Verschwörungstheoretiker verwandt mit terroristischen Formen; sie bilden manchmal deren Anfang. Sicher ist das Grundrecht auf Meinungsäußerung durch Demonstrationen hochzuhalten. Diese Ausübung ist jedoch Ausdruck gerade von Wohlstand und Freiheit.

    …Es gibt ja viele Orte auf der Welt, wo der Protest nicht verwirklicht werden kann.

    Insofern muss man es sich gewissermaßen erstmal erlauben können, Themen zu skandalisieren, die einen immens stören. Protest hat spannungsabbauende Funktionen. Dampf wird abgelassen, Enthemmung wird organisiert oder immerhin in konkretere Forderungen überführt. Längerfristig können daraus sogar Reformen im Staat erwachsen. Liberalisierung musste in der Vergangenheit auch erkämpft werden. Es handelt sich ab einer gewissen Radikalität dabei aber um Herabsetzung und Verletzung anderer und Beschädigung ihrer Sachen. Das ist eine Gegenstruktur zur Mehrheit dieser Gesellschaft. Wir erinnern uns ja noch an harsche Methoden während des G20-Gipfels 2017 in Hamburg. Die Mehrheit der Gesellschaft setzt bei der Durchsetzung ihrer Interessen auf gefestigte Entscheidungswege und demokratisch gestufte Verfahren. Und weil es dabei bleibt, kann der Protest sich so gut daran abarbeiten. Mit geordneten Prozessen braucht man entschlossenen "Anti-Engagierten" gar nicht zu kommen. Es ist alles schon vorsorglich als verlogen und verkommen diskreditiert.

    Das Stichwort ist gefallen: Verschwörungstheorie. Es gibt Kritik an dem Begriff, dass er quasi "alternative Fakten" legitimiere.

    Der Begriff "Theorie" ist hier nie wissenschaftlich gemeint. Es ist auch nicht jeder Demonstrant, der sich mit den Corona-Maßnahmen nicht einverstanden zeigt (was sein gutes Recht ist), nun ein Verschwörungstheoretiker, wenngleich die Übergänge fließend werden, wenn man Seit an Seit marschiert. Es handelt sich bei der sogenannten Verschwörungstheorie um eine radikalisierte Alltagstheorie; also um ideologisch oder sonst konstruierte, ungeprüfte Spekulationen und Verdächtigungen, die dazu noch kollektive Unterstützung bzw. eine Anhängerschaft mobilisieren können. An dem Theorie-Begriff würde ich mich nicht aufhalten, er ist einfach etabliert. Interessanter ist vielleicht, dass man in einer Lage wie der gegenwärtigen versucht, mit Information und Transparenz gegen diese Theorien anzugehen. Sogar die Regierung sendet auf Twitter nun Tweets, mit denen sie Annahmen zurückweist, die Funknetze hätten etwas mit den Corona-Erkrankungen zu tun. Ist das nicht nah an der Realsatire? Es geht nicht darum, dass diese Gruppierungen bisher zu wenig mit einigen wichtigen Eckdaten dieser Gesellschaft versorgt worden wären. Sie haben schlicht keine Empfänglichkeit dafür, oder nicht mehr.

    Es gibt viele Informationsangebote, die über Verschwörungstheorie aufklären wollen. Das mag also informativ sein für am Thema Interessierte, aber ohne Belang für die Anhänger?

    Ja, die Anhänger werden darin eine weitere Maßnahme zur Unterdrückung sehen. Mir erscheint es wichtig, ganz nüchtern die soziale Struktur des Verschwörungsdenkens zu begreifen: Es findet eine Immunisierung qua Information statt, die man, etwas vereinfacht gesagt, als eine Spielart der selbsterfüllenden Prophezeiung verstehen könnte. Im Übrigen gibt es Hinweise aus der Psychologie, wonach die Erfahrung von Benachteiligung und Kränkung im Leben zur Suggestion einer "tatsächlichen Scheinrealität" beitragen kann. Die Grenze zur Fiktion dürfte durch bestimmte Erfahrungen und ihre Bewältigung tatsächlich verblassen. Aber selbst wenn man mit der guten alten Belehrung weiterkommt: Gesellschaft besteht natürlich zuweilen wirklich aus Widersprüchen, Verdeckungen und Hinterbühnen. Verschwörungsdenker sehe sich diesbezüglich bestätigt. Das Problem mit Verschwörungstheorie ist somit nicht, dass es generell nichts bringt, Gegenbeweise zu liefern, sondern, dass Beweise gar nicht das entkräften können, was dieses Denken antreibt: ein ausgeprägtes Unvermögen, die soziale Welt zu bewältigen. In unserer Gesellschaft wird immer ein gewisses Maß an Distanzfähigkeit oder Abgeklärtheit vorausgesetzt. Wenn man das nicht mehr aufbringt oder psychische Disposition für fanatische Affekte aufweist, hat man ein Problem. Nicht nur mit der Welt, sondern mit sich selbst.

    Hat die Diskussion über Verschwörungsdenken in den vergangenen Jahren nicht an Fahrt aufgenommen? Wie gefestigt sind Verschwörungsideen in der Gesellschaft?

    Es stimmt, dass regelmäßig über Verschwörungstheorien gesprochen wird. Vor allem im Hinblick auf neuere extreme politische Positionen, die sich aus diesem Denken speisen. Es spricht manches dafür, dass die Sensibilität für das Thema gestiegen ist. Dennoch zieht sich die Verschwörungstheorie durch die Jahrhunderte, sie hat ihre Moden und Konjunkturen, je nach vorherrschender ideologischer "Kassenlage" – religiöse und politische Ausprägungen. Der Glaube an mögliche Konspirationen ist nebenher ein historisches Relikt. In vordemokratischer Zeit waren Geheimbünde tatsächlich oft die einzige Möglichkeit, entweder Pläne gegen die Staatsgewalt zu schmieden oder solchen Plänen auf den Grund zu gehen. Verschwörungstheoretiker hatten somit selbst etwas Verschwörerisches. Oft gingen und gehen die Feindbilder Hand in Hand: Kapital und Technik, Ausländer, Juden und Schwule. Daher kann es kaum wundern, dass bestimmte Anti-Gruppen für die Corona-Kritik ebenso empfänglich sind wie zuvor für Themen wie Einwanderungs- oder Klimapolitik. Die Corona-Maßnahmen sind ja durchaus ein spürbarer Eingriff des Staates. Wenn man mit dem Staat ohnehin schon über Kreuz liegt, wird man nicht mehr sehr wählerisch sein bei der Auswahl der Themen, die man gegen ihn instrumentalisieren kann. Demonstranten als sich wie Staatsfeinde Inszenierende sind fanatisch flexibel. Es entstehen dann Vernetzungseffekte: Regierungskritische Kreise, radikale Alternative und basisdemokratische Aktivisten bündeln mehr oder weniger gezielt ihre Kräfte. Das sind informelle Abwehr- und Ablehnungskoalitionen.

    Wir denken meistens ja noch an den klassischen Protest auf der Straße. Man kann die Entwicklung des politischen Protests wohl kaum losgelöst vom Internet betrachten?

    Sicher, das Internet ermöglicht ein Befeuern und Lenken von Protest, wie es uns vielleicht noch gar nicht vollends bewusst geworden ist. Manchmal denke ich, dass wir die Folgen dieser Entwicklung erst in einigen Jahren gewahr werden. Das Internet ist ein Medium, das die Ausdrucksformen von Protest stärker denn je sichtbar werden lässt, sie bebildert, kanalisiert und potenziert. Die Lautstärke einzelner Top-User mit hoher Followerzahl und Reichweite gibt dem Protest eine persönliche Note zur Identifizierung von Seiten der Anhänger. Denken wir nur an die Entwicklungen um Greta Thunberg und Rezo: diese Phänomene sind mit klassischen Vorstellungen von Institution und Qualifikation im Blick auf Mitsprache und Interessenvertretung nicht leicht zu beschreiben. Das Internet begünstigt eine "Normalisierung" von Protestformen, die man früher eher als deviant, also Abweichung von akzeptierten Normen begriffen hätte. Dieses Thema ist meines Erachtens noch nicht vom Tisch, denn stark personalisierter, internetgestützter Protest unterhöhlt jene Strukturen, in die sich wir "Ottonormalsterbliche" Tag für Tag einzufügen haben. Nach den demokratischen Regeln sind solche Personalisierungen zulässig. Aber nur weil es so funktioniert, muss man es nicht für unschädlich oder produktiv halten.

    Das Gespräch führte Kathrin Markus (NBS Marketing).

    Marcel Schütz ist Research Fellow an der Northern Business School in Hamburg und lehrt an den Universitäten Oldenburg und Bielefeld. Er befasst sich organisatorischen und gesellschaftlichen Aspekten von Devianz bzw. Regelabweichungen, Unfällen und Störungen.


    Contact for scientific information:

    Marcel Schütz, schuetz@nbs-hamburg.de


    Original publication:

    https://www.nbs.de/die-nbs/aktuelles/news/details/news/eine-gewisse-distanzfaehi...


    Criteria of this press release:
    Business and commerce, Journalists, Scientists and scholars, Students, Teachers and pupils, all interested persons
    Social studies
    transregional, national
    Miscellaneous scientific news/publications
    German


    Sozial- und Organisationsforscher Marcel Schütz. Bild: Kevin Knoche


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    1968: In der nicht einmal 20 Jahre bestehenden Bundesrepublik brechen Konflikte zwischen der Vorkriegsgeneration und Studierenden bzw. liberalen Gruppen auf, wie hier in Bremen. Bild: gemeinfrei/CC BY 3.0/G. Fr


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