idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Science Video Project
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instance:
Share on: 
12/22/2020 10:28

Freiwillig oder verpflichtend? Neue Erkenntnisse zu Motivation bei Corona-Maßnahmen

Julia Wandt Stabsstelle Kommunikation und Marketing
Universität Konstanz

    Eine Studie der Universität Konstanz zeigt, dass die freiwillige Motivation zur Einhaltung der Corona-Maßnahmen in Deutschland relativ hoch ist, aber durch verpflichtende Maßnahmen untergraben werden kann – Die Konsequenz dieser Erkenntnis unterscheidet sich je nach Maßnahme

    Knapp 5.000 Deutsche wurden befragt, inwieweit sie damit einverstanden sind, ihre Kontakte und Reisen einzuschränken, eine Maske zu tragen, die Corona-Warn-App zu nutzen und sich impfen zu lassen, wenn diese Maßnahmen entweder von der Regierung dringend empfohlen sind, aber freiwillig bleiben, oder wenn sie verpflichtend sind und kontrolliert werden.

    Die vorhandene Literatur deutet in zwei Richtungen: Zum einen können verpflichtende Maßnahmen die Akzeptanz verbessern, weil man davon ausgehen kann, dass sich auch andere Menschen an Gesetze halten. Zum anderen kann durch verpflichtende Maßnahmen aber auch die Eigenmotivation der Menschen zerstört werden, die freiwillig und selbstverantwortlich zur Kooperation bereit sind.

    Freiwillige Motivation ist relativ hoch, kann aber untergraben werden
    Das Ergebnis: Insgesamt ist die freiwillige Unterstützung der Maßnahmen relativ hoch. Allerdings zeigen bei allen Maßnahmen mindestens 25 Prozent der Befragten eine Kontrollaversion – eine geringere Akzeptanz der Maßnahme, wenn diese verpflichtend ist, als wenn sie dringend empfohlen wird, aber freiwillig bleibt. Besonders für eine Corona-Warn-App und Impfungen war das durchschnittliche Einverständnis höher, wenn diese Maßnahmen freiwillig anstatt verpflichtend sind. Das gilt auch in geringerem Maße für Kontakteinschränkungen. Dagegen war das Einverständnis, selbst eine Maske zu tragen und Reisen einzuschränken unter beiden Bedingungen im Durchschnitt gleich, also unabhängig davon, ob diese Maßnahmen verpflichtend oder freiwillig sind.

    Womit hängt es zusammen, ob Menschen negativ auf Kontrolle und Zwangsmaßnahmen reagieren? „Vertrauen in die Regierung und in deren wahrheitsgemäße Information spielt in der Corona-Pandemie eine ganz große Rolle“, bilanziert Katrin Schmelz. Je weniger Vertrauen, desto mehr kann Kontrolle die freiwillige Motivation zerstören.

    In der DDR aufgewachsene Menschen zeigen weniger Kontrollaversion
    Die Wissenschaftlerin hat darüber hinaus eine spezielle Bevölkerungsgruppe identifiziert, bei der Verpflichtung und Kontrolle weniger Widerstand hervorrufen: Menschen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind. Die Vermutung dieses „Ost-West-Unterschieds“ war auch der Anlass für die Wissenschaftlerin, diese Studie durchzuführen. In ihrer Dissertation hatte sie in einem Online-Experiment untersucht, wie Menschen mit Erfahrungen in unterschiedlichen Regierungssystemen – in West- und Ostdeutschland – auf Kontrolle reagieren. Ihr damaliges Ergebnis, dass Menschen, die, wie die Autorin selbst, in der DDR aufgewachsen sind, anders auf Kontrolle reagieren als Menschen, die in der BRD aufgewachsen sind, hat sich nun in der aktuellen repräsentativen Befragung im Hinblick auf die Corona-Maßnahmen bestätigt.

    Der Ost-West-Unterschied tritt insbesondere bei Maßnahmen auf, die Parallelen zu den DDR-Erfahrungen haben: Impfungen, Reisebeschränkungen und Kontaktbeschränkungen lösen für den Fall, dass sie verpflichtend sind und kontrolliert werden, bei Ostdeutschen mit Erfahrungen unter der DDR-Regierung weniger Widerstand aus als bei gleichaltrigen Westdeutschen. Auch im Fall der Corona-Warn-App untergräbt eine Verpflichtung die freiwillige Motivation weniger bei denjenigen Befragten, die in der DDR aufgewachsen sind und andere Überwachungsmaßnahmen kennen. Beim Tragen von Masken gibt es diesen Ost-West-Unterschied nicht – weder Ost- noch Westdeutsche haben zurückliegende Erfahrungen mit einer solchen Einschränkung persönlicher Freiheit. Die Ost-West-Unterschiede verschwinden in der jüngeren Generation, die im wiedervereinten Deutschland aufgewachsen ist.

    Empfehlungen an die Politik
    Die Ergebnisse dieser Studie liefern einen weiteren Baustein als Basis für politische Entscheidungen über die Gestaltung von Corona-Maßnahmen, nämlich wie hoch die freiwillige Kooperationsbereitschaft ist und inwieweit eine verpflichtende Maßnahme Widerstand auslöst. Diese Erkenntnisse sind im Zusammenspiel mit anderen Aspekten zu beurteilen, insbesondere welcher Anteil der Bevölkerung für einen Erfolg der Maßnahme kooperieren muss und inwieweit eine Maßnahme tatsächlich durchsetzbar ist.

    Beispielsweise würden die 60 Prozent, die freiwillig damit einverstanden sind, eine Maske zu tragen, für den Erfolg dieser Maßnahme nicht genügen. Außerdem lässt die Studie wenig Anzeichen für eine Zerstörung der Eigenmotivation durch Maskenpflicht erkennen. Deshalb empfiehlt sich eine verpflichtende Umsetzung dieser Maßnahme. Bei Reisebeschränkungen sieht es ähnlich aus.

    Anders bei der Corona-Warn-App: Hier zeigt sich ein enormer Widerstand bei 40 Prozent der Befragten gegen eine App-Pflicht. Außerdem ist schwer kontrollierbar, inwiefern die Menschen die App tatsächlich auch nutzen. „Die Corona-Warn-App gehört zu den Maßnahmen, die starke Kontrollaversion hervorrufen und gleichzeitig in Deutschland nicht komplett durchsetzbar sind. Deshalb hat es wenig Sinn, sie verpflichtend einzuführen“, so Katrin Schmelz.

    Impfung besser freiwillig
    Ähnlich sieht es bei der Impfung aus, bei der in der Befragung um die 50 bis 65 Prozent angegeben haben, freiwillig bereit oder eher bereit dazu zu sein: „Geht man davon aus, dass für eine Herdenimmunisierung weniger als 70 Prozent der Bevölkerung geimpft werden müssen, wenn Impfungen zielgerichtet in der Bevölkerung verteilt werden, könnte das ausreichen“, folgert die Wissenschaftlerin. Die Akzeptanz im Fall einer Impfpflicht lag in der Studie deutlich darunter, und es zeigte sich ein erheblicher Widerstand gegen verpflichtende Impfungen. Diesen Widerstand zu schüren wäre unnötig, da eine hundertprozentige Impfung nicht erforderlich ist.

    Während der Wartezeit auf Impfungen stehen Kontaktbeschränkungen im Zentrum der Maßnahmen und erfordern umfangreiche Kooperation in der Bevölkerung. Wie bei einer App und bei Impfungen rufen auch Kontaktbeschränkungen negative Antworten auf Kontrolle hervor, wobei der Widerstand schwächer ausgeprägt ist. Ein gewisses Maß an Durchsetzung kann sinnvoll und erforderlich sein – um zum Beispiel die Kooperation unter gesunden Menschen zu erhöhen, die geringere Anreize haben, eine eigene Ansteckung zu vermeiden, deren Kooperation aber Risikogruppen schützt.

    Zudem zeigt die Studie über alle Maßnahmen hinweg einen positiven Einfluss von Vertrauen in die Regierung und deren wahrheitsgemäße Information in der Corona-Pandemie auf die freiwillige Kooperationsbereitschaft und insbesondere auf die Akzeptanz verpflichtender Maßnahmen.

    Hinweis an die Redaktionen:
    Ein Foto kann im Folgenden heruntergeladen werden:
    https://cms.uni-konstanz.de/fileadmin/pi/fileserver/2020/Bilder/freiwillig.jpg
    Bildunterschrift: Dr. Katrin Schmelz
    Bild: Universität Konstanz

    Faktenübersicht:
    • Originalpublikation: Katrin Schmelz (2021). Enforcement may crowd out voluntary support for Covid-19 policies, especially where trust in government is weak and in a liberal society. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS), 118(1). https://www.pnas.org/content/118/1/e2016385118
    • Untersuchung, wie Freiwilligkeit und staatliche Verpflichtung sich auf die Bereitschaft auswirken, sich an verschiedene Corona-Maßnahmen zu halten
    • Online-Survey im Rahmen des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ der Universität Konstanz
    • Autorin forscht und lehrt im Bereich Verhaltensökonomie an der Universität Konstanz
    • Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder – EXC-2035/1 – 390681379.
    • Kontakt: Dr. Katrin Schmelz, Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, E-Mail: katrin.schmelz@uni-konstanz.de, Tel.: +49 (0)7531 88-5122.

    Kontakt:
    Universität Konstanz
    Kommunikation und Marketing
    Telefon: + 49 7531 88-3603
    E-Mail: kum@uni-konstanz.de

    - http://uni.kn


    Contact for scientific information:

    Dr. Katrin Schmelz, Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, E-Mail: katrin.schmelz@uni-konstanz.de, Tel.: +49 (0)7531 88-5122.


    Original publication:

    Katrin Schmelz (2021). Enforcement may crowd out voluntary support for Covid-19 policies, especially where trust in government is weak and in a liberal society. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS), 118(1).
    https://www.pnas.org/content/118/1/e2016385118


    Images

    Criteria of this press release:
    Journalists
    Economics / business administration, Nutrition / healthcare / nursing, Psychology, Social studies
    transregional, national
    Research results, Scientific Publications
    German


     

    Help

    Search / advanced search of the idw archives
    Combination of search terms

    You can combine search terms with and, or and/or not, e.g. Philo not logy.

    Brackets

    You can use brackets to separate combinations from each other, e.g. (Philo not logy) or (Psycho and logy).

    Phrases

    Coherent groups of words will be located as complete phrases if you put them into quotation marks, e.g. “Federal Republic of Germany”.

    Selection criteria

    You can also use the advanced search without entering search terms. It will then follow the criteria you have selected (e.g. country or subject area).

    If you have not selected any criteria in a given category, the entire category will be searched (e.g. all subject areas or all countries).