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11/28/2022 09:00

Biodiversitätsverlust im Anthropozän: Senckenberg geht wegweisende Schritte für den Schutz von Natur und Mensch

Judith Jördens Senckenberg Pressestelle
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

    Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) hat sich vollumfänglich für das strategische Erweiterungsvorhaben „Anthropocene Biodiversity Loss“ der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ausgesprochen. Der zuständige GWK-Ausschuss folgte am 20. September 2022 der im Juli vorausgegangenen Empfehlung des Wissenschaftsrats, die Senckenberg-Erweiterung in die Haushaltsaufstellung für das Jahr 2024 aufzunehmen. Drei Schwerpunkte werden im Rahmen des Konzeptes dauerhaft etabliert: Collectomics, Biodiversity Genomics und die Solutions Labs. Ein achtes Senckenberg-Institut wird in Jena gemeinsam mit der Friedrich-Schiller-Universität etabliert.

    Im Zeitalter des Anthropozäns ist der Mensch eine gestaltende Kraft im Erdsystem geworden: Menschen verändern den Planeten Erde nicht nur für wenige Generationen, sondern für Tausende bis Millionen von Jahren.

    „Die Erde braucht uns Menschen nicht – aber wir brauchen für unser Überleben eine vielfältige Natur. Wir können nur atmen, trinken und essen, wenn intakte Ökosysteme weiterhin so lebensnotwendige Grundlagen wie Sauerstoff, Wasser und Nahrung bereitstellen. Wir müssen rasch handeln, um Schäden zu verhindern, die sich nicht mehr ausgleichen lassen und die unkontrollierbare Entwicklungen für das gesamte Erdsystem auslösen. Dafür brauchen wir die bestmöglichen wissenschaftlichen Grundlagen. Der Erhalt der Artenvielfalt, der Umgang mit Biodiversität ist ein Schlüssel für die Bewältigung dieser Zukunftsherausforderung“, erläutert Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn. „Der Grundgedanke des Erweiterungsvorhabens ‚Anthropocene Biodiversity Loss‘ ist, mit digitalen Mitteln naturkundliche Sammlungen deutlich stärker und breiter als bisher für die Erforschung der Biodiversität und damit für ein verbessertes Verständnis des Erdsystems zu nutzen. Senckenberg stärkt mit diesem Vorhaben seine internationale Vorreiterrolle in der Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Natur und Mensch. Daher freue ich mich außerordentlich, dass der Wissenschaftsrat das Vorhaben zur Förderung empfohlen und der Ausschuss der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz auf dieser Basis beschlossen hat, die Institutserweiterung in die Haushaltsaufstellung für das Jahr 2024 aufzunehmen. Die Unterstützung des LOEWE-Zentrums TBG aus dem bundesweit einzigartigen Forschungsförderungsprogramm des Landes Hessen LOEWE mit von 2018 bis 2024 insgesamt gut 33 Millionen Euro hat sich also gelohnt. Die ambitionierten Ziele Senckenbergs zum Wohlergehen von Mensch und Natur lassen sich nur als gemeinsame Aufgabe von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft erreichen.“

    Mit dem neuen Vorhaben wird die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ihren systemischen Ansatz der „Geobiodiversitätsforschung“ – der Erforschung der Vielfalt des Lebens mit den zahlreichen Wechselwirkungen im System Erde – konsequent weiterentwickeln und vertiefen. So wird das Konzept eines integrierten Forschungsmuseums mit den drei zusätzlichen Schwerpunkten Collectomics, Biodiversity Genomics und Solutions Labs gestärkt.

    Im Modul Collectomics wird Senckenberg seine Sammlungen zu digitalen Forschungsplattformen ausbauen und Sammlungsdaten mit globalen Daten zum System Erde verknüpfen. Prof. Dr. Walter Rosenthal, Präsident der Friedrich-Schiller-Universität Jena: „Gemeinsam mit der Universität Jena wird im Rahmen von Collectomics ein neues Senckenberg-Institut etabliert. Wesentlich dafür ist die langfristige Sicherung und Nutzung des Herbarium Haussknecht der Universität Jena – mit etwa 3,5 Millionen Pflanzenbelegen eines der bedeutendsten europäischen Herbarien überhaupt. Die gemeinsame thematische Fokussierung von vier Professuren, von denen zwei neu eingerichtet werden, stärkt den Standort Jena und das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig weiter. Neue innovative Methoden werden das immense Potenzial der naturhistorischen Sammlungen für die Biodiversitätsforschung erschließen. Die Einbindung sämtlicher Senckenberg-Institute in Collectomics wird zudem die Übertragung auf weitere biologische Gruppen und Sammlungsobjekte möglich machen.“

    Die biologische Vielfalt auf der Ebene des Genoms zu analysieren und damit zu einer verantwortungsvollen Nutzung und zum Schutz dieser Vielfalt beizutragen, ist Kernaufgabe des Moduls Biodiversity Genomics. Die strategische Erweiterung ermöglicht es, das bisher durch das Land Hessen finanzierte LOEWE-Zentrum Translationale Biodiversitätsgenomik (LOEWE-TBG) durch Integration in die bestehende Senckenberg-Struktur langfristig als Kompetenzzentrum für die genomische Erforschung der biologischen Vielfalt und ihrer Nutzungspotenziale sicherzustellen. So sollen unter anderem die bereits aufgebauten bioinformatorischen Kompetenzen in der Biodiversitätsgenomik dauerhaft gesichert und weiterentwickelt werden. „Translationale Biodiversitätsgenomik eröffnet grundsätzlich neue Wege zur Erforschung der Vielfalt des Lebens auf seiner fundamentalen Ebene und zur Umsetzung dieser Ergebnisse in Anwendungen – sie vereinigt Grundlagen- und anwendungsorientierte Forschung. Die genomische Analyse von Sammlungsmaterial ist dabei unabdingbar für das immer noch unzureichende Verständnis des Zusammenhangs zwischen genomischer und funktionaler Biodiversität. Sammlungsbezogene Forschung kann so skalenübergreifende Ansätze zum Verständnis der Folgen des Biodiversitätsverlusts – von der genomischen Vielfalt über die Merkmalsvielfalt bis hin zu Veränderungen in Ökosystemen – voranbringen. Damit leistet Senckenberg einen wertvollen Beitrag, die dringend erforderliche Datenlage zur Biodiversität auf Ebene der genetischen Diversität zu verbessern und auszubauen“, erklärt Prof. Dr. Andreas Mulch, Direktoriumsmitglied für Forschung bei Senckenberg.
    LOEWE-TBG-Sprecher Prof. Dr. Axel Janke ergänzt: „Zu den Highlights unserer bisherigen Forschung unter dem Motto ‚dokumentieren – schützen – nutzen‘ zählen die neuen Erkenntnisse zu Artzugehörigkeiten und Verwandtschaftsbeziehungen, zum Beispiel bei Giraffen oder Walen, und die Studien zur Anpassungsfähigkeit von Arten oder Organismen-Gemeinschaften auf veränderte Umweltbedingungen. Die innovative Erforschung von Tiergiften gehört ebenso dazu. Im Fokus steht dabei auch die Frage, wie die Erkenntnisse für die weitere Forschung und eine konkrete Anwendung nutzbar gemacht werden können, zum Beispiel für den Arten- und Naturschutz oder für die Pharmazie.“

    Wie fördert man Insektendiversität? Welche Bäume stehen im „Wald der Zukunft“? Und was braucht es für eine konfliktarme Koexistenz von Menschen und Wolf? Antworten auf solche oder ähnliche Fragestellungen sollen zukünftig in den Solutions Labs erarbeitet werden. Diese „Denkwerkstätten“ bieten Plattformen für die Zusammenarbeit von Wissenschaftler*innen mit relevanten Akteur*innen in Politik, Wirtschaft und der breiten Öffentlichkeit. Ziel ist die Entwicklung evidenzbasierter gesellschaftlicher Handlungsoptionen für Entscheidungsträger*innen und für die Öffentlichkeit zum Schutz und zur Förderung der Biodiversität. Die Solutions Labs sollen dazu beitragen, die dringend notwendigen sozial-ökologischen Transformationen anzustoßen, zu begleiten und zu verstärken.

    Senckenberg-Generaldirektor Prof. Dr. Klement Tockner betont: „Uns ist bewusst, dass wir mit dem innovativen Erweiterungsvorhaben ‚Anthropocene Biodiversity Loss‘ eine wichtige Vorbildfunktion für den Forschungsstandort Deutschland übernehmen und gemeinsam mit unseren Partnereinrichtungen Synergien schaffen und nutzen. Denn mehr denn je müssen wir Daten und Informationen in Wissen und schlussendlich in Handlungsoptionen umwandeln. Nur so können wir die drängendste Herausforderung unserer Zeit, der rapiden Erosion der biologischen Vielfalt Einhalt zu gebieten, erfolgreich bewältigen. Es gibt wohl keinen geeigneteren Ort als ein Forschungsmuseum, um die hierfür nötigen gesellschaftlichen Transformationen anzustoßen und diese zu begleiten. Damit wertet Senckenberg nicht nur die nationale und internationale Forschung und Sammlungsentwicklung auf, sondern übernimmt Verantwortung für Mensch und Natur gegenüber künftigen Generationen!“


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    Das „Herbarium Haussknecht“ ist mit etwa 3,5 Millionen Pflanzenbelegen eines der bedeutendsten europäischen Herbarien.
    Das „Herbarium Haussknecht“ ist mit etwa 3,5 Millionen Pflanzenbelegen eines der bedeutendsten europ ...
    Jan-Peter Kasper
    Jan-Peter Kasper/Universität Jena

    Mit dem neuen Vorhaben „Anthropocene Biodiversity Loss“ wird Senckenberg die „Geobiodiversitätsforschung“ weiterentwickeln und vertiefen.
    Mit dem neuen Vorhaben „Anthropocene Biodiversity Loss“ wird Senckenberg die „Geobiodiversitätsforsc ...
    Sven Tränkner
    Senckenberg/Tränkner


    Criteria of this press release:
    Journalists
    Biology, Geosciences
    transregional, national
    Organisational matters, Science policy
    German


     

    Das „Herbarium Haussknecht“ ist mit etwa 3,5 Millionen Pflanzenbelegen eines der bedeutendsten europäischen Herbarien.


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    Mit dem neuen Vorhaben „Anthropocene Biodiversity Loss“ wird Senckenberg die „Geobiodiversitätsforschung“ weiterentwickeln und vertiefen.


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