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01/07/2026 10:30

Von Quantencomputing bis Präventionsmedizin: Einstein Stiftung fördert Forschung in elf neuen Projekten

Marina Meurer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Einstein Stiftung Berlin

    In seiner Dezembersitzung hat der Vorstand der Einstein Stiftung Berlin neue Forschungsvorhaben in Höhe von 13 Millionen Euro in den nächsten sechs Jahren bewilligt. Die geförderten Projekte reichen von Fortschritten im Quantencomputing sowie innovativen Ansätzen in Immunonkologie und Infektionsbiologie über Forschung zu politischer Teilhabe und Stadtplanung bis hin zu Studien zu psychischen Erkrankungen. Das größte neue Projekt ist das Einstein Center for Early Disease Interception. Bereits im November hat die Wissenschaftliche Kommission der Einstein Stiftung die Einstein Research Unit „Technologies in Global Health – From innovation to users (and back)“ zur Förderung empfohlen.

    Einstein Berlin/HUJI Forschungsvorhaben

    Quantencomputing
    Das Forschungsvorhaben Error Suppression, Correction, and Mitigation in Adiabatic Quantum Computation von Professorin Christiane Koch von der Freien Universität Berlin sowie Senior Lecturer Adi Pick und Professor Raam Uzdin von der Hebrew University of Jerusalem (HUJI) will das adiabatische Quantencomputing zuverlässiger machen. Bei diesem Verfahren entwickelt sich das Quantensystem kontinuierlich von einem Ausgangszustand hin zur optimalen Lösung eines komplexen Problems, wie es in Physik, Finanzen oder Logistik vorkommt. Im Gegensatz zum digitalen Quantencomputing, bei dem die Quantenbits in klar abgegrenzten Einzelschritten gekoppelt werden, erfolgt die Veränderung beim adiabatischen Verfahren gleichmäßig und fließend. Um einen echten Quantenvorteil zu erreichen – also Rechenleistungen, die klassische Computer nicht liefern können – müssen Fehler im System erkannt und korrigiert werden. Bisher konzentrierte sich die Forschung auf digitales Quantencomputing. Das Projekt entwickelt nun Fehlerkorrektur- und Fehlervermeidungsstrategien, die speziell auf die analogen Verfahren zugeschnitten sind.

    Immunonkologie
    Das deutsch-israelische Forschungsteam um Professor Johannes Huppa (Charité – Universitätsmedizin Berlin) und Johnathan Arnon (Hadassah-Hebrew University Medical Center) entwickelt im Projekt A Novel Preclinical Platform for Selecting T-cell Receptors (TCR) in Adoptive TCR-T-cell Cancer Therapy neue Ansätze, um T-Zell-Therapien gegen Krebs wirksamer zu machen. Diese Therapieformen beruhen auf der Verwendung zytotoxischer T-Zellen, die durch genetisch veränderte T-Zell-Rezeptoren (TCR) Tumorantigene erkennen und solide Tumoren gezielt zerstören. In der klinischen Anwendung können Tumoren jedoch der Erkennung entgehen, T-Zellen durch vorausgegangene Therapien geschwächt werden und Autoimmunreaktionen auftreten. Zudem bilden gängige Labormodelle die komplexen Interaktionen zwischen Tumor und T-Zellen nicht präzise ab und liefern daher nur begrenzt Vorhersagen für den klinischen Verlauf. Das Projekt untersucht die zellulären und molekularen Mechanismen der Tumorerkennung durch genetisch modifizierte TCR-T-Zellen – mit besonderem Fokus auf das Tumor-assoziierte Antigen NY-ESO-1 – und entwickelt eine präklinische Plattform, um patientenabgeleitete T-Zellen und unterschiedliche NY-ESO-1-gerichtete TCRs realitätsnah zu bewerten. So sollen T-Zell-Therapien künftig präziser zugeschnitten und gleichzeitig sicherer werden.

    Bakterielle Infektionsmechanismen
    Viele krankmachende Bakterien nutzen winzige Nanomaschinen, die Typ-III-Sekretionssysteme (T3SS), um Proteine direkt in Wirtszellen einzuschleusen. Wie Bakterien dabei die richtigen Proteine schnell und präzise liefern, ist bislang kaum verstanden. Das Projekt Spatial Targeting of Secretion Substrate mRNAs to Type III Secretion Systems in Gram-Negative Pathogens von Professor Marc Erhardt von der Humboldt-Universität zu Berlin und Professorin Orna Amster-Choder von der HUJI untersucht nun, ob die mRNA dieser Proteine gezielt zu den T3SS transportiert wird und so eine schnelle Sekretion ermöglicht. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich mRNA in lokalen Clustern nahe den T3SS ansammelt, um die Proteine bei Bedarf vor Ort zu produzieren. Ziel des Projekts ist es, die genauen Signale in der mRNA und die bakteriellen Faktoren zu identifizieren, die eine gezielte Lokalisierung steuern könnten. Das Verständnis dieses möglichen Mechanismus könnte nicht nur Einblicke in bakterielle Infektionsverläufe, sondern auch neue Ansätze für antimikrobielle Therapien liefern – etwa Infektionen zu blockieren, ohne die Bakterien abzutöten und so die Entstehung von Antibiotikaresistenzen zu bekämpfen.

    Einstein Guest Researcher (Academic Freedom)

    Im Programm der Wissenschaftsfreiheit hat der Vorstand die Förderung für zwei Wissenschaftlerinnen bewilligt. Die Namen und Projekte der Einstein Guest Researchers werden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht bekannt gegeben.

    Einstein Postdoctoral Grant

    Aktivistische Stadtplanung
    Elya Milner, Forscherin am Center for Metropolitan Studies der Technischen Universität Berlin, untersucht die Arbeit von aktivistischen Planungsorganisationen in Städten, in denen systemische Ungleichheiten und politische Gewalt über staatliche Machtstrukturen ausgeübt werden. Das Projekt konzentriert sich auf Planact in Johannesburg, das afrikanische Gemeinden in den letzten Jahren der Apartheid unterstützte, sowie auf Bimkom in Ostjerusalem, das Palästinenser:innen im Westjordanland unter israelischer Besatzung betreut. Ziel ist es, die ambivalente und komplexe Natur aktivistischer Planung in solchen politischen Kontexten zu erforschen. Das Projekt führt den Begriff „radical advocacy planning“ ein, um Planungsansätze zu beschreiben, die unterschiedliche, mitunter widersprüchliche Positionen und Ziele vermitteln und aushandeln. Dazu gehört beispielsweise, die Rolle von Planer:innen als professionelle „Insider“ im Planungssystem mit ihrem Engagement für Basisaktivismus in Einklang zu bringen oder kurzfristige taktische Lösungen für lokale Probleme mit langfristigen Strategien für systemischen politischen Wandel zu vereinbaren. Das Projekt liefert neue Erkenntnisse für Planungstheorie, -praxis und -lehre und verdeutlicht die Rolle von Stadtplaner:innen in sozialen und politischen Kämpfen.

    Bakterielle Immunabwehr
    Philipp Popp, Gruppenleiter bei Professor Marc Erhardt am Institut für Biologie der Humboldt-Universität zu Berlin, wird in seinem Projekt BacDefiant eine Arbeitsgruppe etablieren, um zu untersuchen, wie Bakterien ihre Abwehrsysteme gegen Bakteriophagen (Phagen) koordinieren. Mit modernster Mikroskopie und Mikrofluidik werden einzelne Zellen in Echtzeit verfolgt, um zu entschlüsseln, wann und wie verschiedene Verteidigungsmechanismen zusammenwirken. Das Projekt verbindet Mikrobiologie, Live-Cell-Imaging und synthetische Biologie, um Bakterien-Phagen-Interaktionen auf Einzelzellebene zu verstehen. Die Ergebnisse könnten ein detailliertes Bild der bakteriellen Immunität liefern und unser Verständnis der Faktoren verbessern, die den Erfolg phagenbasierter Behandlungsansätze beeinflussen könnten.

    Multiple Sklerose
    Sara Samadzadeh, aktuell Clinician-Scientist (Postdoc) bei Professor Friedemann Paul am Experimental and Clinical Research Center (ECRC), einer gemeinsamen Einrichtung der Charité und des Max Delbrück Center, untersucht Multiple Sklerose (MS) und verwandte neuroinflammatorische Erkrankungen. Diese chronischen Erkrankungen des zentralen Nervensystems zeichnen sich durch individuell unterschiedliche Symptome und schwer vorhersagbare Verläufe aus. Ziel des Projekts ist die Weiterentwicklung von Diagnostik und Therapie durch präzisionsmedizinische Ansätze. Hierfür werden multidimensionale Patient:innendaten – von klinischen Befunden und Bildgebung über Flüssigbiomarker, Multi-Omics- und genetische Daten bis hin zu Darmmikrobiom und Lebensstilfaktoren – systematisch erhoben und integriert. Mithilfe Künstlicher Intelligenz und modernen Analyseverfahren sollen in den umfangreichen Datensätzen Muster erkannt und Modelle entwickelt werden, die frühe Krankheitssignale erkennen, Verläufe prognostizieren und personalisierte Therapieentscheidungen unterstützen. Auf diese Weise soll besser verstanden werden, warum MS und verwandte Erkrankungen Patient:innen unterschiedlich betreffen, und langfristig auch bei anderen neuroinflammatorischen Erkrankungen eine frühere, präzisere Diagnostik sowie wirksamere, individuell angepasste Versorgung ermöglicht werden.

    Einstein Visiting Fellow

    Psychische Gesundheit
    Weltweit sind Millionen Menschen von komplexen psychischen Störungen wie Schizophrenie, bipolaren Störungen oder therapieresistenter Depression betroffen. Diese Erkrankungen schränken Lebensqualität, soziale Teilhabe und Alltagsfunktion erheblich ein und sprechen oft nicht auf Behandlungen an. In Berlin entsteht nun ein neues interdisziplinäres Zentrum, das Forschung, klinische Studien und innovative Ansätze für betroffene Menschen zusammenführt. Brendon Stubbs, Senior Researcher am King’s College London, startet hier als Einstein Visiting Fellow gemeinsam mit Professor Kerem Böge und Einstein-Professor Malek Bajbouj ein vierjähriges Projekt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Das Projekt kombiniert körperliches Training und Mind-Body-Therapien mit vielversprechenden Substanzen wie Kreatin und Oxytocin, um gezielt Symptome, körperliche Fitness und soziale Teilhabe zu verbessern. Die Patient:innen gestalten die Intervention aktiv mit, die anschließend in einer groß angelegten klinischen Studie getestet wird. Ziel ist die Entwicklung integrativer, skalierbarer Behandlungsansätze für komplexe psychische Erkrankungen.

    Autismusforschung
    Verlängert wird die Förderung von Jackie Schiller, Professorin am Technion - Israel Institute of Technology. Die Neurowissenschaftlerin forscht seit Anfang 2022 als Einstein Visiting Fellow gemeinsam mit dem Team um Professorin Sarah Shoichet und Professor Dietmar Schmitz (beide Charité – Universitätsmedizin Berlin) zu Autismus-Spektrum-Störungen. Ursprünglich startete das Projekt mit dem Ziel, den Einfluss von Veränderungen im Protein Caspr2 auf Autismus zu untersuchen. Während dieser Arbeit machte das Team eine überraschende Entdeckung, der sie nun in der neuen Förderphase nachgehen. Gemeinsam wollen sie untersuchen, wie das Lernen komplexer Regeln einen epigenetischen Fingerabdruck hinterlässt, der in nachfolgenden Generationen durch nichtkodierende RNA die Erregbarkeit von Neuronen und somit komplexe erlernte Fähigkeiten epigenetisch „vererbt“. Ziel ist es, diese physiologischen Marker für Lernprozesse systematisch zu analysieren und deren Bedeutung für Autismus-relevante Lern- und Verhaltensauffälligkeiten zu untersuchen. So sollen neue Einblicke in die zellulären und molekularen Grundlagen von Lernen und Vererbung gewonnen werden – mit möglicher Relevanz für zukünftige Therapie- und Interventionsansätze.

    Einstein-Zentrum

    Das Einstein Center for Early Disease Interception (EC-EDI) hat sich zum Ziel gesetzt, Krankheiten bereits im Frühstadium zu erkennen und zu bekämpfen, wenn nur einzelne veränderte Zellen im Körper vorhanden sind und sich noch keine Symptome zeigen. Es baut auf einer zweijährigen Vormodulphase auf, in der das innovative Forschungsfeld der zellbasierten Präventionsmedizin gefördert wurde. Mit seiner Vollförderung über die nächsten sechs Jahre mit einem Gesamtfördervolumen von sechs Millionen Euro wird das institutionenübergreifende Zentrum den Schwerpunkt auf die beschleunigte Entwicklung, Integration und Anwendung neuer Schlüsseltechnologien legen. Dazu zählen Methoden der Einzelzell-Multiomik und räumlichen Biologie, hochentwickelte präklinische Patient:innenmodelle sowie lösungsorientierte Ansätze auf Basis Künstlicher Intelligenz, um Krankheiten möglichst frühzeitig zu diagnostizieren und noch vor dem Auftreten von bemerkbaren Symptomen gezielt zu behandeln.

    Unter dem Dach des Zentrums – repräsentiert von einem interdisziplinären Sprecherteam aus Professor Leif Erik Sander (Direktor der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und Arbeitsgruppenleiter am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH)), Professor Nikolaus Rajewsky (Hauptansprechperson; Direktor des Berliner Instituts für Medizinische Systembiologie des Max Delbrück Center und Professor an der Charité); Janine Altmüller (Leiterin der Core Unit Genomics am BIH) und Professor Jens Kurreck (Geschäftsführender Direktor des Instituts für Biotechnologie, Technische Universität Berlin) – arbeiten Forscher:innen, Kliniker:innen und Expert:innen von zwölf führenden Berliner Institutionen zusammen, darunter die Charité – Universitätsmedizin Berlin, das Berlin Institute of Health in der Charité, das Max Delbrück Center, die Technische Universität Berlin, die Freie Universität Berlin, die Humboldt-Universität zu Berlin sowie weitere außeruniversitäre Einrichtungen wie das Museum für Naturkunde und Max-Planck-Institute. Durch diese enge Zusammenarbeit sollen Forschungsergebnisse schnell in Anwendungen übersetzt werden, die sowohl medizinischen Nutzen als auch gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mehrwert schaffen. Durch die Kooperation mit regionalen, nationalen und internationalen Netzwerken soll Berlin zudem als herausragender internationaler Standort für zellbasierte Präventionsmedizin etabliert werden.

    Einstein Research Unit

    Zum 1. Januar 2026 startet außerdem die neue Einstein Research Unit „Technologies in Global Health – From innovation to users (and back)“. In Zusammenarbeit mit sieben afrikanischen Partnerinstitutionen in Ghana, Tansania und Uganda erforschen Wissenschaftler:innen der Berlin University Alliance unter der Leitung von Einstein-Professorin Beate Kampmann (Charité) und Professor Uli Beisel (Freie Universität Berlin), wie Gesundheitstechnologien – von Impfstoffen über Diagnostika im Bereich antimikrobieller Resistenzen bis hin zu innovativen Ansätzen für psychische Gesundheit – entwickelt, getestet, angepasst und erfolgreich in Anwendung gebracht werden können. Im Mittelpunkt steht dabei die Perspektive der Nutzer:innen: Welche Bedingungen fördern die Akzeptanz neuer Technologien, welche hemmen sie, und wie lassen sich Lösungen gemeinsam mit lokalen Partnern optimal an regionale Bedürfnisse anpassen?

    Einstein Research Units sollen langfristig angelegte Forschungsverbünde in wichtigen Forschungsfeldern der Berlin University Alliance aufbauen. Anträge in diesem Programm begutachtet die Wissenschaftliche Kommission der Einstein Stiftung, die Finanzierung erfolgt durch Mittel, die der Einstein Stiftung für die Berlin University Alliance zur Verfügung gestellt werden.

    Die Einstein Stiftung Berlin ist eine gemeinnützige, unabhängige und wissenschaftsgeleitete Einrichtung, die 2009 als Stiftung bürgerlichen Rechts gegründet wurde. Sie fördert Wissenschaft und Forschung fächer- und institutionenübergreifend in und für Berlin auf internationalem Spitzenniveau. Rund 250 Wissenschaftler:innen – unter ihnen drei Nobelpreisträger –, über 70 Projekte und zehn Einstein-Zentren wurden bislang gefördert.

    Für die Wissenschaft. Für Berlin.


    Original publication:

    https://www.einsteinfoundation.de/presse/2026/07012026-1/26


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    Criteria of this press release:
    Journalists
    interdisciplinary
    transregional, national
    Research projects
    German


     

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