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01/07/2026 16:57

Biotenside: Eine nachhaltige Alternative für Reinigungs- und Körperpflegemittel

Dr. Claudia Vorbeck Presse und Öffentlichkeitsarbeit
Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB

    Eine Alternative zu chemisch synthetisierten Tensiden in Spülmittel, Haushaltsreiniger oder Duschgel sind mikrobielle Biotenside. Nach vielen Jahren intensiver Forschung und Entwicklung stellt das Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB nun Muster hochreiner Glykolipid-Biotenside bereit – vielseitig einsetzbar, biologisch abbaubar und hergestellt aus heimischen nachwachsenden Roh- und Reststoffen. Die Optimierung der Biotenside wurde auch im Rahmen des Projekts »Allianz Biotenside« erforscht. Die strategische Allianz von Partnern aus Forschung und Industrie präsentiert ihre Ergebnisse auf einer Abschlusskonferenz am 4. Februar 2026 in Stuttgart.

    Tenside sind als vielseitige Helfer aus unserem Alltag nicht wegzudenken: Die oberflächenaktiven Substanzen sorgen dafür, dass Fett und Schmutz sich lösen, Haarwaschmittel schäumen und Öl-Wasser-Gemische in Cremes stabile Emulsionen bilden. Weltweit werden pro Jahr mehr als 18 Millionen Tonnen Tenside synthetisiert, die meisten aus fossilen Rohstoffen. Hersteller setzen durchaus vermehrt auf abbaubare pflanzliche Rohstoffe, doch kommen bei der Herstellung von biobasierten Tensiden vor allem tropische Öle wie Kokosnussöl und Palm(kern)öl zum Einsatz. Wenn diese Substrate aus Kulturen auf den Flächen ehemaliger Regenwälder stammen, hat dies negative Folgen für Klima und Biodiversität.

    Alternativen sind gefragt, auch aufgrund der gestiegenen Nachfrage nach »grünen« und nachhaltigen Produkten. »Einige Mikroorganismen bilden unter natürlichen Bedingungen eine Vielzahl oberflächenaktiver Substanzen. Diese mikrobiellen Biotenside zeichnen sich durch eine große Strukturvielfalt und damit vielgestaltige Einsatzmöglichkeiten aus und sind zudem biologisch abbaubar«, weiß Dr.-Ing. Susanne Zibek vom Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB in Stuttgart. Seit vielen Jahren forscht die Wissenschaftlerin mit ihrer Arbeitsgruppe daran, die biotechnologische Herstellung von Biotensiden zu optimieren, damit diese auch wirtschaftlich wettbewerbsfähig werden.

    Vielversprechende Glykolipid-Biotenside

    Zibek untersucht am Fraunhofer IGB Vertreter von Glykolipid-Biotensiden, die aus einem Zucker als hydrophiler Kopfgruppe und einem (oder mehreren) Fettsäureester als hydrophobem Rest bestehen: Cellobioselipide (CL) und Mannosylerythritollipide (MEL). Sie werden von Mikroorganismen aus der Familie der Brandpilzverwandten (Ustilaginaceae), wie zum Beispiel Ustilago- oder Moesziomyces-Spezies, in größeren Mengen gebildet.

    »Für die Herstellung können wir erneuerbare Substrate wie Zucker oder regional verfügbare Pflanzenöle einsetzen«, so die technische Biologin und Ingenieurin. Neben den für alle Tenside typischen, die Oberflächenspannung von Wasser reduzierenden Eigenschaften, zeichnen sich einige mikrobielle Glykolipide auch durch antibakterielle, antimykotische und antivirale Eigenschaften aus, was sie für einen Einsatz in Kosmetik oder Pflanzenschutz prädestiniert.

    Optimierte biotechnologische Herstellung aus heimischen Roh- und Reststoffen

    Zur Herstellung der mikrobiellen Glykolipide werden die Mikroorganismen in Bioreaktoren kultiviert und mit Zucker und Pflanzenöl als Substrate gefüttert. »Entscheidend für ein optimales Wachstum der Mikroorganismen und eine effiziente Produktbildung sind definierte und konstante Bedingungen im Bioreaktor. Daher müssen pH-Wert, Temperatur und Sauerstoffgehalt sowie die Konzentration von Nährstoffen und Substrat am besten kontinuierlich gemessen und geregelt werden«, erklärt Zibek.

    In zahlreichen nationalen und internationalen Forschungsprojekten sowie verschiedenen Doktorarbeiten in Kooperation mit dem Institut für Grenzflächenverfahrenstechnik und Plasmatechnologie (IGVP) der Universität Stuttgart ist es Zibek und ihrem Team gelungen, die am besten geeigneten Produktionsstämme zu charakterisieren sowie die gesamte Prozessführung zu optimieren und damit stabile Fermentationsverfahren zu etablieren. Die Wirtschaftlichkeit und Reproduzierbarkeit des Herstellungsverfahrens konnten die Forschenden verbessern, indem sie beispielsweise ein teures und chargenabhängiges Komplexmedium durch ein neu definiertes Mineralsalzmedium ersetzten.

    Weiteres Potenzial liegt in der Verwendung kostengünstiger Substrate, etwa aus heimischen Rohstoffen oder biogenen Reststoffen. »Wir können unsere Glykolipide mit Zuckern aus Stroh- und Holz-Reststoffen sowie mit heimischem Rapsöl oder Insektenfett aus der Insekten-Bioraffinerie, in der Fliegenlarven organische Abfälle in Fett und Proteine umwandeln, herstellen«, sagt Zibek. Parallel untersuchte die Ingenieurin verschiedene Verfahren zur effizienten Abtrennung und Aufreinigung der Biotenside und kombinierte sie miteinander, um Biotenside in hochreiner Form (> 95 Prozent) zu produzieren.
    Biotensid-Muster für Testformulierungen und Anwendungstests

    Mit verbesserten Ausbeuten und einem robusten und skalierbaren Fermentationsprozess kann das Team nun Glykolipid-Biotenside mit definierter Zusammensetzung und entsprechenden Eigenschaftsprofilen in Reaktoren bis 75 Liter Nennvolumen herstellen. Ein Scale-up auf den 300-Liter-Maßstab ist in Planung. »Durch Variation des Produzentenstamms können wir zudem verschiedene Strukturvarianten der MEL- und CL-Biotenside herstellen«, erläutert Zibek. Aktuell erreicht das Team Produktkonzentrationen von über 20 Gramm pro Liter für CL und bis zu 50 Gramm pro Liter für MEL. »Zusätzlich können wir die Glykolipide je nach Anforderung chemisch oder enzymatisch modifizieren, etwa um Wasserlöslichkeit oder Emulgierfähigkeit zu variieren und unterstützen bei der Formulierung«, so Zibek.

    Damit öffnet das Fraunhofer IGB die Tür für Industriepartner, die Biotenside für ihre spezifischen Anwendungen testen wollen – ob in Waschmittel, Haushaltsreiniger, als Zusatz in Körperpflege- und Kosmetikprodukten oder in Spezialanwendungen.

    Strategische Allianz aus Forschung und Industrie

    Mit dem Projekt »Innovationsallianz Funktionsoptimierte Biotenside« initiierte die Bioingenieurin eine Allianz, in der neben Partnern aus der Forschung auch Firmen aus der Prozesstechnik und Chemieindustrie beteiligt waren. Ziel des Konsortiums war es, die ganze Wertschöpfungskette von Biotensiden zu untersuchen: von der Eignung heimischer nachwachsender Roh- und Reststoffe als Substrate, über Mess- und Regeltechnik zur Optimierung des Fermentationsprozesses bis zur Untersuchung der Eigenschaften und Anwendungsprofile sowie einer Ökobilanzierung der Biotenside. Das Projekt wurde in zwei Phasen vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert (www.allianz-biotenside.de).

    Abschlusskonferenz der Allianz Biotenside im Februar 2026

    Am 4. Februar 2026 lädt das Fraunhofer IGB zur Abschlusskonferenz der namhaften Allianz-Partner nach Stuttgart ein. Diese präsentieren hier erstmals ihre Ergebnisse aus sieben Jahren Forschung und zeigen auf, wie sich Biotenside aus verschiedenen Rohstoffen mit robusten, regel- und steuerbaren Fermentations- und Aufarbeitungsverfahren skalierbar herstellen lassen. Anwender stellen ausgewählte Use-Cases vor – mit Einblicken in Formulierbarkeit, Leistungsprofile und Nachhaltigkeitsaspekte.


    More information:

    https://www.igb.fraunhofer.de/de/presse-medien/presseinformationen/2026/biotensi...


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    Aufgereinigte Produktmuster für Anwendungstests: getrocknetes Cellobioselipid (CL) als weißes Pulver und Mannosylerythritollipid (MEL)
    Aufgereinigte Produktmuster für Anwendungstests: getrocknetes Cellobioselipid (CL) als weißes Pulver ...

    Copyright: Fraunhofer IGB

    Probenahme bei der MEL-Fermentation im 75-Liter-Reaktor
    Probenahme bei der MEL-Fermentation im 75-Liter-Reaktor

    Copyright: Fraunhofer IGB


    Criteria of this press release:
    Business and commerce, Journalists, Scientists and scholars
    Biology, Chemistry, Environment / ecology, Zoology / agricultural and forest sciences
    transregional, national
    Scientific conferences, Transfer of Science or Research
    German


     

    Aufgereinigte Produktmuster für Anwendungstests: getrocknetes Cellobioselipid (CL) als weißes Pulver und Mannosylerythritollipid (MEL)


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