Im Rhein schwimmt um ein Vielfaches mehr Müll als bislang angenommen. Forschende der Universitäten Bonn und Tübingen sowie der Bundesanstalt für Gewässerkunde haben gemeinsam mit dem Kölner K.R.A.K.E. e.V. über einen Zeitraum von 16 Monaten sogenannten Makromüll in einer deutschlandweit einmaligen schwimmenden Müllfalle gesammelt und klassifiziert. Hochrechnungen ergaben, dass rund 53.000 Teile Makromüll den Rhein in Köln täglich passieren. Einwegprodukte aus Kunststoff machen einen Großteil des Rheinmülls aus. Die Ergebnisse sind nun im Wissenschaftsjournal „Communications Sustainability“ veröffentlicht. Achtung Sperrfrist: Nicht vor Donnerstag, 8. Januar, 17 Uhr MEZ, veröffentlichen!
Wie viele Tonnen menschengemachter Müll sich in unseren Meeren befinden, ist nicht klar bezifferbar. Schätzungen gehen von mehreren Millionen Tonnen aus. Und jährlich kommt mehr Müll hinzu. Ein Großteil davon wird über die Flüsse in die Ozeane transportiert. „Um die wirkliche Menge einigermaßen abschätzen zu können, werden meist visuelle Zählungen von Makromüll durchgeführt. Im Rhein geschah das bisher aber auch nur vereinzelt“, sagt Dr. Leandra Hamann vom Bonner Institut für Organismische Biologie der Universität Bonn, die inzwischen an die University of Alberta im kanadischen Edmonton gewechselt ist. „Bislang sind das überwiegend Beobachtungen vorbeischwimmender Müllteile – man kann sich leicht vorstellen, dass bei dieser Methode weniger auffällige oder tiefer schwimmende Teile nicht erfasst werden. Jetzt nutzen wir eine genauere, kontinuierliche Langzeitmethode.“
Rund 20.000 Müllteile in 16 Monaten gesammelt
Gemeinsam mit Katharina Höreth vom Institut für Geographie der Universität Bonn, Nina Gnann vom Fachbereich für Geowissenschaften der Universität Tübingen und dem Kölner K.R.A.K.E. e.V. hat Hamann ein einmaliges bürgerwissenschaftliches Projekt gestartet: Die Wissenschaftlerinnen und Freiwillige des Vereins haben über einen Zeitraum von 16 Monaten im Rhein treibenden Müll systematisch gesammelt und klassifiziert. Möglich wurde das durch die 2022 auf Höhe der Kölner Zoobrücke installierte „RheinKrake“ – eine schwimmende Müllfalle, die auf einer Breite von drei Metern und einer Tiefe von 80 Zentimetern sogenannten Makromüll auffängt, dessen Einzelteile größer sind als ein Zentimeter. „Mit der RheinKrake wollen wir die Müllmenge reduzieren, die u.a. im Naturschutzgebiet Wattenmeer landet, und das Verantwortungsbewusstsein bei den zuständigen Behörden sowie dem Flächenbesitzer der Bundeswasserstraße wecken“, erklärt RheinKrake-Initiator Nico Schweigert. „Daher haben wir von Beginn an den Kontakt zur Uni Bonn gesucht, damit wissenschaftliche Daten zur Beschaffenheit der Müllflut gesammelt werden können.“ Besonders wichtig war dabei die lange Messdauer und dass Tag und Nacht gemessen wird.
Zwischen September 2022 und Januar 2024 wurden mithilfe zahlreicher Unterstützerinnen und Unterstützer 20.339 Makromüllteile neun verschiedener Materialarten gesammelt und nach internationalen Standards in 183 Müllarten klassifiziert. Auf das Gesamtvolumen hochgerechnet sind das im linearen Szenario etwa 53.000 Müllteile pro Tag, die Köln passieren. Jährlich entspricht das einem Gesamtgewicht von 2169 Tonnen. Gewichtete Szenarien erreichen bei der Hochrechnung Werte von bis zu 3391,8 Tonnen Müll pro Jahr im Rhein in Köln. „Auf den gesamten Rhein hochgerechnet, liegen wir damit um das 22- bis 286-fache höher als bisherige Schätzungen aus anderen Studien“, sagt Hamann.
„70 Prozent der Makromüllteile sind Kunststoffe, die allerdings nur 15 Prozent des Gewichts ausmachen – was zeigt, dass auch andere menschengemachte Materialien wie Textilien, Glas oder Keramik die Gewässer belasten.“ Hauptquelle des Makromülls sind den Auswertungen zufolge mit über 50 Prozent Dinge, die von privaten Verbraucherinnen und Verbrauchern genutzt werden. Dazu zählen u.a. Holzstäbe von Feuerwerkskörpern, Glasflaschen und Plastikdeckel von Getränkeflaschen. Häufig findet das Team außerdem fragmentierte Teile, zum Beispiel aus geschäumtem und ungeschäumtem Kunststoff, bei denen sich nicht mehr mit bloßem Auge erkennen lässt, was sie vorher waren.
Studie zeigt erste Handlungsempfehlungen auf
Aus den gewonnenen Daten leiten die Forschenden Handlungsempfehlungen ab. „Wir haben gesehen, dass Einwegprodukte einen Anteil von 40 Prozent am gesammelten Müll ausmachen, mehr als die Hälfte davon sind aus Kunststoff“, sagt Höreth. „Mehrwegprodukte hingegen hatten einen Anteil von weniger als acht Prozent, der Rest konnte nicht eindeutig zugeordnet werden.“ Eine Ausweitung des Pfandsystems auf Flaschen und Verpackungen könnte zu einer nachhaltigen Verringerung der Müllmenge in Flüssen führen.
Das RheinKrake-Projekt hat auch gezeigt, dass die Müllmenge im Jahresverlauf stark variiert – von knapp 70 bis über 2700 Teilen pro Leerung. „Nach Silvester zum Beispiel schwimmen die Reste zahlreicher Feuerwerkskörper im Rhein“, erzählt Gnann. „Zudem beobachten wir, dass steigende Wasserpegel den zurückgelassenen Müll am Rheinufer in den Fluss spülen.“ Gezielte Reinigungsaktionen und Leerung von Mülleimern vor dem Pegelanstieg könnten dieses Problem deutlich eindämmen, so die Forschenden.
Beteiligte Institutionen und Förderung:
An der Studie waren die Universität Bonn, die Universität Tübingen, der K.R.A.K.E. (Kölner Rhein-Aufräum-Kommando-Einheit) e.V. sowie die Bundesanstalt für Gewässerkunde beteiligt. K.R.A.K.E. e.V. stellte Ressourcen zur Verfügung. Das Boot, das zum Transport von Personen und Müll vom Ufer zum Müllfänger verwendet wurde, wurde K.R.A.K.E.e.V. von der Kölner Rheinau-Marina zur Verfügung gestellt. Der Verein finanziert sich sonst von Spenden.
Katharina Höreth
Geographisches Institut der Universität Bonn
E-Mail: khoereth@uni-bonn.de
Nicolas Schweigert
K.R.A.K.E. e.V.
https://krake.koeln/
E-Mail: Nicolas.schweigert@outlook.com
Nina Gnann, Katharina Höreth, Nicolas Schweigert, Mariele Evers, Thomas A. Ternes, Leandra Hamann. „The river Rhine transports around 4,000 tons of macrolitter towards the North Sea each year.” Communications Sustainability, 2025, DOI: 10.1038/s44458-025-00007-5.
https://www.nature.com/articles/s44458-025-00007-5
Im Rhein schwimmt bis zu 200-mal mehr Müll als bislang angenommen. Das haben Forschende der Uni Bonn ...
Source: Volker Lannert
Copyright: Volker Lannert / Universität Bonn
Criteria of this press release:
Journalists
Environment / ecology, Geosciences
transregional, national
Research results
German

Im Rhein schwimmt bis zu 200-mal mehr Müll als bislang angenommen. Das haben Forschende der Uni Bonn ...
Source: Volker Lannert
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