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01/12/2026 11:00

ESO-Pressemitteilung: Astronomen überrascht von mysteriöser Schockwelle um toten Stern

ESO Science Outreach Network (Dr. Markus Nielbock) Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Astronomie

    Gas und Staub, die von Sternen ins All strömen, können unter geeigneten Bedingungen mit ihrer Umgebung zusammenstoßen und dabei eine Stoßwelle erzeugen. Astronominnen und Astronomen haben nun mit dem Very Large Telescope (VLT) der Europäischen Südsternwarte (ESO) eine solche Stoßwelle um einen toten Stern abgebildet – und stehen vor einem Rätsel. Nach allem, was man bisher über die zugrunde liegenden physikalischen Prozesse weiß, dürfte es um den kleinen, ausgebrannten Stern RXJ0528+2838 eine solche Struktur eigentlich nicht geben. Diese ebenso rätselhafte wie beeindruckende Entdeckung stellt unser Verständnis darüber infrage, wie tote Sterne ihre Umgebung beeinflussen.

    „Wir haben etwas entdeckt, das man so noch nie gesehen hat – und vor allem etwas völlig Unerwartetes“, sagt Simone Scaringi, außerordentlicher Professor an der Universität Durham (Großbritannien) und einer der beiden Hauptautoren der heute in Nature Astronomy veröffentlichten Studie. „Unsere Beobachtungen zeigen einen intensiven Materiestrom, der nach unserem heutigen Verständnis gar nicht existieren dürfte“, ergänzt Krystian Ilkiewicz, Postdoktorand am Astronomischen Zentrum Nicolaus Copernicus in Warschau (Polen) und ebenfalls Hauptautor der Studie. Astronominnen und Astronomen bezeichnen Materie, die von Himmelskörpern ins All hinausgeschleudert wird, meist als „Outflow“ (Ausfluss).

    Der Stern RXJ0528+2838 ist rund 730 Lichtjahre von der Erde entfernt und bewegt sich – wie die Sonne und viele andere Sterne – auf einer Bahn um das Zentrum unserer Galaxis. Auf diesem Weg wechselwirkt er mit dem Gas, das den Raum zwischen den Sternen erfüllt, und erzeugt dabei eine spezielle Form einer Stoßfront, eine bogenförmige Stoßfront, auch Bugstoßwelle genannt. Das ist „eine bogenförmige Anordnung von Materie, ähnlich der Welle, die sich vor dem Bug eines Schiffs aufbaut“, erklärt Noel Castro Segura, Wissenschaftler an der Universität Warwick (Großbritannien) und Mitautor der Studie. Solche Bugstoßwellen entstehen normalerweise durch Material, das vom Zentralstern ausgestoßen wird. Im Fall von RXJ0528+2838 kann jedoch keiner der bekannten Mechanismen die Beobachtungen vollständig erklären.

    RXJ0528+2838 ist ein Weißer Zwerg – also der übrig gebliebene Kern eines sterbenden Sterns geringer Masse – und wird von einem sonnenähnlichen Begleiter umkreist. In solchen Doppelsternsystemen wird dem Begleitstern Materie entzogen, die auf den Weißen Zwerg übergeht und dabei häufig eine Scheibe um ihn bildet. Diese Scheibe „füttert“ den toten Stern, und ein Teil des Materials wird zugleich ins All hinausgeschleudert, wodurch starke Materieströme entstehen. Bei RXJ0528+2838 gibt es jedoch keinerlei Anzeichen für eine solche Scheibe – was den Ursprung des Materiestroms und des umgebenden Nebels zu einem Rätsel macht.

    „Die Überraschung, dass ein angeblich ruhiges System ohne Scheibe einen derart spektakulären Nebel erzeugen kann, war einer dieser seltenen ‚Wow‘-Momente“, sagt Scaringi.

    Erstmals fiel dem Team auf den Aufnahmen des Isaac-Newton-Teleskops in Spanien ein merkwürdiger Nebel um RXJ0528+2838 auf. Wegen seiner ungewöhnlichen Form wurde das Objekt anschließend mit dem Instrument MUSE am Very Large Telescope (VLT) der ESO genauer untersucht. „Die Beobachtungen mit MUSE ermöglichten es uns, die bogenförmige Stoßfront detailliert zu kartieren und ihre Zusammensetzung zu analysieren. Das war entscheidend für die Bestätigung, dass die Struktur tatsächlich aus dem Doppelsternsystem selbst stammt und nicht von einem zufällig überlagerten Nebel oder einer interstellaren Wolke“, erklärt Ilkiewicz.

    Form und Größe der Stoßfront deuten darauf hin, dass der Weiße Zwerg seit mindestens 1000 Jahren einen starken Materiestrom ausstößt. Wie ein toter Stern ohne Scheibe so lange aktiv sein kann, wissen die Forschenden bislang nicht – aber sie haben eine Vermutung.

    Bekannt ist, dass dieser Weiße Zwerg ein starkes Magnetfeld besitzt, was nun auch durch die MUSE-Daten bestätigt wurde. Dieses Feld lenkt die dem Begleitstern entzogene Materie direkt auf den Weißen Zwerg, ohne dass sich dabei eine Scheibe bildet. „Unsere Entdeckung zeigt, dass solche Systeme auch ohne Scheibe starke Materieströme erzeugen können – und damit einen Mechanismus offenbaren, den wir bisher nicht verstehen. Das stellt das gängige Bild davon infrage, wie sich Materie in diesen extremen Doppelsternsystemen bewegt und verhält“, sagt Ilkiewicz.

    Die Ergebnisse deuten auf eine verborgene Energiequelle hin, vermutlich das starke Magnetfeld. Doch dieser „mysteriöse Motor“, wie Scaringi ihn nennt, ist noch längst nicht verstanden. Die Daten zeigen nämlich, dass das heutige Magnetfeld eigentlich nur ausreichen würde, um eine solche Stoßfront über einige hundert Jahre aufrechtzuerhalten – und erklärt damit nur einen Teil dessen, was die Astronominnen und Astronomen beobachten.

    Um die Eigenschaften solcher Materieströme in scheibenlosen Systemen besser zu verstehen, müssen nun viele weitere Doppelsternsysteme untersucht werden. Das künftige Extremely Large Telescope (ELT) der ESO ist dazu geeignet, „mehr dieser Systeme – auch lichtschwächere – zu kartieren und ähnliche Objekte im Detail zu untersuchen, um letztlich die rätselhafte Energiequelle zu verstehen, die bisher ungeklärt ist“, blickt Scaringi voraus.

    Weitere Informationen

    Die Ergebnisse dieser Forschung wurden in einem Fachartikel mit dem Titel „A persistent bow shock in a diskless magnetised accreting white dwarf“ veröffentlicht, der in der Zeitschrift Nature Astronomy erscheinen wird (doi: 10.1038/s41550-025-02748-8).

    Zum Forschungsteam gehören Krystian Ilkiewicz (Astronomisches Zentrum Nicolaus Copernicus der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Warschau, Polen, und Centre for Extragalactic Astronomy, Fachbereich Physik, Universität Durham, Großbritannien [CEA Durham]), Simone Scaringi (CEA Durham und Istituto Nazionale di Astrofisica, Osservatorio Astronomico di Capodimonte, Neapel, Italien [Capodimonte]), Domitilla de Martino (Capodimonte), Christian Knigge (Fachbereich Physik und Astronomie, Universität Southampton, Großbritannien), Sara E. Motta (Istituto Nazionale di Astrofisica, Osservatorio Astronomico di Brera, Merate, Italien, und Universität Oxford, Fachbereich Physik, Großbritannien [Oxford]), Nanda Rea (Institute of Space Sciences (ICE, CSIC), Barcelona, Spanien und Institut d’Estudis Espacials de Catalunya (IEEC), Castelldefels, Spanien), David Buckley (South African Astronomical Observatory, Südafrika [SAAO] und Department of Astronomy & IDIA, University of Cape Town, Rondebosh, Südafrika [Kapstadt] and Department of Physics, University of the Free State, Bloemfontein, Südafrika , Noel Castro Segura (Fachbereich Physik, Universität Warwick, Großbritannien), Paul J. Groot (SAAO, Kapstadt, sowie Fachbereich Astrophysik/IMAPP, Radboud-Universität Nijmegen, Niederlande), Anna F. McLeod (CEA Durham und Institute for Computational Cosmology, Fachbereich Physik, Universität Durham, Großbritannien), Luke T. Parker (Oxford) und Martina Veresvarska (CEA Durham).

    Die Europäische Südsternwarte (ESO) befähigt Wissenschaftler*innen weltweit, die Geheimnisse des Universums zum Nutzen aller zu entdecken. Wir entwerfen, bauen und betreiben Observatorien von Weltrang. Astronom*innen nutzen sie, um spannende Fragen zu beantworten und die Faszination der Astronomie zu wecken. Außerdem fördern wir die internationale Zusammenarbeit in der Astronomie. Die ESO wurde 1962 als zwischenstaatliche Organisation gegründet. Heute wird sie von 16 Mitgliedsländern (Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Schweiz, Spanien, und Tschechien) sowie dem Gastland Chile und Australien als strategischem Partner unterstützt. Der Hauptsitz der ESO sowie das Besucherzentrum und Planetarium, die ESO Supernova, befinden sich in der Nähe von München in Deutschland. Die Teleskope der ESO stehen in der chilenischen Atacama-Wüste, einem wunderbaren Ort mit einzigartigen Bedingungen für die Himmelsbeobachtung. Die ESO betreibt drei Beobachtungsstandorte: La Silla, Paranal und Chajnantor. Auf dem Paranal stehen das Very Large Telescope (VLT) mit dem zugehörigen Very Large Telescope Interferometer (VLTI) sowie Durchmusterungsteleskope wie VISTA. Ebenfalls am Paranal wird die ESO das südliche Feld des Cherenkov Telescope Array (CTAO) betreiben, das größte und empfindlichste Gammastrahlen-Observatorium der Welt. Zusammen mit internationalen Partnern betreibt die ESO auf dem Hochplateau von Chajnantor das Atacama Large Millimeter/submillimeter Array (ALMA) zur Beobachtung des Himmels im Millimeter- und Submillimeterbereich. Auf dem Cerro Armazones, nahe dem Paranal, errichten wir derzeit das Extremely Large Telescope (ELT). Es wird das größte optische Teleskop der Welt sein und wird oft als „das weltweit größte Auge am Himmel“ bezeichnet. Von unseren Büros in Santiago de Chile aus unterstützen wir unsere Aktivitäten im Land. Außerdem arbeiten wir mit chilenischen Partnern und der Gesellschaft zusammen.

    Die Übersetzungen von englischsprachigen ESO-Pressemitteilungen sind ein Service des ESO Science Outreach Network (ESON), eines internationalen Netzwerks für astronomische Öffentlichkeitsarbeit, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus allen ESO-Mitgliedsländern (und einigen weiteren Staaten) vertreten sind. Deutscher Knoten des Netzwerks ist das Haus der Astronomie in Heidelberg.

    Medienkontakte

    Bárbara Ferreira
    ESO Media Manager
    Garching bei München, Deutschland
    Tel: +49 89 3200 6670
    Mobil: +49 151 241 664 00
    E-Mail: press@eso.org

    Markus Nielbock (Pressekontakt Deutschland)
    ESO Science Outreach Network und Haus der Astronomie
    Heidelberg, Deutschland
    Tel: +49 6221 528-134
    E-Mail: eson-germany@eso.org


    Contact for scientific information:

    Krystian Ilkiewicz
    Nicolaus Copernicus Astronomical Center
    Warschau, Polen
    Tel: +48 223296134
    E-Mail: ilkiewicz@camk.edu.pl

    Simone Scaringi
    Centre for Extragalactic Astronomy, Department of Physics, Durham University
    Durham, Großbritannien
    Mobil: +44 7737 980235
    E-Mail: simone.scaringi@durham.ac.uk

    Noel Castro Segura
    Department of Physics, University of Warwick
    Coventry, Großbritannien
    Tel: +44 7859 761377
    E-Mail: noel.castro-segura@warwick.ac.uk


    Original publication:

    Krystian Ilkiewicz et al., “A persistent bow shock in a diskless magnetised accreting
    white dwarf”, Nature Astronomy (2026). DOI: 10.1038/s41550-025-02748-8


    More information:

    https://www.eso.org/public/germany/news/eso2601/ – Originalpressemitteilung der ESO mit weiteren Bildern und Videos


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    ESO Logo
    Source: ESO

    VLT-Aufnahme eines toten Sterns, der beim Durchqueren des Weltraums eine Schockwelle erzeugt
    VLT-Aufnahme eines toten Sterns, der beim Durchqueren des Weltraums eine Schockwelle erzeugt
    Source: ESO/K. Ilkiewicz and S. Scaringi
    Copyright: CC BY 4.0


    Criteria of this press release:
    Journalists, Scientists and scholars
    Physics / astronomy
    transregional, national
    Research results, Scientific Publications
    German


     

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