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01/13/2026 11:53

Soziale Ungleichheit kann Wirtschaftskrisen auslösen

Stefanie Terp Stabsstelle Kommunikation, Events und Alumni
Technische Universität Berlin

    Studie zeigt: Das Risiko für Rezessionen wächst, je größer die Kluft zwischen Arm und Reich wird

    Eine kleine Gruppe von ausgesprochen wohlhabenden Haushalten, die deutlich mehr Einkommen erzielen als die Mehrheit der übrigen: Das ist nach Berechnungen eines Forscherteams der TU Berlin und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) eine gefährliche Mischung für die Gesellschaft, die schlagartig zu einer Wirtschaftskrise führen kann.

    „Das Ergebnis unserer Studie ist, dass die Wirtschaft von wenigen Akteur*innen beeinflusst werden kann, die sehr viel Kapital besitzen – und die können durch ihr Verhalten auch eine Rezession auslösen“, sagt Eckehard Schöll, emeritierter Professor für Physik an der TU Berlin, einer der drei Autoren der wissenschaftlichen Untersuchung, die in der Fachzeitschrift „Physical Review Letters“ erschienen ist.

    Die Erkenntnisse seien „relativ unerwartet“, erklärt Schöll, da in der klassischen Ökonomie meist externe Faktoren als Auslöser für eine Rezession gesehen würden: Internationale Konflikte, höhere Zölle, Störungen von globalen Lieferketten – all das kann sich negativ auf Handel, Beschäftigung und Wirtschaftswachstum auswirken.

    Beschreibung mit Hilfe statistischer Physik

    Prof. Dr. Eckehard Schöll und seine Kollegen Dr. Jobst Heitzig und Sören Nagel – beide vom PIK – zeigen nun, dass die Gefahr von Rezessionen auch aus dem Inneren der Gesellschaft kommen kann. Ihre Studie bietet einen neuen Erklärungsansatz dafür, wie Konjunkturzyklen entstehen, indem sie gesellschaftliche Wechselwirkungen mithilfe statistischer Physik beschreibt. „Wir haben präzise mathematische Methoden“, betont Schöll, der sich seit vielen Jahren mit der Untersuchung sozioökonomischer Prozesse beschäftigt. „Das ist unser Vorteil. Es geht nicht um Spekulation oder Interpretation.“ Auch empirische Daten unterstützten die Ergebnisse der Studie, betonen die Forscher.

    Betrachtet werden Einkommen sowie Sparrate und deren Schwankungen

    Basis ihrer Berechnungen ist ein mathematisches Modell, in dem das Spar und Konsumverhalten von sehr vielen Agenten (Haushalten) in einem Netzwerk (der Gesellschaft) abgebildet wird. Dazu kommen drei dynamische Variablen: die Höhe des Einkommens, die Sparrate und die Schwankungen der Sparrate – weil Haushalte mal mehr, mal weniger Geld ausgeben oder zurücklegen. Dabei zeigt sich: Solange Einkommen und Sparrate der meisten Haushalte nahe beieinander liegen, bleibt die Wirtschaft stabil. Tut sich dagegen eine Lücke auf zwischen einigen wenigen Haushalten, die viel Kapital anhäufen, und einer Mehrzahl von anderen, die kaum Geld zum Sparen oder Konsumieren besitzen, kann das System abrupt kippen.

    Ansatz: Akteur*innen sind nur begrenzt rational und imitieren andere

    Beim Zusammenspiel der wirtschaftlichen Akteur*innen spielt nämlich der Zufall eine gewisse Rolle: „Wir gehen von einer nur begrenzten Rationalität der Akteur*innen aus. Das heißt, diese optimieren nicht völlig präzise ihr Verhalten für ein bestmögliches Ergebnis jetzt und in der Zukunft“, so Schöll. Stattdessen imitierten sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den ihnen bekannten Akteur*innen mit dem höchsten Konsum. „Jeder Agent in unserem Modell schaut also auf die anderen und kopiert mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit das Konsum- und Sparverhalten derer, die am besten leben, also am meisten konsumieren.“ Das gebe Menschen, die überproportional viel verdienen, auch einen überproportional hohen Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen – vor allem, wenn sie plötzlich ihr Verhalten ändern. Etwa, indem sie ihre Sparquote ändern, was dann viele Agenten kopieren, so dass sich der Gesamtkonsum der Bevölkerung und die Wirtschaftskraft abrupt ändern. Ein bistabiles System kann so von einem Zustand in den anderen kippen. „Was wir zeigen, ist: Eine kleine Gruppe von sehr einflussreichen Hochverdiener*innen, die sehr viel Kapital haben, kann eine Wirtschaftskrise auslösen“, so Schöll.

    Wirtschaftskrisen und Staubildung ähneln sich

    Der vielfach ausgezeichnete Physiker sieht in der wirtschaftlichen Dynamik, die in der Studie zum Ausdruck kommt, Parallelen zur Staubildung im Straßenverkehr: Bewegen sich die meisten Fahrzeuge mit ähnlicher Geschwindigkeit voran, fließt der Verkehr – große Gegensätze dagegen bringen ihn ins Stocken. „Staus entstehen ebenfalls spontan, aus dem Nichts heraus“, sagt Schöll. „Und zwar dann, wenn die Fluktuation der Geschwindigkeit sehr groß ist. Das heißt, es gibt sehr schnelle Autos und sehr langsame.“

    Deshalb seien Geschwindigkeitsbegrenzungen ein wirksames Mittel, um das Risiko von Staus zu verringern. Ähnlich verhalte es sich mit Prozessen in der Wirtschaft. „Wenn es große Unterschiede gibt im Reichtum der Bevölkerung, dann wächst das Risiko, dass eine Rezession ausgelöst wird.“ Der Zeitpunkt lasse sich nicht präzise vorsagen, so Schöll – lediglich, dass die Wahrscheinlichkeit wachse, je größer der Kontrast zwischen den gesellschaftlichen Gegenpolen von Arm und Reich werde. Dem entgegenzuwirken, „das ist eine Frage an die Politik.“

    Zusätzliche Informationen:

    Sören Nagel, Jobst Heitzig, Eckehard Schöll, Macroscopic Stochastic Model for Economic Cycle Dynamics, Physical Review Letters 134, 047402 (2025)
    https://journals.aps.org/prl/abstract/10.1103/PhysRevLett.134.047402

    Ergänzende Erklärungen der Autoren:
    Supplementary Material on: Capital Inequality Induced Business Cycles
    https://journals.aps.org/prl/supplemental/10.1103/PhysRevLett.134.047402/SM_Revi...

    Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
    Prof. Dr. Dr.h.c. Eckehard Schöll, Ph.D.
    Institut für Physik und Astronomie
    Fakultät II Mathematik und Naturwissenschaften
    Technische Universität Berlin
    E-Mail: schoell@physik.tu-berlin.de


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    Criteria of this press release:
    Journalists
    Economics / business administration, Mathematics
    transregional, national
    Research results
    German


     

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