Eine Aneignung Grönlands würde die Sicherheit der USA eher schwächen als stärken, warnt die Konstanzer Politikwissenschaftlerin Gabriella Gricius. Die Expertin für Sicherheitspolitik in der Arktis zeigt die Hintergründe der US-Interessen an Grönland auf – und nimmt die europäischen Staaten in die Pflicht, wenn es um eine tragfähige Sicherheitspolitik für die arktische Region geht.
Nachdem die US-Regierung unter Präsident Donald Trump jüngst erneut Besitzansprüche über Grönland geltend macht, wächst in Europa die Sorge über die sicherheitspolitische Lage in der Arktis. Die Politikwissenschaftlerin Gabriella Gricius vom Zukunftskolleg der Universität Konstanz erforscht in ihrem Projekt „Mapping Strategic Convergence: The Arctic and Hybrid Threats in Northern Europe”, wie sich die europäische Sicherheitspolitik im Norden neu aufstellen muss. Gricius empfiehlt die Bildung einer nordischen Sicherheitsgemeinschaft durch europäische Verteidigungsabkommen bezüglich der Nordsee und Arktis. Außerdem stellt die Politikwissenschaftlerin klar: Eine Annexion oder ein Kauf Grönlands werde die Sicherheit der USA und der NATO nicht etwa stärken, sondern empfindlich schwächen.
Die nationale Sicherheit der USA werde bereits hinreichend durch das bestehende trilaterale Verteidigungsabkommen zwischen Grönland, Dänemark und den USA gewährleistet, schlussfolgert Gricius: „Die USA erhalten schon heute alles von Grönland, was sie zur Verteidigung ihres Heimatlandes benötigen, insbesondere durch den US-amerikanischen Militärstützpunkt in Grönland, die Pituffik Space Base (ehemals Thule Air Base). Der Kauf Grönlands oder seine Eroberung durch unrechtmäßige Mittel würde der nationalen Sicherheit der USA, der Sicherheit der NATO und der allgemeinen Sicherheit der liberalen, auf internationalen Regeln basierenden Ordnung zuwiderlaufen.” Schließlich gefährde eine Annexion den Zusammenhalt der NATO und die Beziehungen zu Europa. „Ohne die NATO und die Unterstützung durch ihre europäischen Verbündeten wären die USA auf der Weltbühne wesentlich schwächer gestellt. Das würde es für Staaten wie Russland und China einfacher machen, in anderen Ländern Fuß zu fassen“, warnt Gricius.
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Zum Weiterlesen: Wie sprechen Dänemark und die USA über Grönland – und wie inszeniert Grönland sich selbst? https://t1p.de/92oe5
Gricius, G. (2025). Constructing low tension: The role of experts and narratives in the case of Greenland. Cooperation and Conflict, 60(4), 647-674. https://doi.org/10.1177/00108367251364175 (Original work published 2025)
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Das Interesse der USA an Grönland ist jedenfalls alles andere als neu, zeigt Gricius auf: „Die US-Regierung hat bereits zuvor wiederholt Interesse daran bekundet, Grönland zu erwerben: 1867, 1910, 1946, 1955 und nun auch unter Präsident Trump 2019 und 2025.“ Die Politikwissenschaftlerin rät jedoch zu diplomatischeren Optionen: „Anstatt Grönland zu bedrohen oder es kaufen zu wollen, sollte die US-Regierung lieber die diplomatischen Beziehungen zu Grönland ausbauen und in langfristige Partnerschaften investieren. Das könnte zum Beispiel in Form einer Neuverhandlung des Verteidigungsabkommens oder durch mehr Finanzhilfen für Grönland geschehen“, zieht die Politikwissenschaftlerin ihr Fazit. „Zumindest derzeit haben die Grönländer kein Interesse, Teil der USA zu werden: Im Januar 2025 stimmten 85 Prozent der grönländischen Bevölkerung gegen einen Beitritt zu den USA, auch wenn eine breite Mehrheit (84 Prozent) eine Unabhängigkeit von Dänemark anstrebt.“
Die Rolle Europas in der Arktis
Betrachtet man Grönland nicht isoliert, sondern die europäische Sicherheitspolitik in der Arktis im Ganzen, gibt es nach Ansicht von Gabriella Gricius nur eine Möglichkeit: „Die nordischen Akteure müssen sich neu orientieren. Entscheidungen in der Arktis betreffen nicht allein arktische Staaten. Vielmehr spielen baltische und nordeuropäische Akteure eine Rolle, weil das Einsatzgebiet nicht isoliert betrachtet werden kann“, führt die US-Amerikanerin aus. Gricius Forschung zeigt, dass eine nordische Sicherheitszusammenarbeit durch ein modulares und flexibles Modell gestaltet sein kann. Eine wichtige Rolle spielten dabei informelle Beziehungen, betont die Politikwissenschaftlerin, sowohl zwischen Regierungsbeamten als auch im Kontext militärischer Übungen.
„Wir befinden uns in einer neuen Findungsphase der nordischen Sicherheitszusammenarbeit“, skizziert Gricius. „Die nordischen Staaten unterliegen derzeit keinen Beschränkungen hinsichtlich ihrer Zusammenarbeit, insbesondere seit Finnland und Schweden der NATO beigetreten sind. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, diese Phase zu nutzen, in der alle Staaten einen Anreiz zur Zusammenarbeit haben.“
Konkret geht es Gabriella Gricius um zwei Aspekte der europäischen Sicherheitspolitik: erstens um die Bildung einer nordischen Sicherheitsgemeinschaft durch Verteidigungsabkommen und gemeinsame operative Planung in der Arktis; zweitens um die Erhöhung des Schutzes kritischer Infrastrukturen in der Nordsee als Reaktion auf hybride Bedrohungen. Zwar sei laut Gricius ein offener militärischer Konflikt in der Arktis unwahrscheinlich, doch hybride Bedrohungen wie zunehmende Drohnenaktivitäten, physische Sabotageakte an kritischer Infrastruktur (z. B. Unterwasserkabel und Pipelines) und Desinformation dürften weiter zunehmen. „Die nordeuropäischen Länder mögen zwar ein ähnliches Verständnis von hybriden Bedrohungen haben, doch gibt es Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Reaktion darauf und anhaltende Herausforderungen, ihre Verteidigungsstrategien zusammenzubringen.“ Das habe Konsequenzen nicht nur für die NATO, sondern auch für Deutschland als nordeuropäischer Staat mit Interessen in der Ostsee.
Hintergrund: Warum Grönland?
Grönland ist ein autonom verwaltetes Gebiet in der Arktis, das zu Dänemark gehört. Die USA sprachen unter Präsident Trump wiederholt von einer Aneignung Grönlands und schlossen auch militärische Mittel nicht aus. Für das Interesse an Grönland gebe es zwei Hauptgründe, erläutert Gabriella Gricius: erstens strategische Sicherheitsüberlegungen, zweitens der Zugriff auf kritische Rohstoffe. „Derzeit sind die USA bei zwölf Mineralien, die als kritisch eingestuft werden, zu 100 Prozent von Importen abhängig, bei weiteren 29 Mineralien zu 50 Prozent. Grönland verfügt über viele dieser Bodenschätze und kann als Möglichkeit gesehen werden, die Abhängigkeit von Importen aus China zu verringern“, so Gricius.
Für Verteidigungszwecke war Grönland vor allem während des Kalten Krieges für die USA von Bedeutung. „Durch seine Lage war Grönland ein wichtiger Standort für die Verfolgung ballistischer Raketen, die von Russland aus die Vereinigten Staaten erreichen könnten. Ein entsprechendes Radarsystem wurde ursprünglich in den 1950er-Jahren gebaut, in den 1980er-Jahren aufgerüstet und 2009 modernisiert“, erläutert Gricius. Erst am 14. Januar 2026 bekräftigte Trump, der Besitz Grönlands sei entscheidend für den „Golden Dome“ – ein Raketenabwehrsystem, mit dem die USA in Zukunft aus dem Weltraum Raketen und Marschflugkörper abfangen wollen. Auch für die Seefahrt war Grönland seither von Bedeutung, um den Zugang der russischen Marine zum Atlantik zu überwachen.
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Zur Person:
Gabriella Gricius ist Postdoctoral Fellow am Zukunftskolleg der Universität Konstanz. Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin erforscht die Sicherheitspolitik in der Arktis und Nordeuropa, sowohl in Bezug auf Verteidigungsfragen als auch unter Klima- und Umweltaspekten. Sie skizziert Entscheidungsprozesse und Muster in der Sicherheitspolitik und konzentriert sich dabei insbesondere auf die Bildung einer Sicherheitsgemeinschaft in Nordeuropa und die hybride Kriegsführung in der Nordsee.
Mehr Informationen zu Gabriella Gricius: https://www.gabriellagricius.com/
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Hinweis an die Redaktionen:
Ein Foto steht zum Download bereit: https://www.uni-konstanz.de/fileadmin/pi/fileserver/2026/gabriella_gricius.JPG
Bildunterschrift: Gabriella Gricius, Postdoctoral Fellow am Zukunftskolleg der Universität Konstanz
Copyright: Gabriella Gricius
Gabriella Gricius, Postdoctoral Fellow am Zukunftskolleg der Universität Konstanz
Copyright: Gabriella Gricius
Criteria of this press release:
Journalists
Politics, Social studies
transregional, national
Research projects, Transfer of Science or Research
German

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