Die Universität Bonn hat ihren eigenen Supermarkt eröffnet. Ananas, Dosentomaten und Semmelknödel sind dort ordentlich in schwarzen Regalen aufgereiht. Auf 55 Quadratmeter Fläche ist so ziemlich alles für den täglichen Bedarf zu haben. Die “Kundschaft” ist jedoch eine ganz besondere: Es handelt sich um Probandinnen und Probanden, die an wissenschaftlichen Studien teilnehmen. Forschende aus der Lebensmittel- und Ressourcenökonomik, Psychologie, Ökonomie und Verhaltensforschung untersuchen dort, wie sich etwa durch Produktplatzierung und andere Anreize Impulse für einen gesundheits- und nachhaltigkeitsorientierten Einkauf setzen lassen. Auch Roboter zeigen dort ihr Können.
Nirgendwo Werbeschilder, kein Fahrradständer mit Firmenlogo: Wer vor dem weißen Gebäudekomplex “Am Probsthof” steht, ahnt nicht, dass sich darin das Abbild eines kleinen Supermarkts verbirgt. Werbung braucht es auch nicht - denn der “Labor-Supermarkt” dient rein wissenschaftlichen Zwecken. Wer hierher kommt, wurde als Testperson gekürt und darf sich zwischen den Regalen tummeln. Was ausgewählt wird, soll mit wissenschaftlicher Akribie festgehalten werden.
Der Leiter des Labor-Supermarkts Junior-Professor Dr. Dominic Lemken steht an der Kasse und deutet auf die dort bereitstehende „Quengelware“. „Normalerweise sind hier Schokoriegel oder Kaugummis platziert, weil sich insbesondere Kinder in der Warteschlange umsehen und hier bevorzugt zugreifen möchten“, sagt er. „Was wäre, wenn hier nicht Süßigkeiten, sondern gesundes Obst liegen würde?“ Schon sind wir mitten in einer der Fragestellungen, die hier untersucht werden können – sozusagen am lebenden Probanden.
Kaufanreize für nachhaltige und gesunde Ware schaffen
Legt man Bananen in die Nähe des Kassenraums, dann werden sie rund ein Drittel mal häufiger gekauft als an anderen Ecken des Supermarkts. Das ist bei Marketingstrategen längst bekannt. Doch welche Anreize lassen sich in einem solchen Selbstbedienungsladen sonst noch schaffen, damit die Kundschaft bevorzugt zu gesünderen Produkten mit weniger Fett, Zucker oder Salz greift? Wie müssen die Packungen platziert und gestaltet sein, dass vor allem auch nachhaltig produzierte Ware eine Chance hat? Alle reden von Tierwohl – wie finden diese Produkte trotz höherer Preise einen guten Absatz?
All das – und noch viel mehr – soll hier mit wissenschaftlichem Anspruch untersucht werden. Ihr Mitwirken fällt den Teilnehmenden nicht schwer, denn als Kunde fühlt man sich wie in einem „normalen“ Supermarkt. Kameras zeichnen die Kaufentscheidung auf – mit einer speziellen Software, die die Identifizierung von Personen unmöglich macht. Es sind lediglich Silhouetten zu erkennen. „Wir können nur feststellen, wie viele der Testpersonen zu Packungsvariante A oder B greifen“, erläutert Lemken.
Die Universität Bonn hat bereits mit virtuellen Supermärkten experimentiert. Dabei sitzen die Probandinnen und Probanden am Bildschirm, steuern mit der Tastatur scheinbar einen Einkaufswagen zwischen den Regalen durch und können in dieser gepixelten Welt bestimmte Produkte auswählen. Das ist erfahrungsgemäß stichhaltiger als reine Umfragen. „Der Labor-Supermarkt ist aber nochmals realistischer“, sagt Lemken. „Hier können die Leute noch besser in ihre Kaufgewohnheiten verfallen, die wir dann auswerten.“ Schließlich wird beim echten Einkauf auch nicht unbedingt das gekauft, was auf dem Zettel steht. Häufig locken dann ganz andere Produkte. Dann wird es für die Wissenschaft interessant.
Wenn Roboter die Regale beladen
Auch Forschende des Humanoid Robots Lab an der Universität Bonn führen hier Experimente durch. „Wir testen zum Beispiel, wie sich Regale effizient und kundenorientiert von Robotern beladen lassen und lernen von Menschen präferiertes Roboterverhalten“, sagt Prof. Dr. Maren Bennewitz. „Mit den Ergebnissen optimieren wir dann unsere Systeme für den Supermarkt, aber auch für Anwendungen in häuslichen Umgebungen wie etwa Haushaltshilfen oder Pflege“, ergänzt Doktorand Nils Dengler.
Die Universität Bonn bessert mit dem eigenen Selbstbedienungsladen nicht ihre Haushaltskasse auf. „Wir generieren keine Einnahmen aus den Studien“, macht der Leiter des Labor-Supermarkts deutlich. Interessierte können sich für Studien bewerben und bekommen dann einen Gutschein in bestimmter Höhe. Die ausgewählte Ware dürfen Sie in der Regel mit nachhause nehmen und nutzen. Schließlich soll das üppige Warensortiment auch nicht verderben. Bleibt doch einmal etwas übrig, das nahe an der Mindesthaltbarkeitsgrenze ist, dann geht es an die „Tafeln“ oder sonstige Hilfsinitiativen. Auch hier wird Nachhaltigkeit groß geschrieben.
Interessierte können sich für Studien melden
Der Labor-Supermarkt ist noch nicht ganz fertig: Ein paar Anschlüsse für Kabel fehlen noch. Doch seit kurzem herrscht bereits Betrieb für die ersten Studien. Unter https://t1p.de/fi17i können sich Interessierte als Testperson melden. So geht’s: Über den Link registrieren, Experiment und Zeit auswählen, dann vorbeikommen und gratis für wissenschaftliche Zwecke einkaufen.
Beteiligte Institutionen und Finanzierung:
Als Anschubfinanzierung haben viele aus der Universität Bonn über zentrale Mittel hinaus zum Gelingen des ersten Labor-Supermarkts beigetragen: die Agrar-, Ernährungs- und Ingenieurwissenschaftliche Fakultät, die Transdisziplinären Forschungsbereiche „Modelling“ (TRA 1) und „Sustainable Futures“ (TRA 6), das Humanoid Robots Lab und das Centre for Artificial Intelligence and Neuroscience.
Junior-Prof. Dr. Dominic Lemken
Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomie
Sozioökonomie der nachhaltigen Ernährung
Universität Bonn
Tel. +49 (0)17661562139
E-Mail: dominic.lemken@ilr.uni-bonn.de
Junior-Prof. Dr. Dominic Lemken im neuen Labor-Supermarkt der Universität Bonn: Obst in der Nähe des ...
Copyright: Foto: Gregor Hübl/Uni Bonn
Im neuen Labor-Supermarkt der Universität Bonn: Forschende untersuchen hier das Kaufverhalten von St ...
Copyright: Foto: Gregor Hübl/Uni Bonn
Criteria of this press release:
Journalists, all interested persons
Economics / business administration, Environment / ecology, Nutrition / healthcare / nursing
transregional, national
Organisational matters, Research projects
German

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