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01/22/2026 14:20

Kohle, Holz und Küchenluft: Smog-Quellen von Sarajevo identifiziert

Dr. Mirjam van Daalen Abteilung Kommunikation
Paul Scherrer Institut (PSI)

    Sie gehört zu den Städten mit der höchsten Luftverschmutzung weltweit – und liegt mitten in Europa: Sarajevo, die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Die räumliche Verteilung der Luftschadstoffe und deren Quellen waren bisher weitgehend unbekannt. Mit seinem mobilen Labor liefert das Paul Scherrer Institut PSI nun erstmals verlässliche Daten – und findet die Ursachen für die hohe Belastung.

    Sarajevo, die Olympiastadt von 1984, ist immer für Rekorde gut – leider auch bei der Luftverschmutzung. Im Winter ist der Himmel der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina in Südosteuropa noch stärker mit Feinstaub belastet als die Luft in der chinesischen Hauptstadt Beijing. Das zeigt das Forschungsprojekt SAAERO (Sarajevo Aerosol Experiment), an dem Forschende aus acht Ländern beteiligt waren. Neben dem Labor für Atmosphärenchemie am Zentrum für Energie- und Umweltwissenschaften des PSI waren die Universität von Nova Gorica, Slovenien, und das hydrometeorologische Bundesinstitut in Bosnien und Herzegovina federführend. Anfang 2023 fuhr das Team von André Prévôt durch Sarajevo und absolvierte innerhalb von drei Wochen 39 Messfahrten – durch dicht bebaute Wohnquartiere an den Hängen des engen Tals über Hauptverkehrsachsen bis ins Stadtzentrum. Zum Einsatz kam das Smog-Mobil des PSI. Der Kastenwagen enthält ein komplettes mobiles Labor mit modernsten Instrumenten zur Bestimmung der Luftqualität. Die Ergebnisse sind nun in der Fachzeitschrift Environment International erschienen.

    «Mit den mobilen Messungen haben wir erstmals sichtbar gemacht, wo besonders hohe Belastungen auftreten», sagt Prévôt, der das Labor für Atmosphärenchemie am PSI leitet. «Teilweise gibt es grosse Unterschiede zwischen benachbarten Strassenzügen.» Auch die Ursachen konnten die Forschenden ausmachen: «Vor allem das Heizen mit festen Brennstoffen wie Holz und Kohle in Wohnquartieren treibt abends die Feinstaubkonzentration in die Höhe», so Prévôt. Rund zwei Drittel aller Messungen lagen über dem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Tagesgrenzwert für Feinstaub (PM2.5) von fünfzehn Mikrogramm pro Kubikmeter. Kurzzeitig traten sogar Spitzen von mehreren Hundert Mikrogramm pro Kubikmeter auf.

    Ungleiche Belastung am Abend

    Tagsüber ist die Feinstaubbelastung innerhalb der Stadt recht gleichmässig verteilt. Abends steigen die Konzentrationen in bestimmten Vierteln stark an – vor allem in Wohngebieten ausserhalb des Zentrums. Dort stammen bis zu sechzig Prozent der organischen Feinstaubpartikel aus Holzheizungen. Das PSI-Team fand zudem hohe Konzentrationen von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, die als krebserregend gelten.

    Auch im Altstadtviertel Baščaršija im Osten der Stadt ist die Luft belastet. Diese Emissionen stammen aber nicht vom Heizen mit Holz, sondern aus den Küchen der vielen Restaurants. «Man hat hier immer den Geruch von gegrilltem Fleisch in der Nase», sagt Katja Džepina, Mitautorin der Studie und Teil des PSI-Teams. Einen Vorteil gibt es für die hier Anwohnenden: In der Nacht fliesst von Osten frische Luft ins Tal, die Werte für Schadstoffe sinken schneller als im Westen.

    Schwefeldioxid aus alten Kraftwerken

    Ein weiterer Schadstoff in der Luft ist Schwefeldioxid. 81 Prozent aller europäischen Emissionen dieses Gases stammen vom Westbalkan – vorwiegend von alten Kohlekraftwerken aus sowjetischer Zeit. Als die PSI-Forschenden mit ihrem mobilen Labor in Zürich losfuhren, waren die Werte für Schwefeldioxid kaum messbar. Doch sobald sie Bosnien-Herzegowina im Balkan erreichten, schnellten die Werte in die Höhe und blieben hoch, insbesondere in den Tälern in und um Sarajevo.

    Um die Luft über Sarajevo zu verbessern, müssten möglichst viele Gebäude gedämmt und an das Gasnetz angeschlossen werden. Dies ist nicht überall einfach, insbesondere an den Hängen, und deshalb ist eine schnelle Lösung nicht in Sicht. Sauberere Pelletheizungen wären neben dem Gas auch eine praktikable Lösung.

    Tausende Tote durch Luftschadstoffe

    Das hat Folgen für die Gesundheit. In einer internationalen Studie, die im vergangenen Jahr in Nature erschien und an der André Prévôt ebenfalls beteiligt war, hatten Forschende untersucht, wie toxisch Luftschadstoffe sind. Dabei kommt es nicht allein auf die Menge des Feinstaubs an, kritisch ist vor allem der oxidative Stress in der Lunge, der Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auslösen und zu frühzeitigen Todesfällen führen kann. Schon in dieser Studie war Sarajevo unrühmlicher Spitzenreiter. Gelänge es, die Luftschadstoffe um 50 Prozent zu senken, könnte das in Bosnien-Herzegowina 5000 Menschenleben pro Jahr retten, schätzen die Forschenden.

    André Prévôt empfiehlt, die Messungen der Luftqualität im Westbalkan zu verstetigen, durch den Aufbau von sogenannten Supersites. Das sind feste Messstellen, die kontinuierlich über Jahre die Luftwerte erfassen und somit vergleichbar machen. «Die Region ist nach wie vor nicht ausreichend erforscht», so Prévôt. Diese Lücke möchte sein Team in den kommenden Monaten zumindest teilweise schliessen. Dann sollen weitere Daten aus der Messkampagne von Anfang 2023 ausgewertet werden. Die Forschenden wollen unter anderem der Frage nachgehen, wie die Konzentration von Schwefeldioxid die Chemie in der Atmosphäre verändert.

    Text: Bernd Müller

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    Über das PSI

    Das Paul Scherrer Institut PSI entwickelt, baut und betreibt grosse und komplexe Forschungsanlagen und stellt sie der nationalen und internationalen Forschungsgemeinde zur Verfügung. Eigene Forschungsschwerpunkte sind Zukunftstechnologien, Energie und Klima, Health Innovation und Grundlagen der Natur. Die Ausbildung von jungen Menschen ist ein zentrales Anliegen des PSI. Deshalb sind etwa ein Viertel unserer Mitarbeitenden Postdoktorierende, Doktorierende oder Lernende. Insgesamt beschäftigt das PSI 2300 Mitarbeitende und ist damit das grösste Forschungsinstitut der Schweiz. Das Jahresbudget beträgt rund CHF 450 Mio. Das PSI ist Teil des ETH-Bereichs, dem auch die ETH Zürich und die ETH Lausanne angehören sowie die Forschungsinstitute Eawag, Empa und WSL.


    Contact for scientific information:

    Prof. Dr. André Prévôt
    PSI Center for Energy and Environmental Sciences
    Paul Scherrer Institut PSI

    +41 56 310 42 02
    andre.prevot@psi.ch
    [Deutsch, Englisch]


    Original publication:

    Assessing the severe urban pollution crisis in Sarajevo, Bosnia and Herzegovina: mobile measurements and source characterization
    Bauer M, Slowik JG, Via M, Khare P, Chazeau B, Glojek K, et al.
    Environment International, 06.01.2026 (online)
    DOI: 10.1016/j.envint.2025.110009


    More information:

    https://www.psi.ch/de/news/medienmitteilungen/sarajevos-smog-ursachen-identifizi... – Medienmitteilung auf der Webseite des Paul Scherrer Instituts PSI


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    André Prévôt ist Forscher am Zentrum für Energie- und Umweltwissenschaften des Paul Scherrer Instituts PSI. Gemeinsam mit Forschenden aus acht Ländern hat er die Ursache des berühmt-berüchtigten Smogs in Sarajevo aufgeklärt.
    André Prévôt ist Forscher am Zentrum für Energie- und Umweltwissenschaften des Paul Scherrer Institu ...
    Source: Markus Fischer
    Copyright: Paul Scherrer Institut PSI

    Das Smog-Mobil des PSI ist ein mobiles Labor mit modernsten Instrumenten zur Bestimmung der Luftqualität. PSI-Forschende fuhren damit nach Sarajevo, um die dortige Luftverschmutzung zu untersuchen.
    Das Smog-Mobil des PSI ist ein mobiles Labor mit modernsten Instrumenten zur Bestimmung der Luftqual ...
    Source: Mahir Dzambegovic
    Copyright: Paul Scherrer Institut PSI


    Criteria of this press release:
    Journalists
    Environment / ecology
    transregional, national
    Research results, Scientific Publications
    German


     

    André Prévôt ist Forscher am Zentrum für Energie- und Umweltwissenschaften des Paul Scherrer Instituts PSI. Gemeinsam mit Forschenden aus acht Ländern hat er die Ursache des berühmt-berüchtigten Smogs in Sarajevo aufgeklärt.


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