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02/09/2026 12:13

Wenn Sport politisch wird

Lutz Ziegler Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Ob es uns gefällt oder nicht, Sport ist längst politisch. Eine neue Studie an der Universität Würzburg untersucht das Zusammenspiel von Sport und Macht am Beispiel der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking.

    Seit dem 6. Februar 2026 laufen die Olympischen Winterspiele Milano Cortina, tausende Athletinnen und Athleten messen sich dort in 16 Disziplinen. Geht es nach der neuen Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOK), Kristy Coventry, so sollen sich diese und zukünftige Spiele auf ihren Kern konzentrieren – und das sei der Sport; nicht etwa die Politik. Doch wie realistisch ist so eine strikte Trennung überhaupt?

    Ob Olympische Winterspiele in Russland (2014) oder China (2022), Fußballweltmeisterschaft in Russland (2018), Katar (2022) oder anstehend auch in den USA (2026) – um viele sportliche Großereignisse waberte in den letzten Jahren ein Begriff: Sportswashing.

    Die Idee ist simpel: Unternehmen oder Staaten nutzen sportliches Engagement, zum Beispiel Sponsoring oder eben die Ausrichtung von Großereignissen, um ihr Image aufzupolieren und etwa von Menschenrechtsverletzungen abzulenken.

    Tobias Thune Jacobsen, Doktorand am Lehrstuhl für Sportwissenschaften der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU), nimmt Sportswashing am Beispiel der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking genauer unter die Lupe.

    Sein Artikel „Understanding the interplay of sportswashing and soft power in the case of the Beijing 2022 Winter Olympics” erschien am 28. Januar 2026 in der Fachzeitschrift International Journal of Sport Policy and Politics.

    Persönliche Erfahrung als Inspiration

    Für Jacobsen ist Sportswashing nicht nur graue Theorie. Als Teil des dänischen Curling-Teams erlebte er die Olympischen Spiele in Peking hautnah mit: „Die Erfahrung hat mein Interesse an diesem Forschungsfeld mit Sicherheit angefeuert“, so der Sportwissenschaftler. Nun trägt er dazu bei, den ursprünglich durch den Journalismus geprägten Begriff wissenschaftlich zu untersuchen.

    Durch die Analyse von Medienbeiträgen sowie offiziellen Dokumenten und Werbematerialien verfolgt Jacobsen nach, wie die Volksrepublik China das Event zu nutzen versuchte, wie die weltweiten Reaktionen ausfielen und welche Formen von politischer Macht mit Sportswashing einhergehen.

    Wie aus Sport Macht entsteht

    Auf der weltpolitischen Bühne wird Sport längst als Mittel der Einflussnahme eingesetzt. Die Forschung spricht hier von einer Form der Soft Power. „Im Gegensatz zu Hard Power, also militärischer oder wirtschaftlicher Macht, nutzt Soft Power subtilere Wege. Kulturelle Attraktivität soll helfen, ein positives Bild einer Nation zu zeichnen – und letztlich ihren Einfluss zu stärken. Sport als universelles Mittel der Verständigung spielt hier eine zentrale Rolle“, erklärt Jacobsen.

    Gerade im Vorfeld der Spiele in China dominierten Debatten um Menschenrechtsverletzungen – etwa den Umgang mit der Minderheit der Uiguren – den Diskurs. Mehrere Staaten boykottierten die Spiele diplomatisch, entsendeten also keine politischen Vertreter. Athletinnen und Athleten befürchteten, bei kritischen Äußerungen an der Teilnahme gehindert zu werden.

    China bemühte sich, die Debatten zu überspielen. Das Motto der Spiele – Together for a Shared Future – stellte internationalen Zusammenhalt statt kultureller Differenzen in den Mittelpunkt. „Insgesamt kann man drei Kernpunkte der chinesischen Strategie ausmachen: Einigkeit, technische Innovation und Nachhaltigkeit. Die Staatsmedien gaben diese Narrative kontinuierlich wieder“, so Tobias Thune Jacobsen.

    Ob solche Bestrebungen als legitime Form der Soft Power oder als Sportswashing wahrgenommen werden, hängt von mehreren Faktoren ab.

    Kritik lässt mit der Zeit nach

    Eine Theorie besagt, dass kritische Stimmen im Verlauf von sportlichen Großereignissen häufig zurückgehen. „Eine Medien-Analyse bestätigt das auch für Peking 2022. Die Häufigkeit kritischer Begriffe – Boykott, Menschenrechte oder Uiguren – war in der europäischen Berichterstattung rückläufig“, berichtet Jacobsen. Man könne demnach argumentieren, dass sich die Wahrnehmung über die Zeit positiv verändert hat – von der Idee des Sportswashing hin zu einer positiveren Form von Soft Power.

    Auch durch strenge Restriktionen der Medien sowie der Athletinnen und Athleten gelang es der Gastgebernation häufig, das Narrativ der Spiele zu kontrollieren und Kritik zu minimieren. Eine entscheidende Rolle spielt hierbei auch das IOK, welches durch die Vergabe an China überhaupt erst die Tür für die mögliche Generierung von Soft Power öffnete.

    Geht es immer um Außenwahrnehmung?

    Erfolgreiches Sportswashing ist für undemokratische Staaten dennoch ein komplexes Unterfangen, da kritikwürdige Umstände automatisch mit in den Fokus rücken. Doch internationales Ansehen ist nicht das alleinige Ziel: „Sportswashing kann auch nach innen gerichtet sein, um einen Geist der nationalen Einigkeit zu beschwören, das politische System zu legitimieren und eventuell sogar bewusst ein ‚Wir-gegen-die‘-Gefühl zu erzeugen. Die Forschung spricht hier von negativer Soft Power“, erklärt Jacobsen.

    Sportliche Erfolge werden in diesem Fall genutzt, um die Stärke des Systems zu untermauern. Die Athletinnen und Athleten trugen ihren Teil bei, mit insgesamt 15 Medaillen – neun davon in Gold – erreichten sie ein chinesisches Rekordergebnis bei Winterspielen.

    Wenn die eigentlichen Ziele also mindestens ebenso innenpolitisch wie außenpolitisch liegen, müsse man die westliche Perspektive hinterfragen, mahnt Tobias Thune Jacobsen: „Um dieses Zusammenspiel besser zu erfassen, habe ich den Begriff reverse Sportswashing entwickelt. Analog zu negativer Soft Power sollten wir uns mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass Regime den Vorwurf von Sportswashing gezielt umkehren und nutzen, um ihre Macht im Inneren zu stärken.“

    Die Debatte um Sportswashing ist also komplexer als oft dargestellt, ein rein moralisches Urteil wird ihr nicht gerecht. „Um wirklich zu verstehen, wie und warum Sport politisch genutzt wird, braucht es kritischen Journalismus und Forschung. Einfache Gegensätze – Sportswashing; ja oder nein? Boykott; ja oder nein? – reichen dazu nicht aus.“


    Contact for scientific information:

    Tobias Thune Jacobsen, Lehrstuhl für Sportwissenschaften, E-Mail: tobias-thune.jacobsen@stud-mail.uni-wuerzburg.de


    Original publication:

    Jacobsen, Tobias Thune: „Understanding the interplay of sportswashing and soft power in the case of the Beijing 2022 Winter Olympics”; in International Journal of Spot Policy and Politics, 28 Jan 2026, doi: 10.1080/19406940.2026.2618789


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    In Szene gesetzt: Bei den Olympischen Winterspielen in Peking inszenierte sich China auf der Weltbühne.
    In Szene gesetzt: Bei den Olympischen Winterspielen in Peking inszenierte sich China auf der Weltbüh ...
    Source: Tobias Thune Jacobsen

    Einigkeit als Motto – mehr Schein als Sein?
    Einigkeit als Motto – mehr Schein als Sein?
    Source: Tobias Thune Jacobsen


    Criteria of this press release:
    Business and commerce, Journalists, Scientists and scholars
    Politics, Sport science
    transregional, national
    Research results
    German


     

    In Szene gesetzt: Bei den Olympischen Winterspielen in Peking inszenierte sich China auf der Weltbühne.


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