+++FORSCHUNGSTICKER UNI BONN: Jungsteinzeitliche Darstellung aus der Perspektive der Ägyptologie+++
UM WAS GEHT ES?
Es geht um das älteste genauer zu bestimmende Stern-Bild aus der Menschheitsgeschichte, das aus dem Vierten Jahrtausend stammt und proto-ägyptischen Religion im Niltal ausdrückt. Eine Prunk-Palette aus Girza stellt einen Kuhkopf mit fünf Sternen dar, und genau dieses Bildmotiv zeigen auch einige weitere frühe Bilder aus anderen Orten im Niltal. Diese Darstellungsweise ist sehr viel konkreter als andere, weil sie sowohl den Umriss zeigt als auch ganz deutlich die relevanten Haupt-Sterne angibt. Das Spezifikum bei dem Sternen-Kuhkopf ist, eine Gestalt in die Tausende Sterne am Nachthimmel hineinzusehen und auf diesem Weg Ordnung in die Vielfalt zu bringen. Über die Assoziation Sternen-Kuhkopf und Himmelsgöttin soll Sinn in die Welt der Erscheinungen gebracht werden. Parallel dazu kennen wir von anderen Bildern der Jungsteinzeit im Niltal das Bildmotiv Frauenkörper mit Sonne als Kopf.
WIE LÄSST SICH DAS GÖTTERBILD DEUTEN?
Das jungsteinzeitliche Bild von der Himmelsgöttin hat zwei Seiten: den Taghimmel mit der Sonnenscheibe als “Sonnenfrau” und den Nachthimmel als “Sternenkuh”. Die Herausforderung an die Vorstellungskraft scheint mir der Wechsel zwischen Tag und Nacht gewesen zu sein. Dieser regelhaft wiederkehrende Wandel wurde götter-bildlich gedeutet als periodische Ablösung von Sonnen-Frau und Kuhkopf. Für die Deutung des Kuhkopfes als weiblich kommt uns die pharaonenzeitliche Bildwelt zu Hilfe, denn die Himmelsgöttin Hathor hatte eine Kuhgestalt.
SIE SEHEN EINEN BEZUG ZUM STERNBILD ORION?
Alle fünf Sterne zusammen bilden das Sternbild, das wir unter dem griechischen Namen Orion kennen. Dafür spricht die doch auffällige Konfiguration, zudem auch historisch, dass dieses Sternbild unter dem Namen „Zehe“ auch in der Astronomie und Astrologie der pharaonischen Zeit zu den wichtigsten Stern-Bildern gehörte. Die Sterne am Himmel waren dieselben, nur wurden sie in einer Denk- und Darstellungsrevolution der Pharaonenzeit zu einem anderen Stern-Bild gestaltet. Solcherart Veränderung von religiösen bildlichen Vorstellungen kennen wir zwischen dem 4. und dem 3. Jahrtausend mehrfach. Der Kuhkopf bietet eine für die Ägypter kulturell und sakral bedeutungsvolle Gestalt an, schafft also ein Ordnungsmuster am „Himmelszelt“.
WELCHE BEDEUTUNG HAT DIESE GÖTTIN?
Die Himmelsgöttin in beiderlei Gestalt (Sternen-Kuhkopf und Sonnen-Frau) eröffnet uns in bemerkenswerter Konkretheit ein Fenster in religiöse Vorstellungen und deren bildliche Gestaltung vor 5.500 Jahren und damit in eine Zeit, über deren religiöse Vorstellungen wir – im Vergleich zu unserem Wissen über die pharaonenzeitliche Religion mit ihren vielen Quellen – bisher nur sehr allgemeine Aussagen und Vermutungen treffen konnten. Tatsächlich bestätigt dies eine seinerzeit völlig spekulative Deutung des Kulturphilosophen Walter Benjamin: Demnach begann das Lesen sehr früh, noch ohne Sprache, aus Zeichen wie Sternen oder Tänzen. Später halfen Runen und Bilder. So entstand Sprache als höchste Form des Nachahmens und als großes Gedächtnis für Menschen.
Prof. Dr. Ludwig D. Morenz
Universität Bonn
Abteilung für Ägyptologie
Mitglied im Transdisziplinären Forschungsbereich „Present Pasts“
Tel. 0228/735733
E-Mail: lmorenz@uni-bonn.de
Ludwig D. Morenz: Vom Sternenbild zum Götterbild. Neuer Denkraum im spätneolithischen Niltal und ein urtiefer Mythos um die Himmelsgöttin, Hans-Bonnet-Studien zur Ägyptischen Religion 5, EBVerlag, 22,80 Euro
Eine Prunk-Palette aus Girza stellt einen Kuhkopf mit fünf Sternen dar (Kairo, JdE 34173).
Copyright: Foto: David Sabel
Criteria of this press release:
Journalists, all interested persons
Cultural sciences, History / archaeology, Language / literature, Religion
transregional, national
Research projects, Scientific Publications
German

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