Nicht nur Wälder, sondern auch Grasländer und Feuchtgebiete werden weltweit immer schneller in Acker- und Weideflächen umgewandelt – häufig für die Viehzucht und den Export von Agrarprodukten. Ein internationales Team hat nun erstmalig global analysiert, wo, zu welchem Zweck und wie schnell natürliche Nicht-Wald-Ökosysteme in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt werden. Sie zeigen, dass die ökologisch sehr wertvollen Gebiete fast viermal so schnell umgeformt werden wie Wälder. Die Wissenschaftler*innen betonen in ihrer Studie, dass es umfassendere Schutzstrategien benötigt, die über Wälder hinausgehen und auch den Konsum und internationale Nachfragestrukturen berücksichtigen.
Grasländer sind weit mehr als nur „grüne Flächen“ – sie gehören zu den oft unbeachteten Leistungsträgern unseres Planeten. Etwa 20 bis 35 Prozent des weltweit gebundenen Kohlenstoffs werden in diesen Ökosystemen gespeichert. Damit tragen sie dazu bei, den Klimawandel abzumildern. Gleichzeitig liegen rund 33 Prozent der globalen Biodiversitäts-Hotspots in Graslandregionen. „Ob als Wasserspeicher, Schutz vor Bodenerosion oder Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten: Grasländer liefern wichtige Ökosystemleistungen, von denen sowohl lokale Gemeinschaften als auch das globale Klima unmittelbar profitieren“, erläutert Erstautorin Dr. Siyi Kan vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt und fährt fort: „Während es bereits sehr viele Studien zu Entwaldung, deren Ursachen und Auswirkungen gibt, wurde die Umwandlung von Nicht-Wald-Ökosystemen – besonders im Zusammenhang mit Viehzucht und der globalen landwirtschaftlichen Nachfrage – bisher kaum untersucht.“
Gemeinsam mit Senckenberg-Forscher und Letztautor der neuen Studie Dr. Thomas Kastner sowie Forschenden aus Schweden, den USA und den Niederlanden hat Kan untersucht, wo und in welchem Ausmaß zwischen 2005 und 2020 Grasland und Ackerflächen in ehemals natürliche Nicht-Wald-Ökosysteme vorgedrungen sind, welche landwirtschaftlichen Produkte damit verbunden waren, wofür und wo sie letztlich genutzt wurden. „Als ‚natürliche Nicht-Wald-Ökosysteme‘ bezeichnen wir alle Flächen, die keine Acker- oder Weideflächen sind, nicht kahl liegen und eine Vegetationshöhe von weniger als fünf Metern aufweisen, der gängige Schwellenwert für die Baumhöhe im Wald“, erklärt Kastner. „Wir haben festgestellt, dass diese Ökosysteme in alarmierendem Tempo in Weide- und Ackerflächen umgewandelt werden. Haupttreiber sind die Nachfrage sowohl auf dem Binnenmarkt als auch international nach verschiedenen Agrarprodukten, vor allem Fleisch, Getreide, Nüsse und Ölsaaten.“
Die Auswertung des Forschungsteams zeigt, dass innerhalb der untersuchten 15 Jahre Grasland und Feuchtgebiete fast viermal so schnell umgewandelt wurden wie Flächen mit Baumbestand. Brasilien steht mit 13 Prozent der betroffenen Fläche weltweit an der Spitze, gefolgt von Russland, Indien, China und den USA mit jeweils etwa 6 Prozent.
„Die Triebkräfte der Umwandlung von Nicht-Wald-Ökosystemen in Ackerland liegen in den Ländern, in denen die auf den umgewandelten Flächen angebauten Produkte konsumiert werden – sei es als Nahrungsmittel, Tierfutter oder für andere Zwecke wie Bioenergie. Einige Pflanzen, beispielsweise Reis und Gemüse werden direkt als Nahrungsmittel verzehrt, andere, wie Soja, Mais oder Raps dienen häufig als Tierfutter, und wieder andere werden vor allem für Bioenergie verwendet“, fasst Kan zusammen. Weltweit entfielen 54 Prozent der Ackerflächenumwandlung auf Nahrungsmittelproduktion. 34 Prozent der Ackerflächenumwandlung wurden für Tierfutter verwendet, wobei dieser Anteil in Brasilien, Argentinien, den USA, China und der EU sogar über 50 Prozent lag.
Circa 20 Prozent der globalen Ackerflächenumwandlung erfolgte für Exportproduktion, bei Futterpflanzen wie Soja und Mais waren es sogar 32 Prozent. „In Brasilien und Argentinien wurden rund 70 Prozent der umgewandelten Ackerflächen insgesamt und etwa 80 Prozent der Flächen für Futter für Exportproduktion genutzt. Dies zeigt deutlich die starke Verknüpfung der landwirtschaftlichen Produktion mit dem Konsum in wohlhabenden und schnell wachsenden Volkswirtschaften“, so Kastner.
„Unsere Ergebnisse zeigen, welche Risiken die Umwandlung landwirtschaftlicher Flächen für einzelne Regionen mit sich bringt, welche natürlichen Nicht-Wald-Ökosysteme besonders schutzbedürftig sind und wo man entlang globaler Lieferketten ansetzen kann. Da sich politische Maßnahmen bisher vor allem auf den Schutz von Wäldern konzentrieren, wächst der Druck auf andere ökologisch wichtige, aber oft übersehene Lebensräume wie Grasländer und offene Feuchtgebiete. Um zu verhindern, dass sich dieser Nutzungsdruck einfach auf andere Ökosysteme verlagert, braucht es besser abgestimmte politische Maßnahmen sowie mehr Verantwortung von Produzierenden und Konsument*innen in international vernetzten Lieferketten“, appelliert Kan.
Dr. Siyi Kan
Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum
siyi.kan@ouce.ox.ac.uk
Dr. Thomas Kastner
Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum
Tel. 069 7542 1807
thomas.kastner@senckenberg.de
S. Kan, S.A. Levy, E. Mazur, L. Samberg, U.M. Persson, L. Sloat, A.L.R. Segovia, L. Parente, & T. Kastner, Overlooked and overexploited: Extensive conversion of grasslands and wetlands driven by global food, feed, and bioenergy demand, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (9) e2521183123, https://doi.org/10.1073/pnas.2521183123 (2026).
Die Ausweitung von Weideland – vor allem für die Fleisch- und Milchproduktion – ist die bedeutendste ...
Copyright: Samuel L. Levy
Criteria of this press release:
Journalists
Biology, Zoology / agricultural and forest sciences
transregional, national
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German

Die Ausweitung von Weideland – vor allem für die Fleisch- und Milchproduktion – ist die bedeutendste ...
Copyright: Samuel L. Levy
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