--- Sperrfrist: 4.3.2026, 2:00 Uhr MEZ ---
Toronto/Freiburg, 4. März 2026. Gibt man Neugeborenen eine winzige Menge Zuckerlösung – so genannte Saccharose - in den Mund, leiden sie wahrscheinlich weniger, wenn ihnen Blut abgenommen wird. Das zeigt ein neuer Cochrane Review von überwiegend kanadischen Forschenden, der 29 Studien mit mehr als 2.700 Früh- und Reifgeborenen ausgewertet hat. Die untersuchte Methode ist einfach und kostengünstig anwendbar.
„Die Evidenz zeigt: Eine kleine Menge Saccharose, die kurz vor dem Eingriff verabreicht wird, ist eine einfache, schnelle und wirksame Methode, um Schmerzen zu verringern“, so Mariana Bueno von der Universität Toronto, die Erstautorin des Reviews. „Unser Review hilft Kliniker*innen, diese Evidenz sicherer und konsequenter in der Praxis anzuwenden.“
Die 29 Studien, die dem neuen Cochrane Review insgesamt zugrunde liegen, verglichen Saccharose – also eine Zuckerlösung aus gewöhnlichem Haushaltszucker, aufgelöst in Wasser – mit verschiedenen anderen Methoden der Schmerzlinderung. Der Cochrane Review hat die verschiedenen Teilresultate der Studien mit speziellen Methoden zusammengefasst und kommt dabei zu folgenden Ergebnissen:
• Im Vergleich zu keiner Behandlung, Wasser oder Standardversorgung reduziert die Zuckerlösung den Schmerz während und unmittelbar nach der Blutentnahme wahrscheinlich deutlich. Auf einer Schmerzskala von 0 bis 10 sanken die Werte durchschnittlich um rund 2 Punkte. (sieben Studien, 477 Neugeborene; Vertrauenswürdigkeit dieses Teil-Ergebnisses nach dem GRADE-System: moderat für die Messung während des Nadelstichs und 30 Sekunden danach)
• Ein direkter Hautkontakt zwischen Mutter und Kind kann Schmerzen lindern. Im Vergleich dazu macht die Zuckerlösung beim Schmerz während der Blutentnahme für das Neugeborene möglicherweise kaum einen oder keinen Unterschied. (zwei Studien, 208 Neugeborene; Vertrauenswürdigkeit nach dem GRADE-System: niedrig)
• Stillen kann Schmerzen beim Neugeborenen ebenfalls verringern. Im Vergleich zum Stillen lindert die Zuckerlösung den Schmerz unmittelbar während der Blutentnahme – also beim eigentlichen Pieks – wahrscheinlich stärker. Zwei Minuten nach dem Eingriff ist der Unterschied zwischen beiden Methoden möglicherweise gering. (je 1 Studie mit 103 bzw.104 Neugeborenen; Vertrauenswürdigkeit nach dem GRADE-System: moderat bzw. niedrig)
• Gibt man einem Neugeborenen zugleich Zuckerlösung und Schnuller, reduziert das den Schmerz während und nach der Blutentnahme im Vergleich zu ausschließlichem Schnullersaugen wahrscheinlich stärker. (2 Studien, 136 Neugeborene; Vertrauenswürdigkeit nach dem GRADE-System: moderat)
(Das GRADE-System ist ein international anerkannter Ansatz, um die Vertrauenswürdigkeit wissenschaftlicher Evidenz zu bewerten. Dabei wird die Vertrauenswürdigkeit in eine von vier Stufen eingestuft: sehr niedrig, niedrig, moderat und hoch. So macht das GRADE-System deutlich, wie groß bzw. klein die Restunsicherheit ist, mit der eine wissenschaftliche Evidenz behaftet ist.)
Vier der Studien, die der aktuelle Review eingeschlossen hat, haben dezidiert nach Nebenwirkungen gesucht. Keine davon berichtete von unmittelbaren Nebenwirkungen wie Würgereiz oder Atemaussetzern nach der Gabe der Zuckerlösung.
„Zuckerlösung, Schnuller, Stillen und Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Mutter und Kind schließen sich nicht gegenseitig aus – sie bilden ein Set einfacher und sicherer Methoden, die sich ergänzen und kombiniert eingesetzt werden können. Allerdings ist nicht immer jede Methode verfügbar: Stillen und Haut-zu-Haut-Kontakt sind nicht in jeder klinischen Situation möglich. Die Zuckerlösung hingegen kann nahezu immer und überall gegeben werden – und für ihren Einsatz bei Blutentnahmen haben wir mit diesem Review nun relativ gute Evidenz", ordnet Prof. Dr. Jörg Meerpohl die Ergebnisse ein. Meerpohl ist wissenschaftlicher Direktor von Cochrane Deutschland und war selbst nicht an der Erstellung des Reviews beteiligt. Die Review-Autor*innen betonen, dass Saccharose gezielt bei schmerzhaften Eingriffen eingesetzt werden solle – und nicht routinemäßig, um ein weinendes Baby zu beruhigen.
In den ausgewerteten Studien wurde die Zuckerlösung auf drei Arten gegeben: per Spritze direkt in den Mund, per Tropfer oder über einen mit der Lösung benetzten Schnuller. Die Konzentration betrug meist 24 Prozent, die Menge lag zwischen 0,1 und 2 ml. Die verschiedenen Verabreichungswege wurden nicht direkt miteinander verglichen.
Hinweis für Journalist*innen:
Um schon vor Ablauf der Sperrfrist (Mittwoch, 4.3.2026, 02:00 Uhr MEZ) auf den Entwurf des Manuskripts „Sucrose analgesia for venepuncture in neonates” zuzugreifen, verwenden Sie bitte folgenden Link:
https://cochranecollaboration.sharepoint.com/:b:/s/COCHRANE-EXTERNAL/IQDqukV0bdx...
Das Zugangspasswort lautet: EmbargoMar2026
Zum Hintergrund
Bei Frühgeborenen und kranken Neugeborenen auf neonatologischen Intensivstationen sind täglich eine Vielzahl schmerzhafter Eingriffe notwendig. Blutentnahmen gehören dabei zu den häufigsten Prozeduren. Wiederholter, unbehandelter Schmerz in der frühen Lebensphase kann die Gehirnentwicklung beeinträchtigen und das körperliche Wachstum stören. Trotzdem fehlt es im klinischen Alltag oft an systematischer Schmerzbehandlung.
Saccharose gilt seit Jahrzehnten als eine etablierte nicht-medikamentöse Schmerzintervention bei Neugeborenen und ist in mehreren internationalen Leitlinien empfohlen. Obwohl die Methode kostengünstig und einfach anzuwenden ist, bleibt ihre klinische Umsetzung uneinheitlich – unter anderem, weil einheitliche Standards für Dosierung und Verabreichungsform bislang fehlen.
Über Cochrane Deutschland
Cochrane Deutschland mit Sitz in Freiburg ist Teil der internationalen, gemeinnützigen Cochrane Collaboration. Dieses Netzwerk unabhängiger Wissenschaftler*innen erstellt systematische Übersichtsarbeiten zu verschiedensten medizinischen und gesundheitlichen Fragen – die so genannten Cochrane Reviews. Darin fassen die Forschenden die weltweite Studienlage transparent zusammen und bewerten deren Qualität. Ziel ist es, dadurch eine evidenzbasierte, verlässliche Grundlage für medizinische und gesundheitspolitische Entscheidungen zu schaffen. Seit seiner Gründung 1993 hat das Netzwerk bereits etwa 9.500 Cochrane Reviews veröffentlicht. Eine der vielen Tätigkeiten von Cochrane Deutschland ist es, besonders relevante Reviews aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen und sie so der Öffentlichkeit hierzulande leichter zugänglich zu machen.
https://www.cochrane.de
„Sucrose analgesia for venepuncture in neonates” wird in der Cochrane Database of Systematic Reviews veröffentlicht werden. Nach Ablauf der Sperrfrist (4.3.2026, 2:00 Uhr MEZ) ist der Review hier abrufbar:
https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD015221.pub2
Criteria of this press release:
Journalists, Scientists and scholars, all interested persons
Medicine, Nutrition / healthcare / nursing
transregional, national
Research results, Scientific Publications
German

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