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03/05/2026 08:28

Eine vergessene Übersetzerin der Salzburger Festspiele

Martin Brandstätter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Ljuba Metzl übersetzte vor rund 100 Jahren ein damals berühmtes Barockdrama aus dem Lateinischen ins Deutsche. Doch ihre Leistung wurde aus der Geschichte verdrängt.

    Das neulateinische Theaterstück Cenodoxus (1602) von Jakob Bidermann kennen heutzutage nur noch einige Forschende aus der Latinistik und der Germanistik. Doch von 1930 bis 1960 war die Geschichte über den Kampf himmlischer und höllischer Mächte um die Seele des Pariser Gelehrten Cenodoxus im deutschsprachigen Raum am Höhepunkt ihrer Popularität: Akteure in Wissenschaft und Kultur lobten das Stück als lateinischen Hamlet oder Faust.

    Der österreichische Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal arbeitete bereits in den 1920ern an einer Inszenierung für die Salzburger Festspiele, Regie sollte Max Reinhardt führen. Allerdings konnte Hofmannsthal dieses Vorhaben nicht mehr vor seinem Tod 1929 vollenden. „Hierauf sollen je nach Bericht Max Reinhardt, Richard Metzl oder Joseph Gregor das Projekt fortgeführt haben“, so Dr. Julia Jennifer Beine, Latinistin und Leiterin der interdisziplinären Nachwuchsgruppe „Sustainability in Translation“ der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU).

    „Wie mir bei meinen Recherchen schnell aufgefallen ist, widersprechen sich die Zeitungsartikel aus den späten 1920ern und frühen 1930ern über die Cenodoxus-Produktion für die Salzburger Festspiele teilweise sehr stark. Hierauf habe ich angefangen, die Narrative um die Produktion herauszuarbeiten und weitere Archive angefragt“, so die JMU-Forscherin. Beine konsultierte mehr als 20 Archive für ihre Recherchen zur Entstehungsgeschichte der Salzburger Cenodoxus-Inszenierung im Rahmen eines Forschungsaufenthalts in Wien, gefördert durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst.

    Das Ergebnis: Es gab insgesamt drei Anläufe für eine Cenodoxus-Produktion für die Salzburger Festspiele, zuerst vor allem durch Hofmannsthal (1920–1925), dann durch Metzl (1930/31), schließlich durch Gregor (1933), wobei stets Reinhardt die Regie führen sollte.

    „Die Beteiligten beanspruchen in den überlieferten Zeugnissen teilweise die Wiederentdeckung des Cenodoxus für sich, verschweigen die Beteiligung anderer, besonders Gregor“, so Beine, „wenn jemand sich bewusst als der große Entdecker des Cenodoxus und Erbe Hofmannsthals inszenieren möchte, stellt er sich allein ins Rampenlicht und lässt keinen Raum für andere.“ Als Erstes fällt die Übersetzerin der zweiten geplanten Produktion aus den Narrativen, Ljuba Metzl.

    Ljuba Metzls Cenodoxus-Übersetzung

    Aber wie kam Ljuba Metzl dazu, das Theaterstück zu übersetzen? „Sie war die Tochter von Richard Metzl, der laut eigenen Angaben nach Hofmannsthals Tod die Bearbeitung als Assistent von Reinhardt weiter vorantrieb“, erklärt Beine. Über dieses familiäre Band könnte Ljuba Metzl den Auftrag erhalten haben. Ein Zeitungsartikel nennt sie eine „begabte junge Philologin“. Im Archiv der Universität Wien fand Beine Inskriptionsblätter, die belegen, dass Ljuba Metzl ab dem Wintersemester 1930/31 drei Semester lang dort studierte.

    Doch um 1930 war es gar nicht so leicht für Ljuba Metzl, die Vorlage für ihre Übersetzung zu bekommen. „Zu dieser Zeit war das Drama nur schwer zugänglich. Der lateinische Text war in Druckausgaben aus dem 17. Jahrhundert nur in bestimmten Bibliotheken verfügbar, ebenso eine deutsche Übersetzung von Bidermanns Schüler Joachim Meichel von 1635“, erklärt Beine. Diese Übersetzung wurde erst im Dezember 1930 im Reclam-Verlag veröffentlicht und damit allgemein zugänglich.

    Ein Exemplar des lateinischen Textes besaß die Salzburger Studienbibliothek. Über den Kontakt zu Joseph Gregor erhielten Richard Metzl und damit auch Ljuba Metzl Fotografien des Textes. „Damals war es ein großer Aufwand, Zugriff auf einen Text zu bekommen“, so die JMU-Forscherin. Gregor nutzte die Fotografien auch später für seine eigene Bearbeitung des Dramas, die er 1933 auf die Bühne des Wiener Burgtheaters brachte – in einer Fassung, in der er das Original fast komplett umgeschrieben hatte. Unklar ist, inwieweit Gregor hierbei auch Ljuba Metzls Übersetzung nutzte, wie ein Zeitungsartikel berichtet.

    Eine verloren gegangene Übersetzung

    Gregor veröffentlichte zudem das einflussreiche Werk Weltgeschichte des Theaters (1933). Darin erwähnt ist auch Cenodoxus. „Gregor zitiert ohne Herkunftsangabe eine Passage des Stücks auf Deutsch, die nicht aus seiner eigenen Bearbeitung stammt und auch nicht aus Meichels Übersetzung und die inhaltlich sehr nah am Original dran ist“, so die Würzburger Latinistin. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um eine Version Ljuba Metzls handelt.

    Aber: „Ihre Übersetzung scheint verloren gegangen zu sein – zumindest konnte ich in den Archiven kein Manuskript ausfindig machen. Deshalb lässt sich nicht feststellen, wer die Passage in der Weltgeschichte des Theaters geschrieben hat“, sagt Beine.

    Die Entdeckung der JMU-Forscherin zeigt, wie wichtig Archive sind, um gängige Narrative von Autorschaft zu hinterfragen: „Joseph Gregor war in der Theaterwissenschaft über Jahrzehnte ein großer Name. Seine Narrative beeinflussen bis heute die Forschungsliteratur. Ljuba Metzl und ihre Geschichte dagegen kennt so gut wie niemand“, so die Latinistin.

    Zur Biografie Ljuba Metzls

    Am 18. Juni 1911 kam Ljubow „Ljuba“ Louise Ludmilla Metzl in Berlin zur Welt. In Salzburg besuchte sie das Reformrealgymnasium, um daraufhin an der Philosophischen Fakultät an der Universität Wien zu studieren. Nach drei abgeschlossenen Semestern ist Ljuba Metzls Name ab dem Sommersemester 1932 nicht mehr in den Inskriptionsblättern der Uni zu finden. „In einem zeitgenössischen Artikel wird sie als ‚Ljuba Metzl-Binder‘ genannt, was auf eine Heirat in den frühen 1930ern hindeutet. Ob das der Grund für den Studienabbruch war, ist nicht geklärt“, erklärt Beine.

    Richard Metzl wurde wahrscheinlich aufgrund der antisemitischen Ideologie der Nationalsozialisten verfolgt und floh mit seiner Familie im August 1938 aus Deutschland. Im Oktober 1941 starb er an einer unbekannten Todesursache in Paris. Über das Schicksal seiner Familie und seiner Tochter gibt es bislang keine weiteren Informationen.

    Zur Nachwuchsgruppe „Sustainability in Translation“

    Mit ihrer Nachwuchsgruppe „Sustainability in Translation“ analysiert Dr. Julia Jennifer Beine Übersetzungen und ihr Verhältnis zum Originaltext. Diese können teils deutliche Unterschiede aufweisen. Die Gruppe entwickelt einen interdisziplinären Forschungsansatz, der das Verhältnis zwischen Übersetzen und Nachhaltigkeit verdeutlicht.


    Contact for scientific information:

    Dr. Julia Jennifer Beine, Leiterin der Nachwuchsgruppe „Sustainability in Translation“, T +49 931 31-83578, julia.beine@uni-wuerzburg.de


    Original publication:

    Die Wiederentdeckung von Jakob Bidermanns „Cenodoxus“ durch Hofmannsthal, Reinhardt, Metzl und Gregor. Legendenbildung zwischen Salzburg und Wien. In: Hofmannsthal. Jahrbuch zur europäischen Moderne 33 (2025). 93–136. https://doi.org/10.5771/9783988581563


    More information:

    https://www.uni-wuerzburg.de/aktuelles/einblick/single/news/die-nachhaltigkeit-d... Mehr zur Nachwuchsgruppe


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    Über 20 Archive konsultierte Julia Jennifer Beine. Zu den ausgewerteten Archivalien gehören auch die Bände mit den Inskriptionsblättern der Universität Wien (siehe Bild).
    Über 20 Archive konsultierte Julia Jennifer Beine. Zu den ausgewerteten Archivalien gehören auch die ...
    Source: Julia Jennifer Beine
    Copyright: Julia Jennifer Beine


    Criteria of this press release:
    Journalists, all interested persons
    History / archaeology, Language / literature
    transregional, national
    Research results, Scientific Publications
    German


     

    Über 20 Archive konsultierte Julia Jennifer Beine. Zu den ausgewerteten Archivalien gehören auch die Bände mit den Inskriptionsblättern der Universität Wien (siehe Bild).


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