Wundermittelchen, die angeblich jeden Wunsch erfüllen. Fundstücke, die eine Razzia des Landeskriminalamtes in die Münsteraner Labore brachte. Tabletten-Klassiker gegen Kopfschmerzen oder Übelkeit aus der pharmazeutischen Produktion und die kleinen weißen Salben-Döschen mit roten Schraubdeckeln aus Apotheken – allen ist eines gemeinsam: Die Arzneimitteluntersuchungsstelle (AUST) des Landesamtes für Gesundheit und Arbeitsschutz Nordrhein-Westfalen (LfGA NRW) analysiert sie im behördlichen Auftrag, kontrolliert Zusammensetzung und Qualität, entlarvt falsche Versprechungen, schädliche Inhaltsstoffe und gefährliche Rückstände.
Im Zentrum der Arbeit steht dabei seit 1946 die Gesundheit der Bevölkerung durch die Sicherstellung höchster Qualität bei Arzneimitteln in und aus Nordrhein-Westfalen. Wie wichtig dieser Aspekt und die Bedeutung der AUST sind, hebt Dr. Simone Gurlit, Präsidentin des LfGA NRW, hervor: „Menschen, die Arzneimittel einnehmen, vertrauen zunächst auf eine heilende Wirkung. Und gleichzeitig darauf, dass Qualitätsstandards eingehalten werden. Beides stellt das Team unserer amtlichen Arzneimitteluntersuchungsstelle sicher – durch Kontrollen bei Arzneimittelherstellern und durch Analyse von Arzneimittelproben im behördlichen Auftrag. Damit leistet die AUST seit 80 Jahren einen Beitrag zur Arzneimittelsicherheit weit über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus.“
Am 4. März 1946, noch vor der Gründung von NRW, wurde die „Arzneimittel-Prüfungsstelle“ in Münster für die Provinz Westfalen ins Leben gerufen. Bereits im folgenden Jahr bildete sie die Keimzelle des damals neuen Chemischen Landes-Untersuchungsamtes Nordrhein-Westfalen. „Die Gründung fällt in eine Zeit, in der man froh war, das Mindestmaß an benötigten Arzneimitteln für die Bevölkerung zu haben“, resümiert Dr. Matthias Heuermann. Seit Ende 2004 leitet er die heutige Abteilung „Pharmazie“ samt AUST des LfGA NRW, in der 31 Mitarbeitende aktiv sind.
Das Spektrum der Proben, Kontrollen, Substanzen und Aufgaben hat sich seit der Gründung beträchtlich erweitert. Ebenso die hochtechnische Ausstattung der AUST, die über aufwendige und modernste Gerätschaften verfügt, deren Werte vom Mittelklasse-Auto bis hin zum großen Einfamilienhaus reichen können. Die Stoßrichtung aber ist immer gleichgeblieben, sagt Matthias Heuermann: „Damals wie heute hatte und hat das Labor eine Qualitätskontrollfunktion bei Arzneimitteln, deren Hersteller ihren Firmensitz in NRW haben.“
Pro Jahr werden rund 500 sogenannte Planproben am Münsteraner Standort an der Joseph-König-Straße, den die AUST 2019 bezogen hatte, untersucht. Etwa 100 dieser Proben machen Zytostatika (Medikamente gegen Krebserkrankungen) aus, die in nordrhein-westfälischen Apotheken hergestellt werden.
Dieser Untersuchungsschwerpunkt geht mit auf den „Bottroper Apothekerskandal“ von 2016 zurück. Damals hatte ein Apotheker in krimineller Absicht Krebsmedikamente mit erheblich geminderter Qualität hergestellt, teilweise ganz ohne oder mit falschem Wirkstoff. Über 100 polizeilich beschlagnahmte Proben mussten in kürzester Zeit akribisch untersucht werden. Dass die Ergebnisse später vor Gericht zu verteidigen sein würden, war allen Mitarbeitenden sofort klar. Diese Zeit beschreibt Matthias Heuermann als eine der spannendsten und zugleich schwierigsten seines Berufslebens: „Bei unseren Mitarbeitenden herrschte Entsetzen über derart gefälschte Medikamente, in die krebskranke Menschen all ihre Hoffnungen setzten. Der Druck war immens, aber die vor Gericht vertretenen Gutachten zu diesen Verdachtsproben trugen wesentlich zur Aufklärung und Verurteilung des Apothekers bei.“ Unangekündigt werden seitdem jährlich alle Zytostatika herstellenden Apotheken aufs Genaueste untersucht.
Ein weiterer Schwerpunkt des Labors liegt in der Zusammenarbeit mit Zoll und Polizei. Dazu gehört die Untersuchung häufig illegal vertriebener Arzneimittel, z. B. aus der Dopingszene oder Schlankheits- und Potenzmittel. Während diese Aufträge alles andere als planbar sind, überraschen die Inhalte das Team der AUST aber eher selten: Blaue Pillen sollen meist für mehr Potenz sorgen, rosarote Tabletten für mehr Muskulatur (anabole Steroide). Derartige Mittel mit ihrer angeblich harmlosen Wirkung sorgen im besten Falle nur für leere Konten und Enttäuschung. Nicht selten jedoch steht auch hier die Gesundheit auf dem Spiel.
Ganz gleich ob Arzneimittelfälschungen oder Lifestyle-Medikamente aus dem Internetvertrieb, Planproben aus der Pharmaindustrie, dem Großhandel oder aus Apotheken in NRW - die Abläufe im Labor ähneln sich, erklärt Matthias Heuermann: „Wir analysieren die Inhaltsstoffe und verfassen dazu Gutachten, die Mitarbeitenden der AUST sind reine Sachverständige. Sollte beispielsweise ein Arzneimittel aus dem pharmazeutischen Großhandel die erforderlichen Qualitätskriterien nicht erfüllen, informieren wir umgehend die zuständige Bezirksregierung, damit ohne Zeitverlust der weitere Verkauf eingestellt und das mangelhafte Produkt vom Markt genommen werden kann.“
Und wo kauft jemand, dessen Arbeit selbst für Sicherheit sorgt, seine Arzneimittel? „Nur in der Apotheke vor Ort“, legt sich Matthias Heuermann fest. „Da ist meine sofortige Versorgung sichergestellt. Dort gibt es sichere Arzneimittel in geprüfter Qualität.“ Umso wichtiger bleiben auch in diesem Zusammenhang die Untersuchungen der AUST: „Ich bin froh, dass ich so eine sinnstiftende Tätigkeit habe. Hierin sind sich alle Kolleginnen und Kollegen in Münster einig. Ohne deren Engagement wäre ein Fall wie in Bottrop mit über 100 Verdachtsproben nicht in der Kürze der Zeit zu stemmen gewesen“, schließt Matthias Heuermann. „NRW ist ein großes Land, da gehörte und gehört die AUST fest dazu.“
Hintergrundinformationen zur AUST:
Das Land Nordrhein-Westfalen unterhält im LfGA NRW ein Labor zur Untersuchung und Beurteilung der Qualität von Arzneimitteln in nahezu jeder Phase des „Lebenszyklus“. Im Auftrag der Arzneimittelüberwachungsbehörden, aber auch für Polizei und Zoll analysiert die AUST in Münster herstellerunabhängig und zentral für NRW alle Formen von Arzneimitteln.
Jedes in NRW hergestellte Human- und Tierarzneimittel unterliegt einer im europäischen Bereich üblichen, am Produktrisiko orientierten Routineüberwachung. Dabei werden rezepturmäßig von Apotheken hergestellte Arzneimittel genauso untersucht und bewertet wie industriell erzeugte Fertigarzneimittel für den deutschen und europäischen Markt. Die AUST des LfGA NRW ist Mitglied im Netzwerk der europäischen Arzneimittelkontrolllaboratorien (OMCL-Net) und ihre Untersuchungsergebnisse sind europaweit anerkannt. Die analytische Kompetenz des Labors ist durch eine Akkreditierung nach europäischem Standard (DIN EN ISO IEC 17025) belegt.
Neben der reinen Laborarbeit unterstützen die wissenschaftlichen Mitarbeitenden der AUST die unteren Gesundheitsbehörden sowie das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS NRW) bei fachlichen und rechtlichen Fragen zur Qualität von Arzneimitteln. Als Fachleute für pharmazeutische Analytik unterstützen die wissenschaftlichen Mitarbeitenden der AUST die Bezirksregierungen des Landes NRW bei der Kontrolle der Arzneimittelherstellung in den Betrieben der pharmazeutischen Industrie von NRW. Einzelne Mitarbeitende sind zudem im Bereich der Arzneimittelsicherheit und Arzneimittelversorgung (Sozialpharmazie) tätig.
Seit Gründung des LfGA NRW (1. Juli 2025) sind der Abteilung neue Aufgaben zugewiesen worden, etwa die Fachaufsicht über die Tätigkeiten der Amtsapothekerinnen und Amtsapotheker der Kreise und Städte Nordrhein-Westfalens.
Bei Rückfragen:
Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz Nordrhein-Westfalen
Presse und Öffentlichkeitsarbeit
Melanie Pothmann
Gesundheitscampus 10
44801 Bochum
Tel.: 0234 41692-1701
Mail: presse@lfga.nrw.de
https://www.lzg.nrw.de/9156741
Die AUST nimmt Arzneimittel unter die Lupe.
Copyright: ©thenort - stock.adobe.com
Dr. Matthias Heuermann leitet die AUST seit 2004.
Copyright: ©LfGA NRW
Criteria of this press release:
Business and commerce, Journalists, Scientists and scholars, Students, Teachers and pupils, all interested persons
Medicine, Nutrition / healthcare / nursing, Politics
transregional, national
Miscellaneous scientific news/publications, Personnel announcements
German

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