idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instance:
Share on: 
03/16/2026 11:21

Molekülketten mit Biss: Team aus Marburg und Gießen erzielt Durchbruch in der Polymerforschung

Christina Mühlenkamp Stabsstelle Hochschulkommunikation
Philipps-Universität Marburg

    Die längsten bislang hergestellten Ketten des leitfähigen Polymers Poly(p-phenylene) (PPP) sind knapp einen Mikrometer (tausendstel Millimeter) lang – fast eine Größenordnung länger als bisher möglich. Ein Forschungsteam aus Chemie und Physik um Prof. Dr. Michael Gottfried von der Philipps-Universität Marburg zeigt damit erstmals, dass sich PPP über eine spezifische ringöffnende Polymerisation als echtes Kettenwachstum („chain-growth“) auf Oberflächen synthetisieren lässt.

    Der statistisch häufigste gemessene Längenwert liegt bei rund 170 Nanometern – mit einem Ausreißer bis nahe 1.000 Nanometer. Rekord. Der neue, halogenfreie Prozess kommt ohne störende Nebenprodukte aus und eröffnet so einen besonders sauberen Zugang zu ultralangen, konjugierten Polymerketten. Die Ergebnisse veröffentlicht das interdisziplinäre Team von Uni Marburg, Gießen, Leipzig und chinesischen Forschenden im Fachmagazin „Nature Chemistry“.

    Gezieltes Kettenwachstum

    Im Unterschied zu bisherigen oberflächenbasierten Kopplungsreaktionen, bei denen viele kurze Molekülstücke zufällig zusammenfinden, wächst hier eine Kette kontrolliert an einem Ende weiter: Vorgespannte Ringmoleküle werden dazu auf einer Kupferoberfläche im Ultrahochvakuum durch das reaktive Kettenende geöffnet und angefügt. „Dieser Mechanismus verhindert Nebenprodukte, die sonst die Oberfläche für weitere Reaktionen blockieren würden“, berichtet der Chemiker Michael Gottfried. Mithilfe hochauflösender Rastertunnelmikroskopie (STM) und nicht-kontaktierender Rasterkraftmikroskopie (nc-AFM) mit funktionalisierter Spitze konnten die Forschenden einzelne Bindungen direkt sichtbar machen. Röntgen-Photoelektronenspektroskopie (XPS) und NEXAFS-Messungen belegten zusätzlich die chemischen Veränderungen während der Reaktion. Dichtefunktionaltheorie-Simulationen der Universität Leipzig untermauerten den vorgeschlagenen Reaktionsweg und erklärten die energetischen Vorteile des Kettenwachstums. Aus den ultralangen PPP-Ketten lassen sich durch gezieltes Erhitzen über spezifische Zwischenstufen neuartige Nanobänder mit Längen bis etwa 40 Nanometern erzeugen. „Aus zwei Ketten machen wir später wie bei einem Reißverschluss ein neues Band aus Kohlenstoff“, erklärt Gottfried.

    Anwendungspotenziale für molekulare Halbleiterbauelemente

    Die Arbeit ist Grundlagenforschung im besten Sinne: Sie erweitert das chemische Werkzeugset zur Herstellung atomar präziser Kohlenstoff-Strukturen – potenzieller Bausteine künftiger molekularer Elektronik, organischer Transistoren oder neuartiger Halbleiter-Nanobändern. „PPP zählt zu den konjugierten Polymeren, deren elektronische Eigenschaften stark von Kettenlänge und struktureller Perfektion abhängen“, kommentiert Gottfried. Zugleich dienen die nun zugänglichen ultralangen Ketten als Ausgangspunkt für definierte Kohlenstoff-Nanobänder mit maßgeschneiderten Eigenschaften.

    Kollaboration der kurzen Wege

    Möglich wurde der Durchbruch durch das enge Zusammenspiel von chemischem Design, Oberflächenphysik, hochauflösender Mikroskopie und Theorie im LOEWE-Schwerpunkt „Principles of On-Surface Synthesis (PriOSS)“, einem gemeinsamen Projekt der Universitäten Marburg und Gießen. Kurze Wege, interdisziplinäre Expertise und die konsequente Verbindung von Idee, Experiment und atomarer Bildgebung – dieser „Marburg-Gießen Spirit“ macht es möglich, Moleküle wie nach einem Bauplan zu konstruieren und ihre Entstehung Schritt für Schritt sichtbar zu machen. „Die Arbeit von Michael Gottfried und seinem Team zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial in der engen Zusammenarbeit der Universitäten Marburg und Gießen im Forschungscampus Mittelhessen liegt“, sagt Vizepräsident für Forschung Prof. Dr. Gert Bange. „Durch die Bündelung komplementärer Expertise entstehen hier wissenschaftliche Durchbrüche und neue Perspektiven für atomar präzise Materialien und zukünftige Halbleitertechnologien.“


    Contact for scientific information:

    Prof. Dr. J. Michael Gottfried
    Physikalische Chemie
    Fachbereich Chemie
    Philipps-Universität Marburg
    Tel.: 06421 28-22541
    E-Mail: michael.gottfried@chemie.uni-marburg.de


    Original publication:

    Qitang Fan, J. Michael Gottfried et al., On-Surface Radical Ring-Opening Polymerization Produces Ultra-Long Poly(p-phenylene) for Access to Nonbenzenoid Carbon Nanoribbons, Nature Chemistry (2026) https://www.nature.com/articles/s41557-026-02092-y


    Images

    Illustration
    Illustration
    Source: Illustration: Qitang Fan
    Copyright: Illustration: Qitang Fan

    Prof. Dr. J. Michael Gottfried
    Prof. Dr. J. Michael Gottfried
    Source: Foto: Jan Hosan
    Copyright: Foto: Jan Hosan


    Criteria of this press release:
    Journalists
    Chemistry, Physics / astronomy
    transregional, national
    Scientific Publications
    German


     

    Illustration


    For download

    x

    Prof. Dr. J. Michael Gottfried


    For download

    x

    Help

    Search / advanced search of the idw archives
    Combination of search terms

    You can combine search terms with and, or and/or not, e.g. Philo not logy.

    Brackets

    You can use brackets to separate combinations from each other, e.g. (Philo not logy) or (Psycho and logy).

    Phrases

    Coherent groups of words will be located as complete phrases if you put them into quotation marks, e.g. “Federal Republic of Germany”.

    Selection criteria

    You can also use the advanced search without entering search terms. It will then follow the criteria you have selected (e.g. country or subject area).

    If you have not selected any criteria in a given category, the entire category will be searched (e.g. all subject areas or all countries).