idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instance:
Share on: 
03/17/2026 14:16

Chemie auf vier Pfoten: Wie Hunde unser Raumklima verändern

Claudia Dolle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Chemie

    Hunde hinterlassen nicht nur Spuren auf dem Boden, sondern auch in der Luft: Sie verändern die Zusammensetzung ihrer Umgebung, von Gasen und Partikeln bis hin zu Mikroorganismen.

    Pressemitteilung der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) mit Ergänzungen des Max-Planck-Instituts für Chemie

    Auf den Punkt gebracht:

    - Messbarer Einfluss auf die Luft: Hunde verändern die chemische Zusammensetzung der Raumluft durch Gase wie CO₂ und Ammoniak.

    - Mobile Bio-Träger: Durch Schütteln und Bewegen bringen Hunde Pollen und Mikroorganismen in Innenräume und verteilen sie weiter.

    - Überraschend: Viele Schadstoffe entstehen erst beim Streicheln der Hunde auf dem Fell. Hautfette reagieren dort mit Ozon zu ultrafeinen Partikeln.

    - Präzisere Modelle: Die neuen Emissionsfaktoren helfen, die Luftqualität in Wohnungen realistischer zu simulieren und das Wohnumfeld gesünder zu gestalten.

    Unsichtbar und doch allgegenwärtig ist die Luft, die wir in Innenräumen atmen. Sie prägt maßgeblich unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden, denn sie ist weit mehr als gefilterte Außenluft: Raumluft hat ihre eigene chemische Identität, die sich aus einer einzigartigen Kombination aus Partikeln, Gasen und Mikroorganismen zusammensetzt. Welche Bestandteile dominieren, hängt selbst in gut gelüfteten Räumen davon ab, wer sich dort aufhält, was getan wird und welche Gegenstände vorhanden sind. Da die Einflüsse auf Raumluft vielfältig sind, kann die Konzentration mancher Schadstoffe genauso hoch oder sogar höher sein als im Freien, insbesondere bei alltäglichen Aktivitäten wie Kochen oder Putzen.

    Während der menschliche Einfluss auf die Luftqualität längst erforscht ist, hat sich bisher noch niemand näher mit der Rolle von Hunden befasst. Dabei gehören die Vierbeiner längst zum Alltag: Über eine halbe Million leben in Schweizer Haushalten, in Deutschland sind es sogar 10,5 Millionen.

    Diese Forschungslücke schließt nun eine Studie unter der Leitung der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL). Maßgeblich beteiligt war das Max-Planck-Institut für Chemie, das seine langjährige Expertise zur Atmosphärenchemie in die internationale Zusammenarbeit mit der EPFL, dem Finnischen Institut für Gesundheit und Soziales sowie der Technischen Universität Dänemark einbrachte.

    Quantitative Klarheit durch das HOBEL-Labor

    In der neuen Studie hat ein Forschungsteam des Human-Oriented Built Environment Lab (HOBEL) an der EPFL untersucht, welche Gase, Partikel und Mikroorganismen Hunde an ihre Umgebung abgeben. „Wir wollten wissenschaftliche Klarheit über Faktoren schaffen, die bisher nicht vollständig verstanden waren“, sagt Dusan Licina, Professor am HOBEL. „Die Ergebnisse liefern erstmals quantitative ‚Emissionsfaktoren‘, mit denen sich Modelle zur Innenraumluftqualität präzisieren lassen. Forscher können künftig realistischer simulieren, wie sich das Zusammenleben von Menschen und Haustieren auf die Luft in geschlossenen Räumen auswirkt. Das ist ein wichtiger Schritt, um Quellen der Luftverschmutzung besser zu verstehen und das Wohnumfeld gesünder zu gestalten.“

    Wie stark die Luft in Innenräumen belastet ist, lässt sich an bestimmten Schlüsselindikatoren ablesen. Wir Menschen selbst tragen erheblich dazu bei: Wir geben Hautzellen, Kleidungsfasern und Mikroorganismen an die Umgebung ab, unsere Atmung reichert die Luft mit CO₂ an, und über unsere Haut entweichen Spuren von Ammoniak und flüchtigen organischen Verbindungen. Hinzu kommen komplexe chemische Prozesse, beispielsweise wenn Luftmoleküle mit der Haut reagieren und sich dabei in neue Substanzen verwandeln.

    Um den Einfluss von Hunden auf die Luft, die wir in Innenräumen atmen, zu bestimmen, untersuchte das Forschungsteam dieselben Faktoren wie bei Menschen. Wenig überraschend zeigte sich: Hunde stoßen ähnlich viel CO₂ aus wie Menschen. Ein großer Hund, wie ein Mastiff oder ein Neufundländer, kann genauso viel CO₂ produzieren wie ein erwachsener Mensch in Ruhe.

    Auch Ammoniak, bekannt für seinen stechenden Geruch und seine reizende Wirkung, gehört zu den typischen Nebenprodukten von Menschen und Tieren. Es wird bei der Verdauung von Proteinen in geringen Mengen gebildet, kann über Haut oder Atem freigesetzt werden und reagiert in der Luft weiter zu neuen chemischen Verbindungen. In puncto abgegebener Menge ähneln sich Hunde und ihre Besitzer ebenfalls, mit einem interessanten Unterschied: „Ein Hund, der die gleiche Menge CO₂ ausatmet wie ein Mensch, produziert deutlich mehr Ammoniak. Das liegt wahrscheinlich an der proteinreicheren Ernährung, dem speziellen Stoffwechsel und der schnellen Atmung, über die Hunde ihre Körpertemperatur regulieren“, erklärt der Umweltingenieur Licina. Da Hunde einen Großteil des Tages schlafend verbringen und dabei langsamer oder unregelmäßig atmen, gleicht sich die Gesamtmenge über den Tag betrachtet aber in etwa der des Menschen an.

    Hundehaare, Staub und Partikelwolken

    Wenn es um Luftschadstoffe geht, hinterlassen Hunde vor allem winzige feste und flüssige Partikel in der Raumluft. Welcher Hundebesitzer hat sich nicht schon einmal gefragt, was sein Vierbeiner vom Gassigehen alles im Fell mit nach Hause bringt? Die Studie liefert darauf nun eine konkrete Antwort. Wenn Hunde sich schütteln, kratzen oder einfach nur gestreichelt werden, setzen sie beträchtliche Mengen relativ großer Partikel frei: Staub, Pollen, Pflanzenreste und Mikroben.

    Jedes Mal, wenn sich die Hunde in der Versuchskammer bewegten, registrierten die Sensoren regelrechte „Wolken” aus Innenraumverschmutzung. Die großen Hunde gaben dabei zwei- bis viermal mehr Mikroorganismen ab als die Menschen im selben Raum. Viele dieser Partikel leuchten schwach, wenn sie mit ultraviolettem Licht bestrahlt werden und verraten so ihren biologischen Ursprung. „Diese hohe mikrobielle Vielfalt ist nicht unbedingt eine schlechte Nachricht”, sagt Licina. „Einige Studien deuten darauf hin, dass der Kontakt mit einer Vielzahl von Mikroben die Entwicklung des Immunsystems fördern kann, besonders bei Kindern. Die genauen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit sind jedoch noch wenig erforscht und können von Person zu Person stark variieren. Unsere Messungen helfen aber zu quantifizieren, wie Haustiere als mobile „Träger“ fungieren: Sie bringen biologisches Material in Innenräume und verteilen es durch alltägliche Aktivitäten weiter.“

    Die Wirkung von Streicheln und Ozon

    Die Studie wirft auch einen Blick auf sekundäre chemische Reaktionen. Als die Forscher:innen kleine Mengen an Ozon (O₃) in einer Konzentration, wie sie typischerweise in sauberer Außenluft vorkommt, in die Versuchskammer einleiteten, veränderte sich die Zusammensetzung der Luft merklich. Ein hochsensitives TOF-Massenspektrometer des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie registrierte dabei fortlaufend winzige chemische Reaktionen. Ozon bleibt nach dem Eindringen in Innenräume nicht lange unverändert. Trifft es auf menschliche Haut, reagiert es rasch mit dem Hautfett Squalen und bildet neue chemische Verbindungen, darunter Aldehyde und Ketone sowie ultrafeine Partikel. „Weil Hundehaut keine Poren hat, nicht mit Squalen bedeckt ist und Hunde sich über Hecheln statt Schwitzen abkühlen, sind wir zunächst davon ausgegangen, dass sich die freigesetzten flüchtigen organischen Verbindungen deutlich unterscheiden würden“, erklärt Atmosphärenchemiker Jonathan Williams vom Max-Planck-Institut für Chemie. Tatsächlich zeigten sich bei Hunden aber ähnliche Ozonreaktionen wie beim Menschen. Ein Grund, so Williams: „Beim Streicheln übertragen wir Hautrückstände auf das Fell, die anschließend mit Ozon reagieren und wiederum Nebenprodukte und ultrafeine Partikel entstehen lassen.“

    Trotz aller Streicheleinheiten produzierten die an der Studie beteiligten durchschnittlich 40 Prozent weniger Ozon-Abbauprodukte als Menschen. Ein Interaktionsweg, der in Modellen der Raumluftchemie bisher weitgehend übersehen wurde. Offen bleibt, ob Hunde darüber hinaus auch als „Ozon-Senken“ wirken, also Ozon abbauen können. Künftige Studien sollen zudem klären, inwiefern Rasse, Ernährung oder Pflegegewohnheiten eine Rolle spielen und ob andere Haustiere ähnliche Effekte zeigen.

    Eine Umweltkammer als hochpräzises Labor

    Um verlässliche Daten zu gewinnen, führten die Forschenden ihre Experimente in einer streng kontrollierten Umweltkammer auf dem EPFL-Campus in Freiburg (Schweiz) durch. Die Kammer ist mit hochpräzisen Messgeräten ausgestattet, bildet einen normalen Innenraum nach und schirmt Störungen von außen ab. Da die Luft gefiltert und Temperatur und Luftfeuchtigkeit konstant gehalten wurden, ließen sich Veränderungen der Luftqualität klar den Hunden zuordnen und nicht anderen Umwelteinflüssen.

    „Am schwierigsten war es, alle erforderlichen Genehmigungen zu erhalten und die ethischen Vorgaben einzuhalten“, sagt Licina. Die Tiere mussten miteinander vertraut sein und von einer ihnen bekannten Person begleitet werden, um Stress zu reduzieren. Die Studienpopulation bestand aus zwei Gruppen: drei großen Hunde in der einen und vier kleinen Hunden (Chihuahuas) in der anderen.

    Gemeinsam mit ihren menschlichen Begleitern wechselten die Hunde zwischen Ruhe und Aktivität– sie liefen umher, spielten ruhig und wurden gestreichelt. So konnten die Forscher:innen fast in Echtzeit und unter realitätsnahen Bedingungen verfolgen, wie die Tiere die Umgebungsluft verändern. Für die Hunde war die Umweltkammer ein Wohnzimmer auf Zeit, für die Forschenden ein hochpräzises Labor.

    Urheberrechtshinweise & Lizenzhinweis:
    Diese Pressemitteilung basiert auf der Pressemitteilung „Dogs affect the quality of our indoor air“ der EPFL (https://news.epfl.ch/news/dogs-affect-the-quality-of-our-indoor-air/). Die Übersetzung und Erweiterung wurden vom MPI für Chemie erstellt. Das Werk steht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-SA 4.0.


    Contact for scientific information:

    Prof. Dr. Jonathan Williams
    +49 6131 305-4500
    Jonathan.Williams@mpic.de


    Original publication:

    Shen Yang, Nijing Wang, Tatjana Arnoldi-Meadows, Gabriel Bekö, Meixia Zhang, Marouane Merizak, Pawel Wargocki, Jonathan Williams, Martin Täubel, Dusan Licina, Our Best Friends: How Dogs Alter Indoor Air Quality. February 1 2026, Environmental Science & Technology. https://pubs.acs.org/doi/10.1021/acs.est.5c13324


    More information:

    https://www.mpic.de/5874889/einfluss-von-hunden-auf-innenraumluft


    Images

    Dusan Licina, Professor am HOBEL Lab der EPFL, und Tatjana Arnoldi-Meadows, Doktorandin am MPI für Chemie. Sie erforscht, wie Menschen und ihre Aktivitäten die Innenraumluft beeinflussen. Mit im Bild: 4 Chihuahuas, ein Teil der Studienteilnehmer.
    Dusan Licina, Professor am HOBEL Lab der EPFL, und Tatjana Arnoldi-Meadows, Doktorandin am MPI für C ...
    Source: HOBEL Lab
    Copyright: HOBEL Lab


    Criteria of this press release:
    Journalists
    Biology, Chemistry, Environment / ecology, Social studies, Zoology / agricultural and forest sciences
    transregional, national
    Miscellaneous scientific news/publications
    German


     

    Dusan Licina, Professor am HOBEL Lab der EPFL, und Tatjana Arnoldi-Meadows, Doktorandin am MPI für Chemie. Sie erforscht, wie Menschen und ihre Aktivitäten die Innenraumluft beeinflussen. Mit im Bild: 4 Chihuahuas, ein Teil der Studienteilnehmer.


    For download

    x

    Help

    Search / advanced search of the idw archives
    Combination of search terms

    You can combine search terms with and, or and/or not, e.g. Philo not logy.

    Brackets

    You can use brackets to separate combinations from each other, e.g. (Philo not logy) or (Psycho and logy).

    Phrases

    Coherent groups of words will be located as complete phrases if you put them into quotation marks, e.g. “Federal Republic of Germany”.

    Selection criteria

    You can also use the advanced search without entering search terms. It will then follow the criteria you have selected (e.g. country or subject area).

    If you have not selected any criteria in a given category, the entire category will be searched (e.g. all subject areas or all countries).